"Dream Machine“ heißt das fünfte Album der aus Sachsen-Anhalt stammenden Band Tokio Hotel, die derzeit in Berlin für ihre Europatournee probt. Die seit mehreren Jahren in Kalifornien beheimateten Zwillingsbrüder Bill und Tom Kaulitz (27) haben dafür bis Mai ihr Quartier in der Hauptstadt aufgeschlagen. Im Interview erzählen sie von gelebten Träumen, kommerziellem Selbstmord, Liebeskummer und dem Aufstand gegen Trump.

Bill, Tom, Ihr neues Album heißt „Dream Machine“. Sie wohnen in Los Angeles, der Stadt der Träume. Hat es einen Bezug dazu?

Tom Kaulitz: Gar nicht. Man nennt L.A. zwar die Stadt der Träume, aber es ist eigentlich die Stadt der zerbrochenen Träume. Nur für uns nicht. Wir haben einen ganz anderen Traum verfolgt. Wir sind nach L.A. gekommen, um ein bisschen abzutauchen vom Ruhm. Und das hat ganz gut geklappt.

Wie ist das, wenn man schon als Teenager die eigenen Träume überboten hat?

Bill Kaulitz: Das macht auch ein bisschen Angst. Ich denke manchmal: Eigentlich habe ich schon alles erlebt und erlebe nur noch schwächere Versionen von Momenten oder Gefühlen, die schon mal da waren. Ich habe so intensiv gelebt und geliebt – finde ich überhaupt noch mal jemanden, den ich noch mal so lieben kann? Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, ich könnte mich morgen vom Planeten verabschieden und hatte ein geiles Leben gehabt. Aber es ist unterschiedlich: Ich fühle mich manchmal wie 99 und manchmal wie 12. Mir wird bewusst, wie jung ich noch bin, was ich noch nicht kann und noch tun will, und dann freue ich mich wie ein kleines Kind, das noch alles erleben will.

Hatten Sie überhaupt die Möglichkeit die einzelnen Momente zu genießen, als Sie von einer internationalen Preisverleihung zur anderen geschickt wurden?

Tom Kaulitz: Nein, das ist, ehrlich gesagt, eins unserer größten Probleme mit dem Erlebten. Ich glaube, bei mir ist das noch ausgeprägter als bei Bill. Ich habe oft das Gefühl, dass ich ganz große Momente, auch in der Karriere, eigentlich verpasst habe. Richtig in dem Moment zu sein, kann ich gar nicht. Wenn ich auf einer Party bin, bin ich mit dem Kopf schon Zuhause im Bett. Wenn ich schlafen gehe, bin ich schon bei meinem nächsten Tag. Ich bin immer schon mit den Gedanken weiter, mindestens ein paar Stunden, wenn nicht sogar Wochen.

Bill Kaulitz: Das war damals irgendwann alles nur noch ein Matsch. Es war so viel und so viel auf einmal, dass man nicht alles davon aufsaugen konnte. Wenn das gestreckt worden wäre über ein ganzes Leben – dafür hätte es auch ausgereicht –, dann wäre es die richtige Dosis zur richtigen Zeit gewesen.

Mit dem Album verabschieden Sie sich endgültig von dem eher rockigen Sound Ihrer Teenagerjahre. Lassen Sie damit auch los?

Tom Kaulitz: Für uns war es nie unser Bestreben, das Gleiche zu machen, was wir vor sechs Jahren gemacht haben. Es gibt Künstler, die mal mit etwas erfolgreich waren und sie halten daran fest, weil sie denken, es wäre die Nummer Sicher, die Zielgruppe weiter damit zu bedienen. Aber für mich ist ein Album auch immer ein Ausschnitt aus dem aktuellen Leben – zumindest ist das mein Anspruch für Tokio Hotel. Auch früher schon. Wir waren damals mit der Musik erfolgreich, die wir zu der Zeit machen wollten. Damit haben wir unsere eigene Welt geprägt, die aber auch nur für die paar Jahre zu uns passte.

