Eine rote Rose liegt im Gleisbett von Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs an jener Stelle, an der ein achtjähriger Junge von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet wurde.
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Frankfurt a. M.Am Gleis 7 fährt ein ICE ein. Von dort verkehren die Züge nach Köln, Garmisch-Partenkirchen und München. Nicht viele Menschen warten auf dem Bahnsteig in Frankfurt am Main. Was mit der Corona-Pandemie zu tun haben muss. Schließlich ist das hier eigentlich einer der meist frequentierten Fernbahnhöfe Deutschlands mit bis zu einer halben Million Reisenden am Tag. 

Carsten Baumann läuft an den Wartenden vorbei. Er bleibt im Abschnitt E stehen und zeigt auf das Gleis. „In dieser Höhe des Bahnsteigs ist es passiert“, sagt der 52-Jährige. „Dort starb der kleine Leo.“ Baumann ist Leiter der Bahnhofsmission, er kennt durch seine Arbeit viele Schicksale. Er hat tränenreiche Abschiede, aber auch schöne Momente erlebt. So, wie es ein so großer Bahnhof mit sich bringe, wie er sagt. Doch etwas so Tragisches wie am 29. Juli vorigen Jahres habe er noch nie ertragen müssen.

Es war Urlaubszeit, Tausende Reisende waren auf dem Weg in die Ferien. Auch Leo und seine Mutter. Ihr Ferienziel hieß Österreich. An jenem Tag wurde Baumann kurz nach 10 Uhr zum Gleis 7 gerufen. Es sei ein Unglück geschehen, hieß es. Der Diakon machte sich sofort auf den Weg. Bis zu dieser Stelle am Abschnitt E, an der ein ICE nach einer Gefahrenbremsung zum Stehen gekommen war. Wo verstörte und entsetzte Menschen standen, erstarrt und unfähig, den Ort zu verlassen. Eine Frau wurde auf einer Trage zu einem Rettungswagen gebracht – es war Leos Mutter.

Wie Baumann kurz darauf erfuhr, hatte ein Mann die wartende Frau und ihr Kind vor den einfahrenden Zug gestoßen. Während sich die Mutter noch rechtzeitig von den Schienen in Richtung des Nachbargleises rollen konnte, wurde der Junge von dem einfahrenden Zug erfasst und getötet.

Sie waren Zufallsopfer, zur falschen Zeit am falschen Ort

Der mutmaßliche Täter kannte die Frau und das Kind nicht, sie waren Zufallsopfer, zur falschen Zeit am falschen Ort. „Die Tat hat die Menschen nicht nur hier in Frankfurt bis ins Mark getroffen“, sagt Baumann. „Weil es um ein Kind geht und weil es jeden hätte treffen können, niemand konnte sich vorstellen, dass so eine unfassbare Tat geschieht.“ Der Tod, er kam aus dem Nichts.

387 Tage nach dem Tod von Leo drängen sich an diesem Mittwochmorgen Dutzende Menschen am Eingang von Saal 1 des Landgerichts Frankfurt am Main. Sie wollen den Prozess gegen den Mann verfolgen, der für den Tod des Jungen verantwortlich sein soll. Der Fall hatte wochenlang für Schlagzeilen gesorgt und eine Diskussion um die Sicherheit an Bahnhöfen entfacht. Er hatte in den sozialen Netzwerken die Zahl der Hasskommentare gegen Menschen aus der Fremde hochschnellen lassen – war der mutmaßliche Täter doch ein aus Eritrea geflüchteter Mann.

Nicht alle am Prozess Interessierten werden eingelassen. Wegen der Corona-Pandemie darf nur jeder dritte Platz besetzt werden. Leos Eltern sind Nebenkläger, doch nur der Vater vermag es, an dem Prozess teilzunehmen. „Leos Mutter befindet sich phsychisch in einem tiefen Tal“, sagt Ulrich Warncke, der Anwalt der Eltern. Die Eltern seien am Boden zerstört. Es gebe nichts Schlimmeres, als den eigenen Sohn zu Grabe tragen zu müssen.

