Berlin - Neulich habe ich Teile des Entwurfes der Grünen für ein Gesetz zugunsten transsexueller und geschlechtlich diverser Menschen kritisiert. Zustimmung und Protest folgten, wobei der von teutonisch-weltanschaulichem Bierernst gekennzeichnete Protest recht heftig ausfiel. Das belebt die öffentliche Debatte.

Zweifellos ist eine Reform des Transsexuellengesetzes (TSG) von 1980 geboten. Ich lehne aber Folgendes strikt ab: Nach dem Willen der Grünen soll „ein Kind, das das 14. Lebensjahr vollendet hat“, „selbstbestimmt“ dem Standesamt erklären können, welchem Geschlecht es angehören, welchen Namen es tragen will oder ob es jeglichen Geschlechtseintrag ablehnt.

Mehr noch: Ein solches Kind erhält nach dem Entwurf der Grünen ferner „das Recht, über die Durchführung medizinischer Maßnahmen zur Modifizierung des eigenen Körpers im Hinblick auf Erscheinung und körperliche Funktionen bei vollumfassender vorheriger medizinischer Aufklärung und Einwilligungsfähigkeit selbstbestimmt zu entscheiden“. Das geht zu weit. Was Erwachsenen zusteht, sollte 14- bis 18-Jährigen nicht ermöglicht werden, auch nicht, wenn den Familiengerichten eingeschränkte Kontrollmöglichkeiten zugebilligt werden.

Daneben enthält der Gesetzentwurf eine positive, gewiss mehrheitsfähige Bestimmung: In den seltenen Fällen, in denen die geschlechtliche Zuordnung eines Babys anhand des genitalen Erscheinungsbildes uneindeutig ist, soll es Eltern künftig verboten sein, von sich aus Operationen zu erwirken, die auf eine Festlegung in die männliche oder weibliche Richtung zielen. Gut so.

Menschen, denen die binäre Kategorie Mann-Frau fremd ist, dürfen nicht diskriminiert werden. Für sie ist der standesamtliche Eintrag divers vorgesehen. Andere Menschen möchten von einem Geschlecht ins andere wechseln und unterziehen sich dafür hormonellen und operativen Eingriffen, um ihr – sagen wir es sehr verkürzt – psychisches Geschlecht mit dem physischen in Einklang zu bringen. Solche Eingriffe sind schwerwiegend und nicht reversibel. Erwachsene vollziehen einen solchen Schritt wohlüberlegt. Aber genau diese Ernsthaftigkeit zieht der grüne Gesetzentwurf ins Beliebige, wenn er es ausdrücklich ermöglicht, dass im Prinzip alle Deutschen ihren Namen und ihr Geschlecht nach Belieben einmal pro Jahr ändern können – ohne Angabe von Gründen, einfach so.

Dabei hätten die Grünen mehr als nur einen Anlass zur sexualpolitischen Vorsicht. Schließlich mussten sie sich 2013/14 für die Aktivitäten ihrer einstigen „Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle“ (BAG SchwuP) in aller Form öffentlich entschuldigen. Innerhalb der Partei prominent gefördert, hatte SchwuP in den 80er-Jahren die Legalisierung des „gewaltfreien“ Sexes mit Kindern gefordert.

Ferner erwies sich das von den Grünen in der rot-grünen Bundesregierung 2001 initiierte Prostitutionsgesetz als verhängnisvoll: Es eröffnete nämlich vor allem Bordellbetreibern und Zuhältern neue Freiheiten und erschwerte die Bekämpfung von Menschenhandel und Zwangsprostitution. 2015 wirkten die Grünen dann an der restriktiven Neufassung ihres eigenen Gesetzes mit. Das ehrt sie.