In Trümmern: die Reste des Gehöfts, in dem sich der IS-Chef versteckt hatte. 
Foto: AP/Ghaith Alsayed

IdlibAls wollte Recep Tayyip Erdogan der Welt beweisen, wie gut sein Sicherheitsapparat arbeitet, lässt der türkische Staatspräsident zurzeit eine Razzia auf die andere folgen gegen Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Vor wenigen Tagen verkündete sein Innenminister Süleyman Soylu, dass im türkisch kontrollierten Gebiet Syriens ein „IS-Führungsmitglied“ namens Yusuf Huba festgenommen wurde, der mutmaßliche Drahtzieher der Messerattacke vom Juli 2017 in Hamburg. Bei dem Anschlag tötete ein inzwischen wegen Mordes verurteilter palästinensischer Asylbewerber einen Mann und verletzte fünf Menschen. Ein weiterer aufsehenerregender Fang war der türkischen Polizei Mitte November gelungen, als sie 25 Angehörige des früheren IS-Chefs Abu Bakr al-Bagdadi aufgreifen konnte. Zuvor waren den Fahndern bereits enge Angehörige des IS-Kalifen ins Netz gegangen.

Auffallend ist, dass diese Antiterror-Erfolgsserie eine Woche nach dem Tod Bagdadis begann. Der meistgesuchte Terrorist der Welt wurde am 26. Oktober bei einer dramatischen Militäraktion von einem US-Spezialkommando in Syrien gestellt und zündete dann eine Sprengstoffweste. „Bagdadi war völlig isoliert“, behauptete US-Präsident Donald Trump Stunden später. Genau daran aber gibt es zunehmend Zweifel.

Denn der „unsichtbare Scheich“ des IS hatte sich seit mindestens drei Monaten in der Provinz Idlib aufgehalten. Sein Versteck in einem Gehöft am Rand des Dorfes Barischa lag im unmittelbaren Einflussbereich der Türkei, fünf Kilometer entfernt von der türkischen Grenze, und damit in einem Gebiet, in dem türkische Soldaten patrouillieren und auch der türkische Geheimdienst MIT operiert.

WLAN im Versteck

Die US-Elitesoldaten stellten in Bagdadis Anwesen zahlreiche Papiere, Laptops und Handys sicher, über deren Inhalt bisher nur wenig bekannt ist. Sie dürften dazu geführt haben, dass ein amerikanisches Spezialkommando nur einen Tag später auch Bagdadis Chefpropagandisten Abu Hassan al-Muhajir nahe der syrischen Grenzstadt Dscharablus in einem türkischen Protektorat fand und tötete. Und sie haben vermutlich bewirkt, dass amerikanische Kampfjets am 10. November das mutmaßliche Haus des Nachfolge-Kalifen Ibrahim al-Haschimi al-Kuraischi in der unter türkischer Kontrolle stehenden syrischen Kleinstadt Azaz bombardierten.

Damit wurde eine Frage unabweisbar: Wie kann es sein, dass die Terrorpaten monatelang unbehelligt direkt unter den Augen Ankaras lebten? Der frühere US-Syriengesandte Brett McGurk fasste das Unbehagen in einem Kommentar für die Washington Post mit dem Satz zusammen: „Die Türkei hat einiges zu erklären.“

Gleichzeitig spürten Journalisten einer möglichen Kooperation von Bagdadi und der türkischen Regierung nach. Die bekannte libanesische Kriegsreporterin Jenan Moussa veröffentlichte vergangene Woche brisante Dokumente aus Bagdadis Rückzugsort, die die Amerikaner womöglich übersehen hatten. Es handelt sich um Rechnungen, aus denen hervorgeht, dass die Bewohner – und damit der IS-Kalif – seit Anfang Februar über WLAN verfügten und das Netz noch am Tag vor dem US-Angriff nutzten.

