Kiew - Den ganzen Tag über tobte in der Kiewer Gruschewski-Straße die Schlacht zwischen Regierungsgegnern und Polizei. Am Abend war nur so viel klar: Es hat Tote gegeben. Wie viele, darüber gehen die Angaben auseinander – die Polizei sprach von zwei Opfern, die Protestierer von bis zu fünf. Einige der getöteten Demonstranten weisen Schussverletzungen auf, die nach Ansicht der Regierungsgegner von den Sicherheitskräften zugefügt wurden.

Es sind die ersten Toten überhaupt nach zwei Monaten anhaltender Proteste gegen Präsident Viktor Janukowitsch, und das macht einen friedlichen Ausweg aus der politischen Krise noch schwieriger. Am Abend traten die drei Oppositionsführer auf die Bühne des Unabhängigkeitsplatzes, wo sich abermals einige tausend Menschen versammelt hatten. Sie hatten von dem gemeinsamen ersten Treffen mit dem Präsidenten zu berichten, dass am selben Tag stattgefunden hatte.

Aber ihr Bericht enttäuschte die Menge sichtlich. Drei Stunden lang hatten Box-Weltmeister Vitali Klitschko, Nationalistenführer Oleg Tjagnibok und der Führer der Vaterlandspartei Arseni Jazenjuk mit dem Präsidenten in dessen Amtssitz verhandelt.

„Auf die Frage, ob er vorzeitige Neuwahlen in Betracht zieht, haben wir keine Antwort gehört“, sagte Klitschko. Auch auf die Forderung der Opposition nach einer Entlassung der Regierung wollte der Präsident offenbar nicht eingehen. Klitschko rief dazu auf, am nächsten Tag in größerer Zahl auf den Unabhängigkeitsplatz zu kommen. Auch Jazenjuk und Tjagnibok äußerten keine konkreteren Vorschläge.

Unterdessen ging nur einige hundert Meter vom Unabhängigkeitsplatz der Kampf mit neuer Schärfe weiter. Dichter Rauch von brennenden Autoreifen stieg über der Gruschewski-Straße in den Himmel, während Demonstranten und Polizisten einander mit Steinen, Molotow-Cocktails, Rauchbomben und Gummigeschossen attackierten. Die Protestierer errichteten neue Barrikaden, nachdem die Sonderpolizei zuvor Hindernisse mit einem Schützenpanzerwagen aus dem Weg geräumt hatte.

Nach Aussagen von Ärzten wiesen zwei der getöteten Demonstranten Schusswunden auf, die auf den Einsatz eines Scharfschützengewehrs und einer Makarow-Pistole hinweisen. 300 Protestierer seien verletzt worden.

Die Proteste hatten im November begonnen, als die ukrainische Regierung unerwartet die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU auf Eis gelegt hatte. Sie wurden zuletzt von einer Reihe drakonischer Gesetze neu angestachelt, die das Parlament im Eilverfahren durchpeitschte.

Präsident Janukowitsch äußerte sich am Mittwoch nicht über das Ergebnis der Verhandlungen. Justizministerin Elena Lukasch bedauerte, die Opposition habe die Gewalttäter nicht verurteilt. Die Verhandlungen sollten am Donnerstag fortgeführt werden, sagte sie. Neben der Ministerin hatte auch der einflussreiche Chef des Nationalen Sicherheitsrates Andrej Kljujew an den Verhandlungen teilgenommen.

Unterdessen nahm die russische Duma am Mittwoch mit 388 von 450 Stimmen Partei für die Kiewer Regierung. „Verantwortlich für die Verschärfung der Situation sind neben extremistischen Vertretern der Opposition auch westliche Politiker, die sich grob in die inneren Angelegenheiten der souveränen Ukraine einmischen“, heißt es in der Erklärung. Der Kreml hatte Kiews Abkehr von der EU mit einem Hilfspaket im Umfang von bis zu 15 Milliarden Dollar belohnt.