Kaum hat Leos Vater im Saal neben seinem Anwalt Platz genommen, da öffnet sich auf der anderen Seite des Raums eine Tür. Habte A. wird hereingeführt. Der Mann, der Leo getötet haben soll. Habte A. trägt Jeans, Turnschuhe und ein Hawaii-Hemd. Der 41-jährige Mann wird aus einem psychiatrischen Krankenhaus vorgeführt. Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Die Handschellen werden erst abgenommen, als er sitzt. Die Vorwürfe gegen ihn lauten auf Totschlag, versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Die Kammer hat erklärt, dass es sich auch um Mord und versuchten Mord handeln könnte, wenn nachgewiesen werde, dass Habte A. die Arg- und Wehrlosigkeit seiner Opfer bewusst ausgenutzt habe.

Doch es ist unwahrscheinlich, dass der Mann, der in Eritrea geboren wurde, 2005 nach Europa floh und ein Jahr später in die Schweiz kam, ins Gefängnis kommt. Er gilt als psychisch krank, wird in dem Prozess nicht als Angeklagter geführt, sondern als Beschuldigter. Er hörte Stimmen, er fühlte sich verfolgt. Er sagt selbst, dass er sich an die Tat nicht erinnern könne. Für ihn ist es nicht vorstellbar, etwas so Furchtbares getan zu haben. Habte A. ist nach einem vorläufigen psychiatrischen Gutachten schuldunfähig. Deswegen strebt die Staatsanwaltschaft in diesem Sicherungsverfahren die dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie an. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Habte A. weitere schwere Straftaten begehe.

Habte A. entschuldigt sich bei Leos Familie

Der Beschuldigte lässt gleich zu Beginn des Prozesses seinen Anwalt eine Erklärung verlesen. Sie ist kurz. Habte A. entschuldigt sich bei Leos Familie, den Eltern und der älteren Schwester. „Es tut mir unendlich leid – vor allem für die Familie des ums Leben gekommenen Jungen“, heißt es in dem kurzen Statement. Ansonsten schweigt der Beschuldigte.

Zu Wort kommen Zeugen, die das Drama am Gleis 7 hautnah miterlebt haben. So wie Gerlinde S., eine zierliche Frau von 79 Jahren, die ihren Mann mitgebracht hat. Auch sie wollte Habte A. offenbar auf die Schienen schubsen. Durch den kräftigen Stoß fiel die Seniorin auf den Bahnsteig, sie brach sich den rechten Ellenbogen. Noch immer macht ihr die Verletzung zu schaffen, aber weit schwerer wiege das, was sie gesehen habe und was sie noch immer psychisch schwer mitnehme.

Die pensionierte Lehrerin hatte am Vormittag des Tattages gegen 10 Uhr am Gleis 7 auf den ICE 599 gewartet. Sie wollte nach München fahren, um dort ihre zwei Enkelkinder für die Ferien abzuholen. Der Bahnsteig sei voller Leute gewesen. Ihr sei ein Mann aufgefallen, der hinter einem Pfeiler gestanden und offenbar den Bahnsteig beobachtet habe. „Ich habe mich gewundert, weil er kein Gepäck bei sich hatte“, erinnert sie sich im Zeugenstand.

Dann fuhr der Zug ein, Gerlinde S. schaute nach links. „Ich sah diesen Mann wieder, der plötzlich mit großer Gewalt eine Frau und ein Kind auf die Gleise stieß.“ Sie sah Mutter und Sohn durch die Luft fliegen. Gerlinde S. konnte noch nicht einmal schreien, weil auch sie von dem Mann wuchtig in Richtung der Gleise gestoßen wurde.

Gerlinde S. fiel nicht auf die Schienen, sondern auf den Bahnsteig. Sie habe die Schreie der Menschen gehört, habe in den Gesichtern der Reisenden blankes Entsetzen gesehen, sagt sie nun. Und dann sei da plötzlich wieder diese Frau auf dem Bahnsteig gewesen, die der Mann auf das Gleis gestoßen habe. „Die schrie ganz fürchterlich, und der Junge war weg“, sagt Gerlinde S. über die dramatischen Minuten.

