Der chinesischen Wissenschaftler Ilham Tohti.
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StraßburgJewher Ilham, Tochter des diesjährigen Sacharow-Preisträgers Ilham Tohti, macht sich große Sorgen um ihren seit Jahren in China inhaftierten Vater. „Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt“, sagte die 25-jährige Uigurin der Nachrichtenagentur AFP in Straßburg.

Seit 2017 habe sie keinerlei Kontakt mehr zu ihm gehabt. Am Mittwoch wird Jewher Ilham im EU-Parlament stellvertretend für ihren Vater den diesjährigen Sacharow-Preis für geistige Freiheit entgegennehmen. Die EU-Abgeordneten hatten den chinesisch-uigurischen Regierungskritiker im Oktober wegen seines Engagements für die Verständigung zwischen Uiguren und Han-Chinesen ausgewählt.

„Mein Vater hat eine Webseite erstellt, um eine Austauschplattform für Uiguren, Chinesen und andere Minderheiten zu schaffen“, sagte Ilham. Das habe die Aufmerksamkeit der chinesischen Behörden auf ihn gelenkt. 2014 wurde Tohti in einem international scharf kritisierten Prozess wegen „Separatismus“ zu lebenslanger Haft verurteilt.

Anschläge und Unterdrückung im Nordwesten Chinas

Die mehrheitlich muslimische Minderheit der Uiguren, die vorrangig in der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang leben, wird in China nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen massiv unterdrückt. Die Uiguren fühlen sich von Peking benachteiligt und durch die systematische Ansiedlung von Han-Chinesen in Xinjiang an den Rand gedrängt.

In den vergangenen Jahren war die Provinz immer wieder Schauplatz von Anschlägen. Den Ursprung dieses Konflikts sieht Jehwer Ilham im fehlenden Verständnis der Volksgruppen füreinander. Zugleich mache die Zensur des chinesischen Staates eine Verständigung unmöglich: „Die chinesische Regierung (...) will nicht, dass die Bürger Bescheid wissen.“ Deshalb hätten sie ihren Vater beschuldigt.

Vorschlag des Separatismus nicht begründet

Dabei habe ihr Vater nicht einmal offen Kritik geübt und nie von Separatismus gesprochen. „Um ehrlich zu sein, war er sehr vorsichtig mit seinen Worten“, sagte Jehwer Ilham. Vielen Uiguren sei er sogar zu moderat gewesen. Jehwer Ilham berichtet, dass sie gemeinsam mit ihrem Vater in die USA reisen wollte, als er im Februar 2013 in China am Flughafen festgenommen und unter Hausarrest gestellt wurde. „Weil ich nur 18 Jahre alt war, ließen sie mich gehen.“

Sie selbst lebt seither in den USA. Durch den Sacharow-Preis erhofft sich Jehwer Ilham die baldige Freilassung ihres Vaters. Sie habe gehört, dass erst kürzlich ein früherer Sacharow-Preisträger in Russland aus dem Gefängnis entlassen worden sei, sagte sie. Dabei bezieht sie sich auf den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow, dessen Cousine im vergangenen Jahr die Auszeichnung des EU-Parlaments stellvertretend für ihn entgegengenommen hatte. Senzow kam schließlich im September dieses Jahres frei.