Martin Dahms - Dieser Text sollte mit einem Warnhinweis beginnen: Achtung! Werbung! „Wir haben eine Gratisberichterstattung in den Medien im Wert von drei Millionen Euro allein in Spanien und 15 Millionen Euro in der ganzen Welt erreicht“, rühmt sich ohne falsche Bescheidenheit die Madrider Werbeagentur Bungalow 25, „und die Geschichte wächst immer noch.“

Ja, sie wächst immer noch: Der folgende Artikel ist ein weiteres Stück Gratisberichterstattung über ein Produkt, das normalerweise teuer beworben werden müsste. Aber was folgt, ist auch ein Artikel über ein kleines Dorf, das eine ungewöhnliche Chance zu nutzen verstand.

Am Anfang war ein Anruf

Anfang März vergangenen Jahres erhielt David Fernández, der Bürgermeister von Júzcar, einem ziemlich verlorenen Dorf in der andalusischen Serranía de Ronda, einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau, die ihm vorschlug, sein ganzes Dorf blau anzumalen. „Ich hielt das für einen Scherz“, sagt Fernández. Es war aber kein Scherz. Drei Monate später war sein Dorf blau.

Der Anruf beim Bürgermeister kam von Bungalow 25. Die Werbeagentur hatte den Auftrag erhalten, in Spanien eine Aufmerksamkeitskampagne für den Hollywood-Film „Die Schlümpfe“ auf die Beine zu stellen.

Es ging nicht um klassische Werbung. Der Verleih wollte, dass über den Film vor seiner Kinopremiere am 12. August so viel wie möglich geredet würde. Jemand bei Bungalow 25 hatte die Idee, man könnte ein bisher weißes spanisches Dorf in ein badezimmerblaues Dorf – so badezimmerblau wie die Schlümpfe – verwandeln. Darüber würden die Medien bestimmt berichten. So kam es schließlich.

Schlümpfe halten Einzug in Júzcar

Bei ihrer Suche nach einem willigen Dorf stießen die Werber auf Júzcar. Es erwies sich als das ideale Dorf. Es ist klein – 180 Häuser und 221 Einwohner; es liegt idyllisch in der bewaldeten Berglandschaft um Ronda – einer der schönsten Städte Andalusiens; und es ist in der Gegend für seine Pilztradition bekannt, was gut zu den Schlümpfen passt, die in Pilzwohnungen hausen.

Aber vor allem fand die Werbeagentur in David Fernández einen Bürgermeister, der es verstand, die gesamte Dorfgemeinschaft hinter dieses verrückte Projekt zu bringen.

Man muss sich das vorstellen: Ein Dorf, dessen Häuser seit Menschengedenken weiß gekalkt sind, so wie fast alle Häuser in fast allen Dörfern ringsum, ist nach zwei Wochen Anstreicherei plötzlich ein blaues Dorf. Wenn man das auf Fotos sieht, glaubt man zuerst an einen billigen digitalen Trick. Selbst die ehemals weiße Kirche Santa Catalina aus dem 16. Jahrhundert ist jetzt, mit Zustimmung der Bistumsverwaltung in der Provinzhauptstadt Málaga, schlumpfblau.

Und der Friedhof auch. „Aber nur von außen“, versichert Bürgermeister Fernández, „die Grabsteine sind geblieben wie sie waren.“

Blau zeigt Wirkung bis China

Mit der Metamorphose vom weißen zum blauen Dorf war die erhoffte Werbewirkung schon erzielt. Viel mehr brauchte sich die Agentur Bungalow 25 nicht einfallen zu lassen. Zum 16. Juni lud sie fünf Dutzend Journalisten nach Júzcar, ließ ein paar Schlumpffiguren durchs Dorf laufen und redete wie nebenbei über den Film, der zwei Monate später Premiere haben würde.

Melu Rivas, die Sprecherin von Bungalow 25, klingt selbst noch ein wenig ungläubig, wenn sie über die Kampagne spricht: „Malen – mehr haben wir nicht getan. Und sogar in China wurde darüber gesprochen.“

Selten sind 10.000 Liter Farbe so effizient eingesetzt worden.

Soweit die Geschichte einer erfolgreichen Marketingidee. Schließlich profitierte auch das Dorf Júzcar von seiner Verwandlung. Der 37-jährige Bürgermeister David Fernández ahnte das von Beginn an. Nachdem er sich am Telefon davon hatte überzeugen lassen, keinem Scherz aufgesessen zu sein, kam er zu dem Schluss: „Das ist ein guter Vorschlag. Und den Leuten im Dorf gefiel er auch.“

Jedenfalls den meisten. Ein paar Einwohner waren erst skeptisch und wollten ihre Häuser lieber weiß lassen, aber als sie die Nachbarfassaden erblauen sahen, willigten sie schließlich doch ein. Und mit einem Anstrich erschien Júzcar auf der touristischen Landkarte als das blaue Dorf der Schlümpfe.

Mit den Schlümpfen kommen die Touristen

Die Serranía de Ronda ist eine grüne Berglandschaft, über dessen Anhöhen und Täler verstreut zwei Dutzend weiße Dörfer liegen. Die Gegend ist mit ihrem milden Klima ein beliebtes Ausflugsziel von Strandurlaubern der nahen Costa del Sol oder einheimischen Küstenbewohnern. Doch Júzcar, etwas ab vom Schuss der größeren Überlandstraßen, bekam von diesen Touristenströmen nicht viel ab. „Dies ist kein Winkel, der auf Massentourismus eingestellt ist“, schrieb die Regionalzeitung Sur im Sommer 2010. Wer nach Júzcar komme, der suche „die Ruhe und die Natur, die dieser wahrhafte Lustgarten bietet“.

Aber es waren eben nur ein paar hundert Naturliebhaber, die sich jedes Jahr nach Júzcar verirrten.

„Das Dorf stand ziemlich still“, sagt der Bürgermeister. Seit die Häuser blau gemalt sind, ist es mit der Stille vorbei. Mehr als 80.000 Menschen hätten Júzcar in den vergangenen Monaten besucht, vor allem an den Wochenenden, und auch in der Weihnachtszeit seien die Gassen voller Menschen gewesen. Bisher gab es eine Kneipe und ein kleines Hotel am Ort, nun hat vor kurzem ein Pub eröffnet, und ein Restaurant soll bald folgen.

Ein Investor, erzählt der Bürgermeister, erwäge die Idee, einen kleinen Freizeitpark am Ortsrand zu eröffnen, ein Grundstück dafür stehe schon bereit.

Die meisten Bewohner Júzcars haben offenbar nichts gegen den neuen Ruhm ihres Dorfes. Kurz vor Weihnachten ließ Bürgermeister Fernández das Volk darüber abstimmen, ob es weiter zwischen blauen Fassaden leben wolle: 149 Juzcareños sagten ja, 36 entscheiden sich für ein Nein.

Noch mindestens bis Ende dieses Jahres soll Júzcar so blau bleiben, wie es derzeit ist. Und sich seinen Besuchern weiterhin als „Erstes Schlumpfdorf der Welt“ präsentieren. „Die Schlümpfe gehören jetzt schon zu unserer Identität“, sagt Fernández, „selbst wenn wir alle Häuser wieder weiß streichen würden.“ Doch das wird so schnell nicht passieren.