In den vergangenen Jahren sind wir oft unsanft wachgerüttelt worden: Wenn wieder mal eine Tierseuche grassierte wie BSE oder Schweinepest. Die Tiere verendeten elendig, und selbst Menschen konnten daran sterben. Es folgten Proteste gegen Massentierhaltung, im Fernsehen liefen schreckliche Bilder aus Tierfabriken, alle gelobten Besserung.

Doch die Wut verebbte, ebenso das Interesse, und unverändert steht Schlachtvieh in vielen deutschen Betrieben eingepfercht in Ställen. Hühner fristen in Legebatterien ihr Dasein, bis sie weiterverarbeitet werden. Nicht umsonst beschweren sich Tierschützer immer wieder, dass es nicht so weitergehen darf mit Profit und Billigfleisch.

Tierschutz ist ein schönes Wort, es steht ja auch im Grundgesetz, dass diese Lebewesen geschützt werden. Wenn sich allerdings wirklich was ändern soll, gibt es plötzlich ganz viele Hürden – und meistens liegt es am Geld.

Die Betriebe klagen, die Landwirte – und natürlich ist auch der Verbraucher gefragt, bewusster und nachhaltiger zu leben. Doch das kann man in Zeiten wie diesen kaum verlangen. Viele müssen eh schon sehen, wo sie bleiben, alles wird teurer, besonders auch das Fleisch. Viele können gar nicht anders, als auf günstige Produkte auszuweichen. Herkunft oder Haltung spielen da eher eine Nebenrolle.

In dieser Woche hat Agrarminister Cem Özdemir nun sein staatliches Tierwohl-Label präsentiert. Es soll dafür sorgen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher im Supermarkt schnell erkennen können, ob Wurst und Schnitzel von Tieren aus artgerechter Haltung stammen.

Er ist nicht der erste Politiker, der sich zum Robin Hood des Tierwohls ernannt hat. Gefühlt versuchten mehrere Landwirtschaftsminister – darunter auch seine Vorgängerin Julia Klöckner (CDU) – seit Jahren, etwas am aktuellen Zustand zu ändern, scheiterten aber immer wieder, sei es in der eigenen Behörde oder im Bundestag. Oder an Lobbyisten. Interessen gibt es viele in dem Bereich und in der Branche – allerdings liegen sie meist nicht im Interesse der Tiere.

Nun soll alles anders werden. Der Grünen-Politiker setzt auf ein fünfstufiges Modell – daran sollen Verbraucherinnen und Verbraucher ablesen können, wie viel Platz den Tieren während der Mast zur Verfügung stand und wie komfortabel ihre Ställe waren.

Bei der Haltungsform „Stall“ werden lediglich die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt. Bei „Stall + Platz“ bekommen die Tiere 20 Prozent mehr Raum, „Frischluftställe“ sind mindestens auf einer Seite offen, bei „Auslauf/Freiland“ dürfen die Tiere mindestens acht Stunden täglich ins Freie, und die Haltungsform „Bio“ bedeutet größere Auslaufflächen und noch mehr Platz im Stall.

Der Bio-Passus Özdemirs ist neu, alles andere nicht. Doch jetzt schon zeichnet sich ab, dass auch dieses Modell zerpflückt wird, auch wenn die verbindliche Tierhaltungskennzeichnung im Koalitionsvertrag verankert ist. Es gibt viele Haken. Der  erste ist, dass das Tierwohl-Label vorerst nur für Schweine gelten soll. Rinder oder Hühner beispielsweise sind ausgenommen. Ein weiterer Stolperstein ist, dass die Kennzeichnungspflicht nur für deutsche Produkte gilt. Alles was aus dem Ausland kommt, darf weiterhin unetikettiert in den Supermarktregalen liegen – und ist dadurch natürlich billiger.

Artgerechte Tierhaltung: SPD, Grüne und FDP streiten noch

Außerdem bleibt die Frage, wie der Umbau zu tiergerechteren Ställen finanziert werden soll. Die Reform der Finanzierung gehört zur verpflichtenden Haltungskennzeichnung dazu, im Koalitionsvertrag bleibt die Formulierung allerdings vage. Zwar liegen Vorschläge einer Expertenkommission auf dem Tisch. Diese nimmt auch die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Pflicht. Als denkbar gilt ein Aufschlag von 40 Cent pro Kilogramm Fleisch. Doch das umzusetzen, wird in diesen Zeiten schwierig sein.

Uneinigkeit gibt es auch in der Ampelkoalition. Die FDP will angesichts der Inflation auf keinen Fall die Mehrwertsteuer auf Fleisch anheben, setzt vielmehr auf die im Agrar-Etat vorgesehene zusätzliche eine Milliarde Euro für Stallumbauten. Aber dann muss auch noch die Fleischkennzeichnung finanziert werden. Das ist eine weitere offene Baustelle. Ausgespart sind auch der Transport und die Schlachtung der Tiere.

Daher – schauen wir mal, was von dem Label, das dem Tierwohl und letztlich auch dem Wohl des Menschen dienen soll, am Ende übrig bleibt, wenn es im Bundestag beschlossen wird. Wenn es sich durchsetzt, ist es immerhin ein Anfang. Aber eigentlich gibt es nur einen Weg: Wir müssen raus aus der Turbo-Tierhaltung.