Trauerfeier für Richard von Weizsäcker im Berliner Dom: Abschied von einem großen Deutschen

Berlin - Die Bundesrepublik ist in ihrem politischen und gesellschaftlichen Leben ein durch und durch ziviler Staat. Nur wenn es an den Abschied seiner Besten geht, übernimmt das Militär die Regie. So geleiten Offiziere der Bundeswehr am Mittwoch den Sarg Richard von Weizsäckers unter den Klängen des Trauermarsches von Händel aus dem Berliner Dom.

Auf dem Vorplatz erwartet ihn eine Ehrenformation von 230 Soldaten mit der Präsentation der Gewehre. Das Stabsmusikkorps spielt die Nationalhymne, während die Familie und die politischen Trauergäste die Zeremonie von den Stufen des Doms verfolgen. Marianne von Weizsäcker hat sich bei Bundespräsident Joachim Gauck eingehakt, er drückt dabei ihre Hand. Er steht ihr wirklich bei.

Dann verlässt der Leichenwagen, angeführt von einer Motorradeskorte, die Mitte Berlins und passiert noch einmal die Wirkungsstätten Richard von Weizsäckers. Das Palais am Kupfergraben gleich hier um die Ecke, wo er in den letzten Jahren sein Büro hatte, wenige Schritte von Angela Merkels Wohnhaus entfernt; das Schloss Bellevue und schließlich das Rathaus Schöneberg.

Es ist der Abschluss eines Gottesdienstes und eines Staatsaktes zum Abschied von einem Bundespräsidenten, der am Ende zu den unumstrittensten und angesehensten Politikern in Deutschland gehörte. Für ein paar Stunden hat sich eine ungewöhnliche Stille über das Zentrum der Hauptstadt gelegt. Die sonst so belebte Straße Unter den Linden, die am Dom vorbeiführt, ist für jeglichen Verkehr gesperrt, aus Sicherheitsgründen. Doch es ist ein angemessenes Innehalten, das auch im Dom zu spüren ist, in dem sich 1 500 Menschen versammelt haben.

Ein einziger Kranz

Die erst etwas über einhundert Jahre alte Kirche ist in barockem Stil erbaut und gestaltet, mit einer Pracht also, die der Weizsäcker gewidmeten, auch in ihrem politischen Teil sehr protestantischen Zeremonie fast widerspricht. Der Sarg steht, von einer schwarz-rot-goldenen Fahne bedeckt, am Fuß der Stufen zum Altar. Ein einziger Kranz, aus bunten Rosen gebunden, schmückt ihn. Es ist der Kranz der Familie. Gauck geleitet die Witwe in das weite Kirchenschiff. Ihre drei Kinder, die Enkel, folgen.

Als Erster ergreift der Berliner Alt-Bischof Martin Kruse das Wort. Seine Predigt gibt den Ton auch für den folgenden Staatsakt vor; es ist eine Trauerfeier, die eine politische Lehrstunde über die Geschichte der Bundesrepublik ist. Kruse erinnert an einen Auftritt Weizsäckers drei Tage nach dem Mauerfall 1989 in der West-Berliner Gedächtniskirche, als er an Worte des Apostel Pauls erinnerte: Ihr seid zur Freiheit berufen – aber missbraucht sie nicht um Eurer selbst willen.

Richard von Weizsäcker habe sich diese Freiheit immer wieder genommen, sei stets aber auch der Mahnung des Apostels gefolgt. „Diese Losung war sein Kompass.“ Von der Orgel begleitete Choräle des Staats- und Domchors begleiten den Gottesdienst, der mit einem Vater Unser endet.

Nun beginnt der Staatsakt, auch wenn der Ort der gleiche bleibt. Doch während der Bischof von der hohen Kanzel mit der Inschrift „Das Wort des Herrn bleibt ewiglich“ aus predigte, ergreift Joachim Gauck das Wort an einem schlichten grauen Rednerpult, das ein Bundesadler ziert. Auch so lässt sich die Trennung von Kirche und Staat demonstrieren, selbst wenn das Staatsoberhaupt wiederum ein evangelischer Pastor ist.