„Warum ist die Entdeckung der Internetverbindung in Bagdadis Anwesen wichtig?“, fragt Jenan Moussa. „Viele nahmen an, dass Bagdadi in völliger Isolation lebte. Aber die Netzverbindung legt nahe, dass er – obwohl er sich versteckte – nicht völlig vom IS isoliert war und bis zum Ende (einige) Fäden zog.“ Der Fund könne eine interessante Lehre für Terror-Analysten darstellen, schreibt sie. „Einige Terrorverdächtige mögen sich in völlige Isolation begeben. Andere benutzen Kuriere. Aber selbst auf der Flucht bleiben einige noch nah am Internet.“

Die Zeitung The National aus Abu Dhabi berichtet wenig später unter Berufung auf zwei hohe irakische Geheimdienstbeamte, dass Bagdadi tatsächlich auch einen persönlichen Kurier benutzte, um Verbindung mit seiner Organisation zu halten. Bagdadis Bruder Juma war in den Monaten vor dem Tod des Terrorchefs oft ohne Behinderungen durch die Türken zwischen der syrischen Provinz Idlib und Istanbul gependelt. Die Iraker wurden auf ihn aufmerksam, als er von der syrisch-türkischen Grenze in die 16-Millionen-Metropole fuhr, welche die IS-Führung offenbar als eine neue Operationsbasis gewählt hatte. Sie beschatteten Juma gemeinsam mit amerikanischen Geheimdiensten, bis er im April von einem Syrien-Aufenthalt nicht zurückkehrte.

„Es gibt keine harten Beweise für die Vorwürfe gegen Ankara, aber in Geheimdienstkreisen weisen viele auf eine passive Haltung des türkischen Sicherheitsapparats gegenüber dem IS hin, die es ihm ermöglicht hat, innerhalb des Landes ausgefeilte Netzwerke aufzubauen“, schreibt die Zeitung. Die Iraker besaßen in Istanbul einen Informanten, der Jumas dortigen Kontaktmann zum IS in der Türkei kannte. Der Mann habe ihm Nachrichten von IS-Kommandeuren im Irak übermittelt – den Zustand ihrer Streitkräfte, ihr Geld, ihre Logistik und ihre Routen. Umgekehrt habe Juma dem Kontaktmann Nachrichten Bagdadis an die IS-Leute in der Türkei übergeben sollen.

Abu Bakr al-Bagdadi, der meistgesuchte Terrorist der Welt,wurde  von einem US-Spezialkommando in Syrien gestellt und zündete dann eine Sprengstoffweste.
Foto: AFP

Die Geheimdienstler rührten Juma aber nicht an, weil sie hofften, dass er sie letztlich zum Schlupfwinkel des „IS-Kalifen“ führen würde, so wie US-Agenten 2011 einem Kurier zum Anwesen des Al-Kaida-Chefs Osama Bin Laden im pakistanischen Abbottabad gefolgt waren. Doch Juma entwischte ihnen. Warum aber hefteten sich nicht auch die Türken an Jumas Fersen?

Blinde Flecken

Guido Steinberg, Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, hält es für möglich, dass Ankaras Geheimdienst MIT Bagdadis Bruder schlicht nicht bemerkte. „Für einen Syrer mit guten Ausweispapieren ist die Durchreise durch die Türkei kein großes Problem, auch wenn es sich um tausend Kilometer handelt. Man steigt in einen Überlandbus, und das war’s“, sagt Steinberg.

Er gibt auch zu bedenken, dass Geheimdienste nicht selten blinde Flecken haben. „Die Türken mögen über alle Informationen verfügt, aber sie nicht entsprechend verarbeitet haben. Denn sie messen dem IS keine Priorität zu, ihr Augenmerk gilt der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und deren kurdisch-syrischem Ableger YPG.“

Die kurdische YPG-Miliz wiederum war der stärkste US-Verbündete im Kampf gegen den IS. Und während der Verdacht besteht, dass die Türkei Hinweise zu Bagdadi ignorierte, bereitete das Pentagon sein Kommandounternehmen mit kurdischer Unterstützung vor. Anschließend bedankte sich US-Präsident Trump zwar bei Erdogan für die „Kooperation“, musste aber zugleich einräumen, dass die Kurden „Informationen lieferten, die sich als hilfreich erwiesen“.

