JERUSALEM - Das Ding hat die Größe einer extradicken Pampelmuse. Es ist aber eine Kugel aus gebauschtem Tüll oder anderem aufgeplustertem Stoff und dient allein einem Zweck: dem weiblichen Hinterkopf ein Volumen zu verleihen, das die Illusion einer prächtigen Haartracht unter dem Kopftuch nährt. Solche wuchtigen, lang gestreckten Häupter galten schon in der Antike als Schönheitsideal, wie man seit Kleopatra weiß. Inzwischen hat diese Mode einen Siegeszug in der arabischen Welt angetreten, ausgehend von den Golfstaaten, wo sie in den Malls von Dubai und Kuwait entstand, bis hin zu den Palästinensern in Jerusalem und der Westbank.

Vielen Männern scheint der neue Look zu gefallen, den Imams und religiösen Sittenwächtern aber ist er ein Dorn im Auge. Sie verdammen den „Bukle Khalidschieh“, wie der Stoffdutt unter Hinweis auf seine Herkunft „vom Golf stammend“ oft bezeichnet wird, als „haram“, also als sündig und mithin verboten. Eine anständige Muslima hat sich zu verhüllen, am besten in einen weitgeschnittenen, bodenlangen Dschilbab in unauffälligen Farben, um ja nicht irgendwelche männlichen Begehren, sei es auch nur gedanklicher Art, zu wecken.

Darum scheinen sich jedoch immer weniger junge muslimische Frauen zu scheren. Sie mögen es, sich mit dem „Bukle Khalidschieh“, von ihnen kurz „Buff“ genannt, auszustaffieren, am liebsten mit bunten und kunstvoll verschlungenen Kopftüchern darüber. Eine Menge Schnickschnack-Läden profitiert davon, so auch „Jasmine Accessoires“ in der Ost-Jerusalemer As-Sahra-Straße, wo die Buff-Clips an langen Kordeln direkt neben der Eingangstür baumeln. Vor allem Kundinnen zwischen zwanzig und dreißig Jahren wollten die Dinger, meint der Verkäufer. „Die sehen an ihnen auch einfach gut aus.“ Aber nein, das sei „haram“ mischt sich eine Kopftuchfrau im dunklen Mantel ein, die mit ihren Schwestern gerade vorbeikommt. Es gebe da doch dieses Zitat aus dem Hadith – einer Sammlung von überlieferten Weisheiten des Propheten, wonach Frauen mit Höckern auf dem Kopf zur Hölle fahren würden.

Ghada, 33, hat das alles schon tausend Mal gehört. Von entfernten frommen Verwandten, von Nachbarn, von Kollegen. „Dauernd kommt einer damit an, das sei haram“, sagt sie und winkt ab. Sie lasse sich weder einschüchtern noch vorschreiben, wie sie sich kleide. In ihrer Generation liefen doch alle so rum, in Jerusalem, Ramallah, sogar im erzkonservativen Hebron. „Wir wissen, dass es verboten ist, aber der Buff schmeichelt einfach dem Gesicht“, erzählt sie strahlend. Ghada ist eine modebewusste Palästinenserin. Zu unserer Verabredung erscheint sie perfekt geschminkt, pinkfarbener Lippenstift, blauer Lidschatten, abgestimmt auf das knallblau eingefasste Kopftuch und das gleichfarbige Bolero-Jäckchen. Eine schöne Frau, die weiß, was ihr steht.

Nichts an ihrer Erscheinung erinnert daran, dass sie am Rande des Flüchtlingslagers Schuafat aufgewachsen ist, als eines von 13 Geschwistern und Halbgeschwistern. Dort lebt sie noch immer, als glückliche Single, wie sie betont, in den eigenen vier Wänden im Haus des Vaters, der nach dem Tod der Mutter ein zweites Mal geheiratet hat. „Keiner in meiner Familie“, sagt Ghada stolz, „hat mich je zu etwas genötigt.“ Erst spät habe sie angefangen, ein Kopftuch zu tragen. „Um zu zeigen, dass ich eine Muslima bin“, sagt sie. Doch besonders religiös sei sie nicht, auch wenn sie als Protokollantin beim Scharia-Gericht arbeitet, das in Jerusalem die Familienangelegenheiten von Muslimen regelt. Job ist Job. Ansonsten tut sie, was ihr Spaß macht, treibt Sport, geht Schwimmen (und zwar im Ganzkörperanzug mit Hidschab) und ein Mal die Woche zum Salsa-Kurs – mit aufgeplustertem Kopftuch. Seitdem sie vor einem Jahr erstmals den buschigen Clip auf dem Hinterkopf drapiert hat, verlässt sie das Haus nicht mehr ohne. „Ich habe über fünfzig davon“, gesteht sie lachend, „und dazu Kopftücher in allen Ornamenten, Mustern und Farben.“

Das islamische Kopftuch, das eigentlich weibliche Reize verbergen soll, hat sich nach diesem Konzept ins Gegenteil verkehrt. Für junge Frauen wie Ghada ist es zum zentralen modischen Attribut geworden, zum Aufsehen erregenden Kopfschmuck.

Neuester Trend: Bei Hochzeiten trägt die arabische Braut von heute gerne einen raffiniert geschlungenen Hidschab statt aufgedrehter Locken unter durchsichtigem Schleier. Jeder Schönheitssalon in Ost-Jerusalem oder Ramallah, der auf sich hält, bietet inzwischen an, die mehrere Meter langen Stoffbahnen zu falten und zusammenzustecken, sodass sie über einen, mittels Buff dramatisch verlängerten Hinterkopf auf den Rücken wallen. Ghada würde das auch gefallen, sollte sie jemals einen Mann heiraten. Zwei, drei Kandidaten, die beim Heiratsantrag anfragten, ob sie später in der Ehe einen Dschilbab, den unförmigen Mantel, zu tragen bereit sei, bekamen allerdings einen Korb. „Vergiss es“, hat sie ihnen gesagt, „ich lasse mir nichts aufzwingen.“