Tödliche Hirnentzündung: Forscher lösen Rätsel um Tod des Eisbären Knut

Ein Video hat die Szene festgehalten. Ein großer weißer Eisbär dreht sich auf dem Felsen seines Zoo-Geheges langsam um sich selbst und zieht dabei das hintere linke Bein immer wieder krampfhaft an sich. „Was macht der denn?“ fragt eine Besucherin. Schließlich strauchelt der Eisbär, kippt zur Seite und fällt ins Wasser. Hilferufe erschallen. Man hört: „Oh mein Gott!“ Im Wasser treibend, versucht der Bär den Kopf zu heben, schafft es jedoch nicht mehr und ertrinkt.

Voller Entsetzen hörten an jenem 19. März 2011 viele Leute weltweit vom plötzlichen Tod des Tieres im Berliner Zoo. Denn es handelte sich nicht um irgendeinen Eisbären, sondern um Knut, dessen Leben Menschen und Medien international mehr als vier Jahre lang verfolgt hatten. Der knuffige Knut und sein sympathischer Ziehvater waren die am meisten abgebildeten Motive des Zoos. Knut wurde eine Marke, die mehrere Millionen Euro einbrachte. Er war Hauptheld einer Doku-Serie im Fernsehen. Songs drehten sich um ihn. Heute steht er als Präparat im Berliner Naturkundemuseum, und er erhielt ein eigenes kleines Denkmal im Zoo.

Gut viereinhalb Jahre nach jenem 19. März 2011 hat ein Team von Forschern endlich die genaue Ursache für den plötzlichen Tod des beliebten Eisbären gefunden. Wie sie am Donnerstag im Tierpark Berlin berichteten, litt Knut an einer Autoimmunkrankheit des Gehirns, die in ähnlicher Form auch beim Menschen vorkommt und nun erstmals im Tierreich nachgewiesen werden konnte. Neben der Lösung des Rätsels um Knuts Tod gelang den Wissenschaftlern also auch ein großer Forschungserfolg. Sie berichten darüber im Fachjournal Scientific Reports. Die Krankheit trägt die Bezeichnung Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.
Bereits am 21. März 2011 war der tote Knut in das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) gebracht worden, um dort die Todesursache festzustellen.

Gehirnproben untersucht

In jenen Tagen schossen in der Medienwelt die Spekulationen hoch. Es wurde viel über die Todesursache gemutmaßt: Knut habe einen Schlaganfall erlitten. Er sei von einem Verrückten vergiftet worden, Opfer von Stress und Mobbing geworden, weil man ihn mit drei Bärendamen in einem Gehege zusammengepfercht habe. Eine grüne Tierschützerin erklärte: Man hätte sich viel mehr mit dem Eisbären beschäftigen, ihm mehr Spielzeug zur Verfügung stellen müssen. Viele Besucher würden berichten, dass Knut sich stereotyp bewegte, oft nur apathisch von links nach rechts lief.

Dass das seltsame Verhalten von Knut eine ganz andere Ursache haben könnte, ergab sich im Verlaufe der Forschungen. Bereits Ende März 2011 sagte eine Sprecherin des Berliner Zoos, die Wissenschaftler des IZW hätten „deutliche Veränderungen des Gehirns festgestellt“. Im Januar 2014 präsentierte das Institut den ersten Befund: Der Eisbär Knut litt an einer Gehirnentzündung, einer Enzephalitis, die einen epileptischen Anfall ausgelöst hatte. Die Ursache sei noch unbekannt, hieß es.

Von diesem Befund erfuhr der Neurologe Harald Prüß, Wissenschaftler am Berliner Standort des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und Facharzt an der Klinik für Neurologie der Charité. Er las den Autopsiebericht über Knut und entdeckte dabei Parallelen zu eigenen Studien über menschliche Hirnerkrankungen. Er setzte sich mit Alex Greenwood in Verbindung, Professor und Leiter der Abteilung für Wildkrankheiten des IZW. Beide wollten der Frage nachgehen, ob Knut an einer Autoimmunkrankheit des Gehirns gelitten haben könnte. Greenwood hatte schon seit längerem darüber nachgedacht, ob Knut vielleicht eine Hirnentzündung gehabt haben haben könnte, die nicht von einem Virus oder einem anderen Erreger verursacht wurde.

