So wurde Der Tag des Sieges im vergangenen Jahr gefeiert. An der Parade auf dem Roten Platz in Moskau nahmen mehr als 13.000 Soldaten teil.  In diesem Jahr fällt die Parade aus. 
Alexander Zemlianichenko/dpa

MoskauBerlin 1943: Hitler schaut sich ein Boxfinale an. Ein Russe schlägt einen Deutschen k.o., der Führer steigt in den Ring, um dem Sieger persönlich eine Medaille umzuhängen. „Ich gratuliere, Sie sind ein ausgezeichneter Boxer“, spricht der Führer mit leicht säuerlicher Miene. „Obwohl, ich sage Ihnen ganz offen, ich hätte den Sieg eines deutschen Boxers bevorzugt.“

Kein Weltkriegswitz, sondern eine Szene aus dem russischen TV-Film „Aufwärtshaken für Hitler“. Der ist ernst gemeint. Sein Held ist eine reale Figur. Es war der Leningrader Mittelgewichtsboxer Igor Miklaschewski, verstorben 1990 in Moskau. Er wurde 1942/43 zum Agenten ausgebildet und hinter die deutschen Linien geschleust. Mit dem Befehl „an Hitler heranzukommen und ihn zu vernichten“, so der Dokumentarfilmer Wladimir Konowalow gegenüber der Zeitung Argumenty i Fakty.

Am 9. Mai feiert Russland zum 75. Mal den Sieg über Nazideutschland. Wegen der Corona-Pandemie wurden alle Paraden und Massenveranstaltungen verschoben. Doch Feuerwerke und Luftwaffenschau sollen stattfinden. Auch wenn der Sieg 27 Millionen Menschen in der Sowjetunion das Leben gekostet hat - Moskau will triumphieren, nicht trauern.

Miklaschewskis Vita ist von Mythen getränkt. Nach mehreren Monaten Gefangenenlager gelang es dem realen Agenten, in Berlin Fuß zu fassen – dank seines vorher zu den Deutschen übergelaufenen Onkels, des Schauspielers Wsewolod Bljumental-Tamarin. Der machte als Radiosprecher Propaganda für die Nazis. Viele Historiker glauben, die Sowjets hätten Miklaschewski ausgeschickt, um seinen Onkel zu ermorden.

Generalmajor Pawel Sudoplatow, im Krieg NKWD-Chefkurator der Sowjetspione, schrieb aber 50 Jahre später, er hätte den Boxer auf Adolf Hitler angesetzt. Die meisten russischen Medien verbreiten die Version bis heute. Danach lernte Miklaschewski in Berlin den Filmstar Olga Tschechowa kennen. Die russischstämmige Schauspielerin gehörte zur Nazi-Boheme und war oft Hitlers Tischdame. Laut Sudoplatow stand sie mit dem NKWD in Kontakt und gab Miklaschewski Tipps, wann er Hitler bei einer ihrer Premieren in die Luft jagen könne.

Boxende Helden und schöne Frauen. Schon in der Stalinzeit kamen Romane und Filme über Agenten in Mode, die tollkühn im Nazi-Deutschland manövrierten. „Man stellte den Krieg vor allem als Krieg der Geheimdienste dar“, analysiert der Historiker Nikita Petrow und spricht von einer „NKWD-Isierung des Sieges“. Wladimir Putin setzte sie fort.

„Es blieb nur noch, die Bombe zu zünden. Alles war bereit“, schreibt das Nachrichtenportal lenta.ru über Miklaschewski. Aber im letzten Moment habe Stalin das Attentat abgeblasen. „Die Rote Armee hatte den Kriegsverlauf längst umgebogen, nach Ansicht des Führers (gemeint ist Stalin) hätte Hitlers Tod zu einem Separatfrieden Deutschlands mit den Alliierten führen können.“ So aber geriet Hitler zum hilflosen Objekt überlegener sowjetischer Strategie ...

Allerdings gelten Sudoplatows Erinnerungen als zweifelhaft: Darin steht auch, der Boxer hätte sich nach 1944 der französischen Résistance angeschlossen, eine Munitionsfabrik in die Luft gejagt und sei schwer verletzt worden. Dieses Abenteuer widerlegt ein Brief seines Onkels Bljumental-Tamarins: Der Neffe habe in der Normandie bei nazitreuen Wlassow-Truppen gekämpft und sei verwundet worden …

Putins Staatsfernsehen toppt Sudoplatows Agentenlatein noch: Der TV-Miklaschewski trifft einen britischen Spion, der versucht, den Boxer anzuwerben, um Hitler doch noch umzulegen. Er soll ihn nach dem Finalkampf mit einem Giftpfeil aus einem Blumenstrauß töten. Doch Miklaschewski ahnt das antisowjetische Kalkül hinter dem Mordauftrag.

Die Propaganda verkündet, dass der Westen vor, während und nach dem Krieg insgeheim mit Nazideutschland sympathisierte. Auch im Streit um den deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen verkauft man die UdSSR als einzig echten Feind der Nazis. „Die Sowjetunion wurde von einer europäischen Koalition unter Führung Hitlers angegriffen. Und Punkt!“, erklärt der Publizist Maxim Schewtschenko.

Ein Geschichtsbild wie die Wandmosaike in der neuen „Hauptkathedrale der russischen Streitkräfte“, die zum 9. Mai eröffnet werden sollte. Sie zeigen Stalin und seine Marschälle ebenso Putin und seine Minister. … Laut der Zeitung Kommersant wurde die Komposition wieder demontiert. Zuvor hatte Putin bescheiden erklärt, es sei noch zu früh, seine Verdienste zu bewerten. Das wolle er dankbaren Nachfahren überlassen.

In „Aufwärtshaken für Hitler“ steht der Führer nach der Siegerehrung nachdenklich vor dem Meisterboxspion und klopft ihm dann auf die Schulter. Der Russe schaut unfroh, zückt aber seinen mörderischen Blumenstrauß nicht. Den Giftpfeil daraus jagt er Minuten später dem britischen Kollegen in den Hals. Das passt in den Putin’schen Mainstream, wie ihn der Soziologe Lew Gudkow formuliert: „Das ist unser Sieg, und wir wollen ihn mit niemandem teilen.“