Berlin - Vor 40 Jahren trat ein Gesetz in Kraft, das erstmals regelte, wie transidente Menschen ihre Geschlechtsidentität amtlich feststellen und einen ihrem Geschlecht zugehörigen Vornamen annehmen können. Das Transsexuellengesetz (TSG) atmet den muffigen Duft der damaligen westdeutschen Zeit: Zwar kümmert sich der Gesetzgeber seitdem um die transidente Person. Doch diese muss sich seitdem gutachterlich bescheinigen lassen, dass sie unter „dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben“, also unter einer psychischen Störung leidet. Psychologen und Richtern ist bewusst, dass sie Jahr für Jahr Tausenden Menschen Unsinn bescheinigen. Denn Transgender sind von keinem Zwang besessen, sondern wollen lediglich im Einklang mit der ihnen naturgegebenen Identität leben.

Schlimmer noch: Teile des Gesetzes verstoßen grob gegen Grundrechte, so die in Paragraf 8 Abs. 1 geforderte dauerhafte Fortpflanzungsunfähigkeit als Voraussetzung für die Personenstandsänderung. Betroffene und Interessensvertreter kämpfen seit Jahrzehnten für ihre Anerkennung und Rechte. Selbst dem konservativen CSU-Bundesinnenminister Seehofer ist es eine Herzensangelegenheit geworden, ein zeitgemäßes Gesetz zu schaffen, um die Änderung von Geschlechtseintrag, Personenstand und daraus folgende Rechte und Pflichten festzuhalten.

Doch die Details sind verzwickt. Ein Entwurf aus dem Justizministerium wurde vor zwei Jahren verworfen, ein gut gemeintes Gesetz des Innenministeriums, das Intersexuellen Personenstands- und Vornamensänderungen erleichtert, wurde zeitweise auch von Transsexuellen als Einladung verstanden, im Standesamt vorstellig zu werden. Doch für Transgender werden auch künftig die Gerichte zuständig sein.

Grünen und Liberalen geht es nicht schnell genug, sie brachten im Juni sehr weitreichende Entwürfe für ein sogenanntes Selbstbestimmungsgesetz auf den Weg. Demnach sollten auch Minderjährige ihr Geschlecht ändern können, ohne hochnotpeinliche Gutachterfragen erdulden zu müssen. Diesen Entwürfen liegt die Vorstellung zugrunde, dass Transidenten ihre Veranlagung bereits im Kindesalter bewusst ist. Tatsächlich kommt bei Gutachtergesprächen meist heraus, dass sich Transgender bereits im Kleinkinderalter anders fühlten und sich verhielten, als es der Geschlechtseintrag vermuten ließ.

Transgender trauen sich in die Öffentlichkeit, weil es heute nicht mehr als unabwendbares Los gilt, unglücklich zu leben und mit dieser Lebensunlust Familie, Freunde und Arbeitskollegen zu belasten. Wer mit transidenten Menschen zu tun hat, sollte starke Nerven haben, um die Erinnerungen an Selbstmordversuche, abgrundtiefe Depressionen und Ängste zu ertragen. Erfahrungen, die sich im Laufe eines Lebens vertiefen, wenn diese oft feinfühligen, liebenswerten Menschen ein falsches Leben leben. Bei einer gesicherten Diagnose eine Leidensgeschichte überhaupt nicht entstehen zu lassen, ist das Anliegen vieler fachkundiger Ärzte und Kinderpsychologen, die sich ernsthaft mit dem Wohl von Jugendlichen auseinandersetzen.

Und doch gibt es immer wieder Antragsteller, bei denen Psychologen Zweifel haben – Fachleute gehen allerdings gerade mal von etwa einem Prozent aus. In diesen Fällen raten verantwortungsvolle Psychologen davon ab, die Transition weiter zu betreiben. Es ist übrigens nicht so, dass eine Identitätsstörung notwendigerweise in der Pubertät auftritt. Dennoch hält der Jugendpsychologe Alexander Korte vor allem Jugendliche für sehr empfänglich, ihren Idolen Elliot Page, Mavi Phoenix oder Andreja Pejić nachzueifern. Er hält Transidentität für ein Zeitgeist-Phänomen, eine Mode, die kommt und wieder geht. Das wird sie sicher nicht, weil sie keine Mode ist.

Noch ein Wort zu vereinzelten schrillen Stimmen, die Transfrauen als potenzielle Sexualstraftäter diffamieren: Mit einem geänderten Geschlechtseintrag könnten diese in „safe spaces“, also Umkleidekabinen oder Saunen eindringen und andere Frauen gefährden. In den Polizeimeldungen findet man derartige Fälle nicht, wohl aber mit trauriger Häufigkeit, dass Transpersonen zusammengeschlagen oder erniedrigt werden – und zwar nicht in einem „safe space“, sondern im öffentlichen Raum. In Umkleidekabinen und Saunen trauen sich viele Transpersonen erst gar nicht, meiden diese jahrelang, aus Angst, dort irgendwie aufzufallen. Höchste Zeit, dieses kollektive Angst-Trauma zu beenden, Solidarität zu zeigen und die wunderbare Vielfalt zu akzeptieren, die uns Menschen ausmacht.