Dresden - Als das heftig umstrittene Gipfeltreffen von Dresden am Mittwochabend beginnen soll, ist der Fraktionssaal der Alternative für Deutschland leer. Von Pegida keine Spur. Eigentlich hatte die AfD-Fraktion das Organisationsteam der Pegida-Aufmärsche in den Sächsischen Landtag geladen, zu einem „vorurteilsfreien Gedankenaustausch“. Die Medien waren aufgeregt, andere Parteien schimpften, das sei eine Adelung von Fremdenfeinden. Doch nun sind Gardinen sind vor die Glaswände gezogen, die angeforderten Sicherheitsleute gehen verfrüht in Feierabend. Ein Stockwerk tiefer freuen sich knapp 20 Vertreter sächsischer Demokratie-Initiativen, die Die Linke eingeladen hat, Pegida vertrieben zu haben.

AfD und Pegida haben außerhalb des Landtages Gedanken ausgetauscht, Ort und Inhalte streng geheim, auch auf Anfrage. Man verweist auf die Pressekonferenz am Donnerstag. Als Grund für die Verlegung nennt die AfD zwar tatsächlich die Veranstaltung der Linksfraktion, die sie als bedrohlich oder als Störung empfunden habe. Man darf aber wohl eher sagen, dass AfD-Fraktionschefin Frauke Petry mal wieder cleverer war. Fotografen und Fernsehteams bekommen nun keine gemeinsamen Bilder, Reporter können keine Fragen an unvorbereitete Teilnehmer stellen. Schließlich war das Treffen auch innerhalb der AfD-Führung umstritten – und Petry weiß, was sie tut.

Petry will ihren Einfluss nicht gefährden

Frauke Petry, 39 und eine von drei AfD-Bundeschefs, weiß um ihren Einfluss in der AfD – und will ihn nicht gefährden. Sondern erweitern. Sie erlangte ihn auch, weil sie von Anfang an dabei war: Als preisgekrönte Jungunternehmerin – ihre spätere Firmenpleite schadete ihr politisch nicht – sowie Karrierefrau UND Mutter von vier Kindern, wurde sie schon beim Gründungsparteitag 2013 an die Parteispitze gewählt. Die eloquente und fotogene Sächsin war nicht nur lebender Gegenbeweis zum Vorwurf, die AfD sei eine westdeutsche Professorenpartei mit Altherren-Wählerschaft. Sie verkörperte auch die Werte der AfD: Die gebürtige Dresdnerin stammt aus bürgerlichem Elternhaus, wurde konservativ erzogen, ist mit einem Pfarrer verheiratet. Sie verließ Ostdeutschland aber mit ihren Eltern, als sie 14 war, gen Nordrhein-Westfalen und wuchs zur fleißigen Musterstudentin heran – Chemie-Studium, Auslandsaufenthalte, ein unbestreitbar kluger Kopf.

Bald ergab die Mischung aus Aufsteiger-Ehrgeiz, konservativem Weltbild und Frust über Behörden, Banken und SPD-Filz in NRW einen Standpunkt rechts der CDU: Petry ist gegen die EU wie gegen Abtreibungen. Sie spricht von Familienförderung zum Zwecke des „Überlebens des eigenen Volkes“, zeigt wenig Verständnis für Schwächere mit schlechteren Startbedingungen und fehlendem Ehrgeiz – und gar keins für „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Ihren Machtinstinkt bewies sie gerade im AfD-Führungsstreit, in dem sie sich geschickt mit den Lucke-Kritikern im Vorstand verbündete. Scheitert Bernd Lucke mit seinem Plan, alleiniger AfD-Chef zu werden, könnte durchaus Petry als neue starke Frau die Partei übernehmen.

Zur Eskalation am Jahresbeginn hatte auch die Auseinandersetzung darüber beigetragen, wie die AfD zur Pegida steht. Vize-Parteichef Alexander Gauland hatte sie als „natürliche Verbündete“ ausgemacht. Lucke kritisierte die öffentliche Äußerung: Eine Verbrüderung würde der AfD schaden, wenn die Partei so erneut in die Rechtsaußen-Ecke gestellt würde. Petry war von Anfang an anderer Meinung.

Ziele decken sich mit Pegida-Forderungen

Kein Wunder: Sieht man sich die Ziele ihrer Fraktion an, decken sich viele davon mit Pegida-Forderungen. Von „neuem Nationalbewusstsein“ träumt die durchweg gutbürgerliche Truppe ebenso wie von der Abschaffung des Doppelpasses; Grenzkriminalität, Islam und „Minderheitenwahn“ sind zentrale Themen. Als sich der Vorstand über den Jahreswechsel völlig überwarf, zögerte Petry nicht länger – und die Pegida-Köpfe ein.

Was sie sich davon versprachen, zumal sie zuvor jedes Gespräch mit Politikern abgelehnt hatten, behielten sie für sich. Nicht einmal, wer aus dem 12-köpfigem Team  bei dem Treffen dabei war, wurde verraten. Die lange unangefochtene Führungsfigur Lutz Bachmann, hält sich derzeit jedenfalls öffentlich zurück, seit er als vorbestrafter Kleinkrimineller enttarnt wurde.

Auf der Pegida-Bühne hat ihn zuletzt Kathrin Oertel abgelöst, die mit Bachmann seit Kindertagen in Sachsens Provinz befreundet ist und am Mittwochabend dabei war. Die 36-Jährige mit dem sächsischen Dialekt, den langen blonden Haaren, Leopardenmuster-Outfits und auffällig nachgezogenen Augenbrauen ist der Gegenentwurf zur schnittigen, weltgewandten Petry in ihren Business-Kostümen. Aber ihre energischen Reden gegen „Asylindustrie“ und die „Volksverräter“ im Bundestag treffen den Nerv der Demonstranten.

Und so sind sich Petry und Oertel da einig, wo sich ihre Ansichten gegen Schwächere richten, gegen fremde Einflüsse auf „ihr“ Deutschland, gegen die alten Eliten in Politik und Medien, die beide für korrupt, abgehoben und bürgerfern halten. Die AfD-Chefin und die Pegida-Frontfrau: ein treffendes Sinnbild für den Handschlag der Wutbürger auf Dresdens Straßen mit der neuen ostdeutschen Protestpartei.