Es bleibt nicht aus, dass man bei der Rede Gaucks über diesen herausragenden Bundespräsidenten immer auch ein wenig an Gauck denken muss. Und an dessen Vorgänger, die in den Reihen der Trauergäste sitzen – Roman Herzog und Christian Wulff. „Im Grundgesetz ist nicht vorgeschrieben, dass ein Bundespräsident eine moralische Instanz zu sein hat“, sagt also der amtierende Präsident. „Es ist auch nicht vorgeschrieben, dass er intelligent sein, der sittlichen Vernunft folgen und auch noch durch gute Reden überzeugen können soll.

Aber Richard von Weizsäcker hat dies alles beherrscht und gelebt – souverän, freundlich und selbstverständlich. Er hat damit Maßstäbe für das Amt gesetzt.“ Er habe besonders überzeugt, „weil Amt und Person so passgenau zur Deckung kamen – und weil seine Reden und seine Handlungen, seine ganze Unabhängigkeit so sehr dem entsprachen, was die Deutschen sich von ihrem Staatsoberhaupt wünschten.“ Das dürfte ungefähr dem entsprechen, was Joachim Gauck auch gern erreichen möchte.

Selbstverständlich würdigt er die Rede Weizsäckers zum 8. Mai 1945: „Richard von Weizsäcker hat sich mit dieser Rede um das Vaterland verdient gemacht. Nicht, weil er etwas gesagt hätte, was damals niemand gewusst hat. Er hat vielmehr das gesagt, was 1985 alle wissen mussten, was aber auch 1985 immer noch nicht alle wissen wollten.“

Und er erinnert an die lange davor liegenden Verdienste des CDU-Politikers Richard von Weizsäcker, der sich gegen die große Mehrheit seiner Fraktion für die Entspannungspolitik Willy Brandts einsetzte. Er erreichte immerhin, dass sich bei der Abstimmung über die Ostverträge im Bundestag viele Unionsabgeordnete enthielten und so die sichere Ratifizierung der Verträge ermöglichten.

Mit Frank-Walter Steinmeier, Antje Vollmer und Wolfgang Schäuble folgen drei Redner, die aus verschiedener Perspektive die alte Bundesrepublik im Berliner Dom aufscheinen lassen. Es ist der Wunsch der Familie, dass sie hier sprechen – und nicht die Parteivorsitzenden Angela Merkel oder Sigmar Gabriel, die wie der frühere polnische Staatspräsident Lech Walesa und Ex-Königin Beatrix aus den Niederlanden, ebenfalls an der Trauerzeremonie teilnehmen.

Der Sozialdemokrat Steinmeier erinnert daran, wie der Aristokrat Weizsäcker Leute wie ihn, „einen linken Studenten und Tischlersohn“ erreichen konnte – „wir fühlten uns angenommen und ernst genommen“. Und natürlich stellt der Außenminister, der nach diesen zwei Stunden des Innehaltens gemeinsam mit der Kanzlerin nach Minsk reisen wird, mitten hinein in eine der gefährlichsten europäischen Krisen seit langem, diesen aktuellen Bezug her. „Nicht Armeen, nicht Krieg, nicht Zwang, sondern das Wort kann den Lauf der Dinge prägen“, sagt er. Für Weizsäcker habe im Wort stets die Hoffnung auf Frieden gelegen. Worte seien „Einladung zum Dialog mit den Mitteln der Vernunft“.

Beginn einer Eisschmelze

Auch für Antje Vollmer, die als einzige Frau der von Weizsäcker initiierten „Mittwochsgesellschaft“ angehört, einem diskreten Gesprächskreis von Intellektuellen, ist die Mai-Rede das entscheidende Datum in Weizsäckers Amtszeit. „Sie erlaubte uns Jüngeren ganz vorsichtig in das eigene Land einzuwandern, in dem wir gelebt hatten wie Fremde.“ Es sei wie der Beginn einer Eisschmelze gewesen.

