Trauerfeier für Werner Schulz: „Er wollte nicht ohnmächtig vor sich hinleben“

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck und viele Weggefährten kamen zur Trauerfeier für den Bürgerrechtler und Grünen-Politiker in die Gethsemanekirche. 

Zur Trauerfeier für Werner Schulz kamen am Freitag viele in die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. 
Zur Trauerfeier für Werner Schulz kamen am Freitag viele in die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. dpa/Joerg Carstensen

Das hätte Werner Schulz sicherlich gefreut: Seine Trauerfeier brachte am Freitagabend einen großen Teil jener Bündnisgrünen und Bürgerrechtler zusammen, die nach der Wende die Politik mitprägten. In der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg blieb kein Platz mehr frei. Gekommen waren Joachim Gauck mit seiner Frau, die Grünen-Spitzenpolitiker Britta Haßelmann, Ricarda Lang, Karin Göring-Eckardt und Michael Kellner, flankiert von Ex-Senatorin Ramona Pop und der Berliner Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch. Auch frühere Spitzengrüne wie Kerstin Müller, Rezzo Schlauch, Gunda Röstel, Ludger Volmer, Milan Horáček und Lukas Beckmann nahmen teil. Gekommen waren auch viele Freunde und Familienmitglieder.

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck begrüßte sie in seiner Rede mit einer eigenen Anrede als „liebe 89er“. Er erinnerte an sein letztes Treffen mit Werner Schulz, als dieser im Sommer den Deutschen Nationalpreis erhielt. Diese Auszeichnung würdigt Menschen, die sich für die Einheit Deutschlands und Europas verdient gemacht haben. Er sei fassungslos gewesen, als er die Nachricht von Schulz’ Tod erhalten habe, so Gauck, „er war einfach zu jung und so lebendig.“ Er schilderte ihn als aufrechten und inspirierenden Menschen, vor dessen scharfer Zunge durchaus viele auch Angst gehabt hätten. Doch sei er immer ein Politiker gewesen, der an ehrlichen Kompromissen interessiert gewesen sei. „Er war ein Mensch, der nicht einfach ohnmächtig vor sich hinleben wollte“, sagte Gauck.

Michael Kellner, Bettina Jarrasch, Britta Haßelmann, Sergey Lagodinsky, Steffi Lemke, Daniela Schadt, Joachim Gauck, Katrin Göring-Eckardt, Martin Böttger und Marianne Birthler (v.l.n.r.) bei der Trauerfeier in der Gethsemanekirche. 
Michael Kellner, Bettina Jarrasch, Britta Haßelmann, Sergey Lagodinsky, Steffi Lemke, Daniela Schadt, Joachim Gauck, Katrin Göring-Eckardt, Martin Böttger und Marianne Birthler (v.l.n.r.) bei der Trauerfeier in der Gethsemanekirche. Joerg Carstensen/dpa

Der 72-jährige Werner Schulz war am 9. November bei einer Feier zum Gedenken an den Beginn der Novemberpogrome 1938 im Schloss Bellevue zusammengebrochen und verstorben. Ausgerechnet der 9. November, der Tag des Mauerfalls. Er brachte Schulz 1989 endgültig in die Politik. Vorher war in der Bürgerrechtsbewegung aktiv gewesen, hatte 1980 seine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an der Berliner Humboldt-Universität verloren, weil er gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan protestiert hatte.

Jetzt saß er am runden Tisch der DDR-Staatsmacht gegenüber, wurde Mitbegründer des Neuen Forums und zog schließlich für die Fraktion Bündnis 90/Grüne in die erste frei gewählte Volkskammer ein – als Nachrücker. Sein Freund und Weggefährte Martin Böttger verzichtete zu seinen Gunsten auf sein Mandat. Er habe das nie bereut, versicherte Böttger am Freitagabend als erster Redner der Trauerfeier, „auch wenn manche Grüne mir später vorwarfen, den Stachel im Fleisch der Partei noch angespitzt zu haben.“

Schulz war alles andere als ein Parteisoldat, das zeigte sich in allen Reden. Für manchen Parteistrategen war er manchmal sogar ein Ärgernis. Zum Beispiel dann, wenn er mit einer furiosen Rede auf einem Parteitag einen Listenplatz ergatterte, was dann wieder Vorabsprachen durcheinanderbrachte. Dennoch habe er in das Los als Berufspolitiker schneller hineingefunden als sie, sagte Marianne Birthler in ihrer Rede. „Wir haben uns damals manchmal gefragt, in welchem Drehbuch wir hier gelandet sind“, erzählte sie von der Zeit in der frei gewählten DDR-Volkskammer. Doch Werner Schulz habe einen starken inneren Kompass gehabt. „Er war ein leidenschaftlicher Politiker, der immer nahbar blieb.“

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Britta Haßelmann, brachte ihre Dankbarkeit zum Ausdruck. Sie erinnerte noch mal an den Wahlkampf im Jahr 1990 zum ersten gesamtdeutschen Parlament. Damals schafften es nur die ostdeutschen Grünen in den Bundestag. Die westdeutschen Grünen waren mit dem Slogan „Alle reden von Deutschland – wir reden vom Wetter“ in den Wahlkampf gezogen und prompt an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert.

„Nie war unsere Partei ignoranter als damals“, sagte Haßelmann und erinnerte daran, dass die Parlamentsarbeit nun an ganzen acht Abgeordneten aus dem Osten Deutschlands hing. Schulz sei widerspenstig und aufrichtig gewesen. „Wir sind uns seines Vermächtnisses vielleicht nicht genug bewusst“, so Haßelmann. Schulz habe immer gesagt: „Aufrichtigkeit in der Politik, das ist es, wonach sich die Menschen sehnen.“

 Kerstin Müller und Rezzo Schlauch 
Kerstin Müller und Rezzo Schlauch dpa/Joerg Carstensen

Auch Parteichefin Ricarda Lang würdigte den Verstorbenen. Eine nicht ganz einfache Aufgabe für die 28-Jährige, die Schulz persönlich nicht gekannt hat. Sie bewundere seinen Mut und seine aufrichtige Haltung. „Die junge Generation steht auf der Schulter von Riesen“, sagte Lang. „Einer davon ist Werner Schulz.“ Hinterher stellten sich ihr viele vor, die die Grünen lange vor ihrer Zeit geprägt hatten.

Eine Situation, die merkwürdig hätte sein können, wenn es nicht vielen anderen auch so gegangen wäre. Viele hatten sich lange nicht gesehen und mussten einander beim Wiedererkennen auf die Sprünge helfen. Gelegenheit gab es dazu bei einem kleinen Büfett mit Tee und Kaffee nach der Trauerfeier im Altarbereich der Kirche. „Ich bin Günter Nooke“, sagte ein freundlicher älterer Herr zu einem etwa gleichaltrigen Grünen-Politiker, der ihn zuvor irritiert angesehen hatte und dessen Miene sich schlagartig aufhellte. Händeschütteln, Small Talk. Die Kirche leerte sich nur langsam.