Transsexualität und Bundeswehr: Im Dienst Offizier, nach Feierabend in Frauenkleidern

Berlin - Es sind nur zwei kleine Stiche ins Ohr, die sie an einem Tag vor ihrem Urlaub machen lässt. Weil sie Ohrstecker tragen will, wie Millionen andere Frauen auch. Doch Anastasia Biefang weiß, dass sich ihr Leben damit ändern wird. Sie hat es bei der Bundeswehr bis zum Oberstleutnant im Generalstab gebracht – als Mann. Doch sie fühlt sich als Frau und will in Zukunft auch so leben. 24 Stunden am Tag, also auch im Dienst.

Die Stiche an diesem Tag sind für sie ein Zeichen, „dass sich bald was ändern soll“. Ohrschmuck für Männer ist beim Bund im Dienst verboten. Sie wird ihn trotzdem tragen und ihre Transsexualität offenbaren. Wie werden die Vorgesetzten, die Kollegen reagieren?

Riskanter Spagat

20 Jahre lang hat sie sich vor dieser Entscheidung gedrückt, gestand sie jetzt dem Bundeswehr-Magazin „Y“. Führte ein Doppelleben. Im Dienst der akkurate Offizier, nach Feierabend war sie mit Freunden in Frauenkleidern und Perücke unterwegs. Und litt: „Ich hatte schon immer das Gefühl, das Leben als Mann macht mich nicht glücklich. Ich habe versucht, im Dienst den Mann hervorzukehren, wollte Karriere machen und mich nicht ständig mit meiner Transsexualität auseinandersetzen.“ Ein riskanter Spagat. Der Wunsch, endlich als Frau leben zu können, wird immer stärker, ihr geht es psychisch schlecht. „Leiden am falschen Körper“ wird Transsexualität oft genannt.

Deshalb beschließt sie, ihr Leben radikal zu ändern. Erst die Ohrstecker und nach Rückkehr aus dem Urlaub wirft sie alle Männerkleidung weg. Nur die Uniform nicht. Die gebürtige Krefelderin vertraut sich zunächst ihrem Vorgesetzten an, dann dem Truppenarzt. Sie wird an einen Sexualtherapeuten im Bundeswehrkrankenhaus Berlin überwiesen. Dort stellt sie sich so vor: „Ich bin eine Frau im Körper eines Mannes“. Sie wolle das ändern.

Sie spricht mit ihrer Familie, die eh etwas ahnte: „Sie wussten ja von meinem Schrank mit Frauenkleidern.“ Die heute 42-Jährige outet sich vor ihren Kameraden und Kollegen. Dann informiert sie ihren weiteren Vorgesetzten im Ministerium. „Der war zunächst völlig sprachlos.“ Und Biefang ist positiv überrascht: „Niemand hat sich abgewandt, ich hatte Unterstützung auf allen Ebenen. Dafür bin ich dankbar.“

Ein Jahr das Geschlecht offen leben

Doch es liegt noch viel vor ihr. Therapeutische Behandlung, psychologische Tests, ärztliche Gutachten, Hormonbehandlung, der Alltagstest. Transsexuelle müssen ein Jahr ihr eigenes Geschlecht offen leben – auch im Beruf – bevor weitere Schritte folgen. Einen wichtigen hat sie bereits hinter sich. Die „Personenstandsänderung“. Das Geschlecht wird offiziell geändert und sie heißt nun auch in neuen Papieren Anastasia. Auch im Truppenausweis. „Es ist ein richtig gutes Gefühl, offiziell anerkannt zu sein. Ich bin endlich eine Frau – auch bei der Bundeswehr.“

Und heute? „Ich bin sehr glücklich, es war für mich die einzig richtige Entscheidung.“ Der nächste Schritt für sie – die geschlechtsangleichende Operation – ist für Sommer geplant.