Schließlich ergreift noch Wolfgang Schäuble das Wort, und so sehr er politisch von seiner grünen Vorrednerin entfernt ist, so gehören doch beide zu einem Kreis von Politikern der Bonner Republik, deren Tun Weizsäcker einst wohlwollend begleitet hat. Auch Schäuble erinnert an den Parteipolitiker Weizsäcker. Er hebt hervor, dass er es trotz seiner späteren Kritik am Parteienstaat nie zugelassen habe, dass in seinem Glanz als Präsident die Alltagspolitik mehr verblasste, als sie es verdiente. Im Gegenteil, er habe eine beeindruckende Form von Politik vorgelebt – „so, wie sie sein könnte, sein sollte, und manchmal doch auch ist“. Weizsäcker sei ein Hoffnungsträger der Union gewesen, so wie der junge Helmut Kohl. Es spricht für die politische Größe Schäubles, dass er den einstigen Kanzler erwähnt, mit dem er persönlich gebrochen hat.

Helmut Kohl, wie Weizsäcker ein prägendes politisches Gesicht der späten Bundesrepublik und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, ein früher Förderer und Wegbegleiter Weizsäckers, fehlt in der Trauergemeinde. Aus gesundheitlichen Gründen, heißt es aus seinem Büro. Ernsthaft hat ihn aber auch niemand hier erwartet, zu tief ist der Bruch zwischen diesen beiden Männern aus der CDU, die lange Jahre die Geschicke der Republik bestimmt haben.

Kohl missfiel die Art und Weise, in der Weizsäcker sich über die Macht der Parteien mokierte, die ihm im Falle der CDU doch erst den Weg zur eigenen Karriere geebnet hatte. Der endgültige Schnitt folgte dann, als Kohl sich 1999 weigerte, die Spender des Schwarzgeldes für die CDU zu nennen. Das sei unzumutbar, sagte Weizsäcker, was Kohl mit den Worten quittierte: „Dieser Herr gehört nicht mehr zu uns“ – auch, weil Weizsäcker nach dem Präsidentenamt die Mitgliedschaft in der CDU demonstrativ weiter ruhen ließ. Kohl hätten also die vielen ehrenden Worte auf diesen Herrn kaum gefallen können.

Es fehlen noch andere Begleiter Weizsäckers auf dem Weg der Bonner Republik, wie Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher. Beide waren stets in bestem Einvernehmen mit dem einstigen Präsidenten. Doch ihr aktuelles Befinden lässt die Teilnahme an dem Abschied nicht zu.

Auf dem Waldfriedhof in Dahlem begraben

Mancher, der an diesem Tag gern dabei gewesen wäre, muss der Feier aus anderen Gründen fernbleiben. Die Sicherheitslage lässt es nicht zu. Mehrere Hundert Menschen haben sich im Lauf des Vormittags an den Kolonnaden der Alten Nationalgalerie eingefunden. „Ich finde es schade, dass das Volk so ausgesperrt ist“, sagt ein Berliner, der sein Büro in der Französischen Straße für zwei Stunden verlassen hat, um Richard von Weizsäcker die letzte Ehre zu erweisen. Viele Touristen bleiben stehen, aber gekommen sind auch einige, denen der Abschied von Richard von Weizsäcker ein persönliches Anliegen ist.

Reza Sadafi, ganz in Schwarz gekleidet, hält ein Tablet-Computer in der Hand, auf dem er die Übertragung der Trauerfeier im Dom live verfolgt. Mit der anderen Hand wischt sich der 49-jährige Berliner iranischer Abstammung Tränen aus den Augen. „So einen Menschen, so einen Politiker werden wir nie wieder bekommen“, sagt er. Richard von Weizsäckers berühmte Rede von 1985 habe ihn sehr beeindruckt. „Sie war so mutig.“ Viele hier loben den Staatsmann Richard von Weizsäcker. Dass er auch Regierender Bürgermeister Berlins gewesen ist, bleibt unerwähnt.

Erst als sich das Hauptportal des Doms schließlich öffnet, können die Versammelten kurz einen Blick auf das offizielle Zeremoniell erhaschen. Als sich am frühen Nachmittag der Wagen mit dem Sarg des Bundespräsidenten unter Blaulichtbegleitung in Bewegung setzt, filmen und fotografieren die Leute, wie man das eben so macht. Doch als die Fahrzeuge dann unmittelbar an den Zaungästen vorbeirollen, halten viele von ihnen inne. Sie applaudieren.

Zum Waldfriedhof in Dahlem wird Richard von Weizsäcker von seiner Familie begleitet. So zivil, wie er seit dem Ende des Kriegs gelebt hat, findet er hier seine letzte Ruhe.

(Mitarbeit: Iris Brennberger)