Chinesische Soldaten halten ein Transparent mit der Aufschrift „You've crossed the border, please go back“ (Sie haben die Grenze überquert, bitte gehen Sie zurück) in die Höhe. 
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In einem bizarren Kampf ohne Schusswaffen sind Montagnacht mindestens 20 indische Soldaten ums Leben gekommen. 17 von ihnen seien gestorben, nachdem sie bei dem Vorfall schwer verwundet wurden sowie Temperaturen von unter null Grad und großer Höhe ausgesetzt waren, wie ein indischer Armee-Sprecher am Dienstagabend mitteilte. Auf einem schmalen Grat über dem Galwan-Tal im Himalaja-Gebirge war es zu einem unerwarteten Aufeinandertreffen zwischen indischen und chinesischen Soldaten gekommen.

Die Situation eskalierte, als eine Patrouille indischer Soldaten unerwartet chinesischen Truppen in einem steilen Abschnitt in zerklüftetem Gelände der Grenzregion begegnete. Die Inder waren laut offiziellen Angaben in einem Abschnitt unterwegs, von dem sich die Volksbefreiungsarmee sich gemäß einem Abzugsabkommen vom 6. Juni zurückgezogen haben sollte. Gemäß einer jahrzehntealten Tradition war keine der Patrouillen bewaffnet. Dennoch kam es zu einem Handgemenge und schließlich zu einem regelrechten Nahkampf, berichtet der Guardian. Im Zuge des Ringens soll ein indischer Kommandant geschubst worden und schließlich die Felsen hinabgestürzt sein. Verstärkungen von indischer Seite wurden von einem etwa drei Kilometer entfernten Posten herbeigerufen. Schließlich kämpften etwa 600 Männer bis zu sechs Stunden lang in nahezu völliger Dunkelheit mit Steinen, Eisenstangen und anderen provisorischen Waffen. Die meisten sollen durch einen Sturz über die Felsen zu Tode gekommen sein.

Indien reagierte schockiert. In mehreren indischen Städten kam es zu Demonstrationen, bei denen Bilder des chinesischen Präsidenten Xi verbrannt wurden. In seinen ersten öffentlichen Kommentaren zum Streit hielt Premierminister Narendra Modi ein zweiminütiges Schweigen für die getöteten Soldaten und sagte, Indien werde „jeden Stein, jeden Zentimeter seines Territoriums verteidigen“.

Nach der ersten Erregung verständigten sich die Außenminister beider Länder jedoch rasch auf eine sofortige Deeskalation der Lage. Beide Seiten hätten bei einer Telefonkonferenz der Außenminister zugestimmt, mit den Ereignissen im Galwan-Tal „fair umzugehen“, die „Abkühlung“ so schnell wie möglich zu erreichen und den Frieden in den Grenzregionen im Himalaja zu erhalten, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums am Mittwoch laut AFP.

Peking hatte zuvor mitgeteilt, China wolle weitere Zusammenstöße an der Grenze vermeiden. Sein Land setze bei der Lösung des Konflikts im Himalaja weiterhin auf „Dialog und Verhandlungen“, sagte ein Ministeriumssprecher. Er forderte Indien auf, seine Soldaten nicht illegal die Grenze überschreiten zu lassen, Provokationen zu vermeiden und keine einseitigen Handlungen zu unternehmen. „Wir wollen keine weiteren Auseinandersetzungen“, sagte der Sprecher.

Indien wie China machten sich gegenseitig für die Zusammenstöße verantwortlich. Der indische Premierminister Narendra Modi sagte in einer Fernsehansprache, die indischen Soldaten seien „nicht umsonst“ gestorben. Für Indien sei die Einheit des Landes das Wichtigste. Sein Land wolle Frieden, sei aber „in der Lage, auf Provokationen zu antworten“.

Bei den tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten beider Seiten in der Grenzregion Ladakh waren am Montag erstmals seit Jahrzehnten Soldaten getötet worden. Nach Angaben der indischen Armee starben im strategisch wichtigen Galwan-Tal mindestens 20 ihrer Soldaten. Die Soldaten beider Seiten hätten sich handgreifliche Auseinandersetzungen geliefert, es seien keine Schüsse gefallen. China bestätigte bisher nicht, dass auch chinesische Soldaten getötet wurden.

Nach dem Zwischenfall seien ranghohe Offiziere beider Seiten zusammengekommen, „um die Lage zu entschärfen“, sagte ein Sprecher der indischen Armee.

Bereits vor einigen Tagen war es zu einem ähnlichen Zwischenfall gekommen.

An der 3500 Kilometer langen Grenze zwischen Indien und China, deren genauer Verlauf in mehreren Gebieten umstritten ist, hatten die Spannungen zuletzt stark zugenommen. Peking beansprucht etwa 90.000 Quadratkilometer eines Gebiets für sich, das sich unter der Kontrolle Neu-Delhis befindet. Im Jahr 1962 führten die beiden Atommächte einen kurzen Krieg um die Grenze im Himalaja.

Heute ist die Region wichtig für das chinesische Projekt der „Neuen Seidenstraße“, einem Handelsweg nach Europa, mit dem China seine Produkte auf einen der attraktivsten Märkte der Welt bringen will. Ähnlich wie im Südchinesischen Meer versucht Peking, seine Einfluss-Sphäre auszudehnen – allerdings immer darauf bedacht, dass die Verschiebung der Gewichte ohne militärische Gewalt erfolgt. (mit AFP und dpa)