Gibt es auch Berater, die meinen, Sie würden nun kommerziellen Selbstmord begehen?

Bill Kaulitz: Lustig, dass Sie das sagen. Ich habe solche Emails eingerahmt auf meinem Schreibtisch stehen, in denen was von „Career Suicide“ steht und davon, dass wir dieses oder jenes nicht machen können. Solche Stimmen gab es immer. Wir waren auch früher schon sehr selbstbestimmt. Und jedes Mal, wenn wieder jemand so etwas gesagt hat, wollte ich es erst recht machen.

Tom Kaulitz: Die Leute vergleichen automatisch alles, was wir tun, mit früher. Man hat uns nun mal anders kennengelernt. Und dann heißt es: „Was hat denn „Something New“ mit „Durch den Monsun“ zu tun?“ Ja, gar nichts! Natürlich nicht! Das ist ja auch zwölf Jahre her.

Sie wirken ziemlich entspannt, was Ihren Erfolg angeht.

Tom Kaulitz: Uns würde es extrem schlecht gehen, wenn wir uns für den Erfolg verbiegen müssten. Da würde ich mich wie eine Prostituierte fühlen.

Bill Kaulitz: Das Wichtigste für mich war immer schon, frei zu sein. Das, was ich damals gemacht habe, auch mit meiner Frisur und dem Make-up – das war alles immer ich. Ich habe die Songs gesungen, die ich wollte. Und die Lederjacke angezogen, die ich gut fand. Auch bei Gegenwind. Sonst fühle ich mich einfach nicht am Leben.

Ihre neuen Lieder sind geprägt von Herzschmerz. Sie sollen ja Beide etwas Kummer mit der Liebe gehabt haben in letzter Zeit.

Bill Kaulitz: Bei mir dreht sich meine ganze Welt um Liebe. Wir sind als Menschen nicht dafür gemacht, allein zu sein. Und ich glaube, deswegen sind wir Vier auch hier in dieser Form. Überall um uns herum ist eigentlich den ganzen Tag Liebe. Die gibt es in so vielen Formen. Für mich wird das immer die größte Inspiration sein und der größte Schmerz. Dadurch, dass ich dafür so empfänglich bin, bin ich natürlich auch verletzbar. Aber das gehört zum Leben dazu.

Tom, Sie haben sich sogar scheiden lassen. Sind Sie nun finanziell oder mental ruiniert?

Tom Kaulitz: Nein, mir geht es gut.

Hat eine Partnerschaft in Ihrem Leben überhaupt Platz?

Bill Kaulitz: Wenn wir eine Beziehung haben, ist das immer eine Beziehung mit uns beiden. Denn wir kommen nur im Doppelpack.

Tom Kaulitz: Bill und ich haben ja quasi schon eine sehr intensive Partnerschaft, so dass bei uns beiden eigentlich nicht viel Platz ist für eine Standardbeziehung.

Merken Sie einen Unterschied in L.A., seitdem Trump an der Macht ist?

Bill Kaulitz: Wir waren seit Dezember nicht mehr dort. Aber als Trump gewählt wurde, sind wir sofort mit Freunden in L.A. auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Es waren Hunderttausende auf der Straße und alle hofften, man könnte seine Wahl noch kippen. Ich habe etliche Petitionen unterschrieben. Ich fühle mich auch durch solche Sachen wie die AfD immer persönlich angegriffen. Ich habe das Gefühl, dass damit alles, was ich verkörpere, worüber ich singe und wofür für mich das Leben steht, auf dem Spiel steht. Denn für mich ist Freiheit wichtig, und ich gönne sie allen Menschen. Ich will, dass sich jeder auslebt in seiner Sexualität, in seinem Aussehen und mit allem, was ihn ausmacht. Trump wirft uns da Jahre zurück.

Das Gespräch führte Katja Schwemmers