Die Forscher untersuchten Proben von Knuts Gehirn, die das IZW aufbewahrt hatte. In ihren Tests fanden sie Eiweißstoffe, sogenannte Antikörper, die auf eine Krankheit hinwiesen, die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis heißt. „Diese Autoimmunkrankheit war bislang nur vom Menschen bekannt“, sagte Harald Prüß. Und das auch noch nicht einmal lange. Erst im Jahre 2007 wurde sie entdeckt, und zwar von Josep Dalmau, einem Neurologen der University of Philadelphia.
„Das Abwehrsystem des Körpers schießt gewissermaßen über das Ziel hinaus“, erklärte Harald Prüß. Dabei würden Antikörper freigesetzt, die die eigenen Nervenzellen schädigten, statt Krankheitserreger zu bekämpfen. Die Folge ist eine schwere Hirnentzündung.

Der Name der Krankheit kommt daher, dass die Antikörper sich gegen die sogenannten NMDA-Rezeptoren richten. Das sind bestimmte Transportkanäle in der Membran der Nervenzellen. Werden sie blockiert, stört das die Signalwege innerhalb des Gehirns. Besonders betroffen ist der Hippocampus, der als Schaltzentrale des Gedächtnisses und für das Lernen gilt.

Die Erkrankten leiden unter grippeähnlichen Symptomen, Schlaflosigkeit, Verwirrtheit, später Wahn, Halluzinationen und Demenz. Es kommt zu epileptischen Anfällen und Katatonie-ähnlichen Bewusstseinsstörungen. In Deutschland gibt es nur einige hundert Neuerkrankungen pro Jahr. Überdurchschnittlich häufig erkranken junge Frauen. Bei einem Drittel aller Fälle finden sich gutartige Wucherungen der Eierstöcke. Die Antikörper gegen diese Geschwülste können irrtümlicherweise auch das Gehirn angreifen.

Erkrankung bei Menschen behandelbar

Erst im April dieses Jahres beschrieb Prüß im Fachportal spektrum.de eine Patientin. Die Abiturientin Melanie C., von Natur aus lebenslustig und aktiv, wurde plötzlich teilnahmslos und in sich gekehrt. Sie streifte orientierungslos in der Stadt umher, blaffte Passanten an. Sie kam in die Psychiatrie. Ihre Mimik fror ein, ihr Blick war starr und leer. Ab und zu lauschte sie einer Stimme und murmelte einige unverständliche Worte. Eines Morgens fand sie eine Schwester im Bad auf dem Boden liegend, mit einer Platzwunde am Kopf. Sie hatte einen epileptischen Anfall erlitten. Nach der Untersuchung des Nervenwassers stellte sich anhand der gefundenen Antikörper heraus, dass sie an der erst seit kurzem bekannten schweren Entzündung des Gehirns litt.

„Seit 2010 wissen wir, dass die meisten Patienten mit einer Hirnentzündung ohne Erregernachweis an Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis erkrankt sind“, sagte Harald Prüß. Es gebe inzwischen ein gutes Testverfahren dafür. „Beim Menschen lässt sich diese Erkrankung relativ gut mit Medikamenten behandeln.“ Unter anderem nutzt man dafür Wirkstoffe, die die fehlgeleitete Abwehrreaktion des Körpers unterdrücken.

Der Abiturientin Melanie C. konnte offenbar geholfen werden. Knut leider nicht. Denn erst sein Tod hat ja zu der erfolgreichen Kooperation zwischen Humanmedizinern und Wildtierforschern geführt. „Wir sind erleichtert, das Rätsel um Knuts Erkrankung endlich gelöst zu haben“, sagte Alex Greenwood, Forscher am IZW. „Zumal diese Erkenntnisse praktische Bedeutung haben könnten.“ Beim Menschen sei die Erkrankung therapierbar. Wenn es gelänge, diese Therapien zu übertragen, könnten solche Hirnentzündungen künftig möglicherweise auch bei Zootieren erfolgreich behandelt werden.

Aber auch für die Medizin gibt es Schlussfolgerungen. „Es könnte sein, dass wir bei Menschen mit Psychosen oder Gedächtnisstörungen autoimmunvermittelte Entzündungen übersehen“, sagte Harald Prüß. Denn diese Patienten würden nicht routinemäßig auf die zugehörigen Antikörper untersucht. Prüß hält es für sinnvoll, solche Untersuchungen einzuführen, um künftig Patienten optimal behandeln zu können.