Herr Waldschmidt, wie reagieren Menschen, die zufällig Zeuge eines solch schrecklichen Geschehens wie auf dem Weihnachtsmarkt am Montagabend in Berlin geworden sind?

Das hängt sehr von den genauen Umständen ab. Wo habe ich gestanden, als es passiert ist? Wie exponiert bin ich? Was habe ich an Geräuschen und Bildern wahrgenommen? Auch die Frage, ob jemand unter den Opfern ist, zu dem ich in Beziehung stehe. Dabei reicht es schon, dass ich auf Facebook lese, dass jemand betroffen ist, den ich kenne. Schon da kann ich heftig reagieren. Von allen diesen Faktoren hängt viel ab.

Wie können diese Reaktionen konkret aussehen?

Unmittelbar danach können Blässe, Zittern, Herzrasen auftauchen. Es gibt Leute, die haben eine ganz abgehackte, verlangsamte Sprache, wenn sie von dem Ereignis berichten. Selten gibt es eine Reaktion wie ein regelrechtes Einfrieren zum Beispiel auch bei Kindern. Die Menschen stehen dann blass und starr da. Das alles hat damit zu tun, dass Zeugen eines solchen Geschehens von Sinneseindrücken überflutet werden. Das sind völlig natürliche Reaktionen, akute Überlebens-Stressreaktionen, weil der Körper sein Funktionieren in einer Notfallsituation sicherstellen will. Diese vegetativen Reaktionen können einige Tage bis ein, zwei Wochen anhalten, wobei sie sich natürlich abschwächen. Längerfristig sind eine schlechte Konzentrationsfähigkeit und Einschlafstörungen zu beobachten.

Welche Strategien gibt es, mit dem Erlebten umzugehen?

Wenn jemand noch in der Situation schnell in eine Handlung kommen kann, aktiv werden kann, dann hat das eine gute Prognose. Also: Erste Hilfe leisten, Leute trösten, per Notruf Hilfe herbeirufen anstatt passiv und gelähmt dazustehen, das kann helfen. Auch kann in der Situation wichtig sein, sich nicht alles anzuschauen, also sich bewusst abzuwenden. Das hat allerdings zwei Seiten. Viele Menschen schauen sich nach so einem Ereignis alles, was sie dazu erfahren können, im Fernsehen oder im Internet an. Wir müssen ein komplettes Bild von etwas bekommen, um es ablegen zu können. Für manche ist das gut, für andere nicht.

Welche Möglichkeit haben Angehörige oder Freunde, in einer solchen Situation zu helfen?

Angehörige und Freunde sollten genau hinsehen und hinhören, um zu verstehen, ob Betroffene eine Gesprächsbereitschaft haben oder nicht. Viele wollen einfach nur in den Alltag zurückkehren. Dieser küchenpsychologische Satz, dass man doch darüber reden müsse, um es loszuwerden, das kann dazu führen, dass Erfahrungen, die man abgelegt hat, wieder aufgewühlt werden, dass man aufs Neue mit den Bildern konfrontiert wird. Es kann hilfreich sein, nach so einem Ereignis an Gruppen mit Menschen teilzunehmen, die gleichfalls betroffen sind. Denn oft lebt man nach so einem Ereignis in der Überzeugung einer Singulärerfahrung: Nur mir geht es jetzt so. Da ist es dann hilfreich, zu sehen, dass andere diese Erfahrung auch gemacht haben.

Wird der Anschlag von Berlin das Leben der Menschen in Deutschland insgesamt verändern?

Das glaube ich schon. Das Sicherheitsgefühl der Deutschen wird das verändern. Das ist ein latentes Gefühl: Das Bewusstsein, dass die Fragilität des Lebens zunehmen wird. Das entspricht der deutschen Mentalität, die hoch kontrollorientiert und sicherheitsbedürftig ist. Ich würde da 2001 und die Anschläge in New York und Washington als Wendepunkt ansehen. Denn menschengemachte Desaster haben nochmal eine andere Qualität als Naturkatastrophen. In der Folge ist so eine Art Koordinatensystem, das uns Sicherheit gegeben hat, nicht mehr so verlässlich.

Zur Person:

Frank C. Waldschmidt ist Sozialwissenschaftler, Theologe und Traumatherapie-Experte. Waldschmidt verfügt nach eigenen Angaben über umfangreiche operative Erfahrungen, so nach den Zugunglücken in Eschede 1998 und Brühl 2000, nach den Amokläufen von Erfurt 2002 und Winnenden 2009 sowie nach der  Love Parade-Katastrophe Duisburg 2010.