Die amerikanischen Hubschrauber für die Tötung von Bagdadi starteten nicht von der nur 120 Kilometer entfernten Nato-Basis Incirlik in der Türkei, sondern kamen aus Erbil im kurdischen Nordirak, mehr als 700 Kilometer entfernt. Die Türkei wurde kurzfristig informiert, damit ihre syrischen Hilfstruppen die anfliegenden US-Soldaten nicht abschossen. Dieses Vorgehen drückte ein tiefes Misstrauen des amerikanischen Militärs gegenüber dem Nato-Partner aus. Obwohl der türkische Staatschef Erdogan unmittelbar danach erklärte, sein Land werde „weiter Antiterror-Maßnahmen unterstützen, wie sie dies in der Vergangenheit tat“, wurde Beobachtern schnell klar, dass nicht Hinweise der Türkei, sondern der Kurden und Iraker die Amerikaner auf die Spur des Terrorchefs führten.

Abu Bakr al-Bagdadi versteckte sich in der Provinz Idlib.
Foto: BLZ/GALANTY

Laut einem Bericht des britischen Guardian erfuhr der irakische Geheimdienst die Fluchtroute der Bagdadi-Familie von einem Schleuser, der sie nach Idlib gebracht hatte. Auch eine von Bagdadis Frauen, die festgenommen worden war, habe Hinweise zu seinem Standort gegeben, berichtete die New York Times. Letztlich habe dann ein „enger Vertrauter“ den IS-Führer verraten, schrieb das Blatt unter Berufung auf hohe US-Beamte. Unklar ist, ob es sich bei dem Vertrauten um einen kurdischen Spion aus dem engsten Umfeld des „Kalifen“ handelte, der die vermutlich präzisesten Informationen übermittelte.

Was wusste die Türkei? Warum hat sie nicht eher gehandelt? Wie viel der Nachlässigkeit liegt tatsächlich nur in einem blinden Fleck der Geheimdienste begründet?

Die Türkei habe dem IS seinen Aufstieg in Syrien überhaupt erst ermöglicht, erklärte der ehemalige US-Syriengesandte Brett McGurk kürzlich in einem Interview mit dem New Yorker Fernsehsender MSNBC, in dem er an die wegen der problemlosen Anreise so genannte „Dschihadisten-Autobahn“ durch die Türkei erinnerte. „Ich leitete damals die internationale Kampagne gegen den IS. Ich sage, dass 40 000 IS-Dschihadisten aus mehr als 110 Ländern aus der ganzen Welt Syrien über die türkische Grenze betraten“, sagte er. Erst 2015, „als die Kurden die Grenze teilweise übernahmen, baute die Türkei die Mauern und schloss die Grenze“.

Eine Serie von Festnahmen

ie türkischen Razzien seit dem Tod des „Kalifen“ belegen, wie gut die Sicherheitskräfte die Dschihadisten-Szene im Land und in den drei grenznahen Protektoraten im Blick haben. Und plötzlich macht Erdogan möglich, was jahrelang versäumt wurde.

Eine Woche nach dem amerikanischen Zugriff ließ er führende IS-Kader, al-Bagdadis Schwester Rasmiya Awad sowie eine der vier Witwen des Top-Terroristenm, verhaften, die beide im türkischen Protektorat Azaz lebten. Die Bagdadi-Witwe habe nach ihrer Festnahme viele Informationen über ihren Mann und den IS preisgegeben, die „zu einer Serie von Festnahmen geführt“ hätten, sagte ein türkischer Regierungsvertreter.

Seltsam nur, dass gleichzeitig ein führender türkischer Regierungsbeamter der Nachrichtenagentur AP mitteilte, die Frau sei bereits vor anderthalb Jahren in der Südtürkei festgenommen, aber wieder freigelassen worden, offenbar ohne solch wichtige Erkenntnisse zu gewinnen.