Habte A. ist selbst Vater von drei kleinen Kindern. Er hatte seit Jahren eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für die Schweiz und lebte mit seiner Familie im beschaulichen Wädenswil im Bezirk Horgen im Kanton Zürich. Von der Ortschaft soll man einen wunderschönen Blick auf den Zürichsee haben. Habte A. verdiente zunächst als Bauschlosser sein Geld, später erhielt er bei den Schweizer Verkehrsbetrieben eine Festanstellung, wartete dort Straßenbahnen. Noch vor drei Jahren wurde er im Bericht des Schweizerischen Hilfswerks als Beispiel einer gelungenen Integration porträtiert.

Dem psychiatrischen Gutachter sagte Habte A. nach seiner Festnahme, dass ihn seine Kollegen durch den festen Job plötzlich „als Problem wahrgenommen“ hätten. Ab November 2018 sei es ihm immer schlechter gegangen. Er habe Stimmen gehört, die ihm Befehle erteilten, die seine Familie bedrohten. Er habe sich fremdgesteuert, beobachtet und verfolgt gefühlt. Der Sachverständige wird an diesem ersten Prozesstag ebenfalls als Zeuge gehört.

Habte A. ging zum Arzt, er wurde wegen Depressionen krankgeschrieben, er war nicht mehr belastbar, konnte nicht mehr schlafen. Er kündigte selbst seine Anstellung. Dann habe er sich der Verfolgung durch Flucht nach Deutschland entziehen wollen, so erzählte er es dem Gutachter.

Vier Tage vor Leos gewaltsamem Tod bedrohte Habte A. eine Nachbarin mit einem Messer und sperrte seine neun Jahre jüngere Ehefrau und die drei Kinder ein. Beide Frauen sollen später gesagt haben, dass sie Habte A. noch nie so gesehen hätten. Die Polizei fahndete daraufhin nach dem Mann – jedoch nur in der Schweiz. Doch der Gesuchte hatte sich längst in einen Zug gesetzt und war nach Frankfurt am Main gefahren. Sein Handy hatte er nach eigenen Angaben aus Angst vor den Verfolgern zerstört.

Habte A. schlief auf Parkbänken und fuhr stundenlang mit der Straßenbahn herum. Am 29. Juli, so hat er es dem Gutachter erzählt, habe er am Bahnhof eigentlich nur ein Ticket für die Heimreise kaufen wollen. An einen Befehl, einen Menschen zu töten, könne er sich nicht erinnern. Ebenso wenig an die Tat. Sollten die Vorwürfe zutreffen, so gab er zu Protokoll, müsse er total außer Kontrolle gewesen sein. Habte A. nannte im Gespräch mit dem Gutachter die Tat den größten Fehler seines Lebens.

Leos Vater hört sich die Zeugen an, er nimmt die Entschuldigung des Mannes, der ihm seinen Sohn genommen hat, zur Kenntnis. Annehmen werde und könne er die Entschuldigung nicht, sagt sein Anwalt Ulrich Warncke später. Eine solche Tat könne man nicht verzeihen. Der Jurist sagt, es sei für die Unterbringung in der Psychiatrie zwar egal, ob der Beschuldigte wegen Totschlags oder Mordes verurteilt werde. Für die Familie jedoch mache das schon einen Unterschied. Leos Vater will auch bei noch ausstehenden fünf Verhandlungstagen Habte A. gegenübersitzen.

Das Blumenmeer für den achtjährigen Leo am Zugang zu Gleis 7 ist längst verschwunden, ebenso wie die vielen Plüschtiere, die Eintracht-Frankfurt-Schals, die Sachertorte, die ein mitfühlender Mensch für das getötete Kind gekauft hatte. Eine Gedenktafel soll am Abschnitt E von Gleis 7 an das Schicksal des Jungen erinnern. Die Deutsche Bahn sei mit der betroffenen Familie in Kontakt, sagt Diakon Baumann. Die Tafel sei richtig und wichtig. Es sei schließlich ein Kind auf ganz tragische Weise ums Leben gekommen. Leos Schicksal habe das ganze Land erschüttert.

Baumann weiß: So eine Tat könnte jeden Moment wieder geschehen.