Berlin - Kaum eine Branche treffen die Folgen des Corona-Lockdowns in Deutschland so hart wie den Tourismus: Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, lagen die Umsätze der Reisebüros, -veranstalter und Reservierungsdienstleister von Januar bis September 2020 kalender- und saisonbereinigt um 61 Prozent unter denen des Vorjahreszeitraums. Besonders groß war der Umsatzeinbruch im zweiten Quartal des vergangenen Jahres, in das ein großer Teil des ersten Lockdowns fiel: Von April bis Juni 2020 setzte die Branche 91 Prozent weniger um als im Vorjahreszeitraum. Vor diesem Hintergrund kritisiert die Branche die Bundesregierung und fordert klare Perspektiven. 

Die Tourismussaison im Sommer brachte nur kurzfristig Erleichterung, und seit drei Monaten ist der Ferienbetrieb nun komplett stillgelegt, jede Woche des Stillstands kostet die Tourismusbetriebe nach Angaben des Deutschen Tourismusverbands (DTV) rund 1,8 Milliarden an Umsatzverlusten. 

Vor dem nächsten Corona-Gipfel mit Bund und Ländern fordert die Branche, die in Deutschland rund drei Millionen Menschen beschäftigt, nun einen klaren Plan für die nächsten Monate.

„Es besteht der Eindruck, als werde das Thema in den Bund-Länder-Verhandlungen immer wieder nach hinten geschoben“, kritisierte DTV-Präsident Reinhard Meyer am Montag. Der zuständige Tourismusbeirat der Bundesregung habe das letzte Mal am 20. November vergangenen Jahres getagt: „Seitdem spüren wir das Bundeswirtschaftsministerium kaum noch, die Branche fühlt sich mehr und mehr abgehängt.“ Auch gebe es Unternehmen, die seit drei Monaten geschlossen seien, bei denen aber noch keinerlei Förderung angekommen sei. „Mit Blick auf die kommenden Monate brauchen wir dringend eine Perspektive.“

Deswegen hat der DTV ein Strategiepapier mit Konzeptvorschlägen für ein schrittweises Hochfahren des Tourismus in Deutschland vorgelegt – verbunden mit einer klaren Forderung an die Bundesregierung.

Reisen nach dem Ampelsystem

Der DTV schlägt ein Ampelsystem vor, dass sich an den derzeit maßgeblichen Inzidenzwerten orientiert. Demnach sollen touristische Aktivitäten grundsätzlich möglich sein, wenn der Inzidenzwert unter 50 sinkt, also innerhalb von sieben Tagen weniger als 50 Infizierte je 100.000 Einwohner gemeldet werden. Nach der Vorstellung des DTV sollen dann besondere Regeln für die Tourismusbetriebe gelten, darunter regelmäßige Testungen der Mitarbeiter, Beschränkung von Reisegruppengrößen und die Vergabe von Tagestickets an besonders gefragten Reisezielen. Ab einem Inzidenzwert von unter 35 soll die Tourismusampel auf Grün springen: Dann sollen zusätzlich zu den bundesweit einheitlichen Grundsätzen keine spezifischen Auflagen für den Tourismus mehr gelten. Bei einem Inzidenzwert von über 50 (Stufe Rot) sollen keine touristischen Angebote an dem entsprechenden Ort angeboten werden.

Nötig für einen planbaren Neustart sind nach Angaben des DTV der Ausbau der Testmöglichkeit. So sollen Urlauber auch vor Ort ein Testangebot bekommen – nur so lasse sich der Tourismus aus Regionen mit höheren Inzidenzwerten organisieren. Unabdingbar sei auch, dass die Hygienekonzepte, die in der Branche schon im Sommer entwickelt wurden, zumindest stichpunktartig von unabhängiger Seite überprüft würden. Nur so könnten Urlauber Vertrauen entwickeln, dass das Reisen wirklich sicher sei.

Städte wie Berlin, die zu den beliebtesten Reisezielen in Deutschland gehören, stehen derzeit vor besonderen Herausforderungen. So ist es nicht nur komplexer, ein sicheres Konzept für Hotels in Großstädten zu erstellen als etwa für ein Ferienhaus in Brandenburg. Auch sind Städtereisen eng verknüpft mit gastronomischen und kulturellen Angeboten – und mit dem Einzelhandel. Bisher aber sind Restaurants, Museen, Theater und die meisten Geschäfte geschlossen. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich das bald ändert.