Brüssel - Es hing viel ab von diesen Gesprächen, sehr viel. Manche fürchteten gar um den Frieden in der Ukraine. Der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso aber fasste am letzten Tag seiner Amtszeit das Ergebnis des Gasdeals zwischen der Ukraine und Russland ganz pragmatisch zusammen. „Es gibt jetzt keinen Grund dafür, dass die Menschen in Europa es in diesem Winter kalt haben.“

Frieren also muss niemand. Nicht in der Ukraine. Und nicht in Europa, das einen Großteil seines Erdgases aus Russland über eine Transitleitung durch die Ukraine bezieht. Und im Jahr 2009 mit der Ukraine litt, als Russland den Gashahn sperrte. So war es von Vorteil, dass der Vermittler, EU-Energiekommissar Günther Oettinger, ein ausgewiesener Pragmatiker ist. Oettinger sprach nicht über den großen Frieden. Er sprach über Geld und er sprach über Zahlen.

„Dreifünfundachtzig“ etwa war eine dieser Ziffern. Was bei Oettinger klang wie an der Spätkauftheke, bedeutet: 385 Dollar pro tausend Kubikmeter Gas. Das wollte der ukrainische Versorger Naftogaz an den russischen Lieferanten Gazprom zahlen, hatte aber kein Geld. Deshalb hatte Gazprom im Juni seine Lieferungen gestoppt. In politisch heiklem Umfeld: Russland hatte die Krim annektiert, im Osten der Ukraine kämpften prorussische Separatisten.

Ein Verhandlungskrimi

Natürlich ging es also um Politik. Aber Oettinger sprach Runde um Runde nur über Zahlen. Seine Gegenüber kannten einander, von Universitäten und Kaderschulen. Oettinger klammerte Persönliches aus, er beharrte auf den Zahlen. Am Donnerstagfrüh wurden die Verhandlungen unterbrochen. Ein Scheitern fürchteten manche. Aber die Lage war diffiziler. Der russische Energieminister Alexander Nowak und sein ukrainischer Kollege Juri Prodan brauchten die Zustimmung aus der Heimat. Doch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zögerte, sein Land ist pleite. Barroso bearbeitete ihn lange am Telefon. Ein Verhandlungskrimi.

Am Abend folgt dann die Rückkehr der Minister nach Brüssel und der Abschluss des Deals. Gazprom garantierte bis zum 31. März 2015 die Lieferung von vier Milliarden Kubikmeter Gas zu 378 Dollar bis Jahresende, 2015 sinkt der Preis auf 365 Dollar. Geliefert wird gegen Vorkasse: Zudem begleicht die Ukraine bis zum Jahresende ausstehende Schulden in Höhe von 3,1 Milliarden Dollar bei Gazprom. Er gehe davon aus, dass das Geld spätestens bis Ende nächster Woche eintreffe, sagte Gazprom-Chef Alexej Miller am Freitag und sprach von einem Kompromiss.

Oettinger sprach von einem Winterpaket. Bis zum Frühjahr muss der Deal erstmal halten. Doch es ging auch um ihn selbst. Oettinger war mit den Details vertraut. Aber am Freitag um Mitternacht lief sein Mandat als Energiekommissar ab. Die Zeit drängte.

Schließlich ging es auch um einen politischen Gaspreis. Weißrussland etwa zahlt 268 Dollar. Diesen Günstlingspreis verlangte auch die Ukraine. Der russische Staatskonzern Gazprom aber hatte nach dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch den Preis erhöht auf 485 Dollar. Zudem forderte man Altschulden ein. Doch schon die Summe war umstritten. 1,3 Milliarden Dollar wollte die Ukraine zahlen und verwies auf den Preis für Weißrussland. 5,3 Milliarden Dollar forderte Gazprom und verwies auf die geforderten 485 Dollar. Nun sollen 3,1 Milliarden Dollar fließen. Endgültig soll den Streit 2015 ein Schiedsgericht in Stockholm schlichten. Auch deshalb wurde so hart gerungen, weil beide Seiten fürchteten, die eigene Position dort zu schwächen.

Merkel telefoniert mit Putin

Das sind die ökonomischen Fakten eines hochpolitischen Deals. Und vielleicht auch eine Chance zu dauerhaftem Frieden? Kanzlerin Angela Merkel telefonierte noch in der Nacht mit den Präsidenten Wladimir Putin, Petro Poroschenko und François Hollande. „Alle Beteiligten“ waren sich einig, dass der Konflikt in der Ostukraine „unter Wahrung der territorialen Integrität der Ukraine“ beendet werden müsse, hieß es. Zudem drängte sie zu einem Waffenstillstand im Osten. Doch schon am Sonntag wollen die Separatisten dort Wahlen abhalten. Darüber waren sie uneins.

Das politische Signal also ist vage. Und der Deal beinhaltet eine doppelte Haftung. Zwar ist die Gaslieferung vertraglich geregelt. Aber woher das Geld kommt, ist unklar. Die Ukraine ist faktisch pleite. Das Abkommen aber trägt neben der Unterschrift der russischen und ukrainischen Minister auch die Oettingers. Die EU haftet mit – nicht nur politisch. Das nötige Geld sei im ukrainischen Etat bereitgestellt, beharrte Oettinger. Aber EU und IWF hatten dem Land schon Kredite gewährt. Die Ukraine hängt also am russischen Gas. Aber auch am Geld des Westens.