Es ist nur ein kurzer Blick, den Kim Bok Dong ins Freie wirft – über den hölzernen Fußboden hinaus auf den akkurat getrimmten Rasen, den Kirschbaum und die kleine Bank, die im Garten ihres Schutzhauses steht, das früher einmal eine christliche Kirche war. Doch die 91-Jährige kümmert sich nicht um die Idylle, in der sie zum Gespräch geladen hat. „Ich verlasse das Haus nicht“, sagt sie. „Außer mittwochs!“

Der Mittwoch ist ihr wichtig. Jeden Mittwoch sitzt sie vor der japanischen Botschaft in Südkoreas Hauptstadt Seoul, umgeben von Schülergruppen und Aktivisten, die gelbe Transparente in Richtung des Botschaftsgebäudes recken. Immer wieder rufen sie „Entschuldigt euch!“ durch den Gitterzaun. Jeden Mittwoch versammeln sich die Demonstranten, um für Frauen wie Kim Bok Dong die Gerechtigkeit einzufordern, die ihnen nun seit über 70 Jahren verwehrt bleibt: eine Entschuldigung Japans für das Schicksal der koreanischen Trostfrauen.

Die Trostfrauen warten noch immer auf Gerechtigkeit 

Das Wort Trostfrau beschönigt das, was diesen Frauen widerfahren ist, auf zynische Weise. Mit falschen Versprechungen gelockt oder gar entführt, wurden während des Zweiten Weltkriegs Zehntausende Frauen in frontnahen japanischen Soldatenbordellen vergewaltigt – systematisch und über Jahre hinweg. Ein unvorstellbares Verbrechen, das noch nicht vollständig gesühnt ist. Die Trostfrauen warten noch immer auf Gerechtigkeit und vor allem auf eine aufrichtige Entschuldigung. Heute sind in Südkorea weniger als 40 von ihnen am Leben. Kim Bok Dong ist eine von ihnen.

Jeden Mittwoch sitzt sie nun vor der japanischen Botschaft. Halmoni nennen sie hier alle, so wird eine Großmutter liebevoll auf Koreanisch genannt. Kim Bok Dong ist an den Rollstuhl gefesselt, sie wirkt ein wenig unscheinbar, ihr Blick ist wahlweise ausdruckslos oder stoisch. Doch Kim Bok Dong ist eine Kämpferin. Noch vor zwei Jahren demonstrierte sie bei einem Berlin-Besuch vor der japanischen Botschaft und rief durchs Megafon, dass sie notfalls um die ganze Welt ziehen würde, um Wiedergutmachung zu fordern. Mittlerweile reist sie nicht mehr, doch noch immer fordert sie: eine Entschuldigung.

Historiker schätzen, dass bis zu 200.000 Frauen hauptsächlich aus der damaligen japanischen Kolonie Korea, aus China und den Philippinen, viele von ihnen noch minderjährig, zwangsprostituiert wurden. Die genaue Zahl ist bis heute Anlass kontrovers geführter Debatten. Gesichert scheint, dass ein Großteil von ihnen nicht einmal das Kriegsende erlebte.

Im Jahr 1940 war Kim Bok Dong gerade einmal 14, als ein Japaner in gelber Kleidung, so erinnert sie sich, in ihr Dorf in der Nähe der heutigen Millionenstadt Busan kam. Sie solle sich zum Arbeitseinsatz in einer Textilfabrik melden, andererseits würden alle Mitglieder ihrer Familie als Verräter betrachtet. Doch eine Textilfabrik war nicht das Ziel. Stattdessen begann für Kim Bok Dong zusammen mit etwa 30 anderen jungen Frauen eine Odyssee durch Soldatenbordelle, angefangen in Taiwan, dann Malaysia, Singapur und Indonesien.

Knapp fünf Jahre währte das Martyrium für Kim Bok Dong

Die Bordelle lagen oftmals in unmittelbarer Frontnähe. Vor diesen Bordellen reihten sich japanische Soldaten auf. Unzählige Male wurde die jungen Frauen vergewaltigt, jede etwa 15 Mal an Wochentagen, manchmal 50 Mal und mehr an Wochenenden. Knapp fünf Jahre währte das Martyrium für Kim Bok Dong. Am Ende eines Tages blieb sie oft einfach liegen, weil sie ihren Unterkörper nicht mehr spüren konnte. Immer wieder wurde sie von ihren Peinigern geschlagen. „Mein Körper ist noch immer von Narben übersät“, sagt sie.

Wer mit Kim Bok Dong über diese Jahre spricht, spürt die unterschwellige Wut, die plötzlich den Raum füllt, sobald sie sich erinnert. Sie vermeidet die Gedanken an damals daher, wann immer sie kann. Noch heute wird sie nachts von Albträumen geplagt. Doch es die Gegenwart, die sie wütend macht.

Nach Kriegsende wurde sie nach Singapur gebracht. Erst 1947 kehrte sie nach Korea zurück. Als kurz darauf der Koreakrieg die Halbinsel zerriss, erneut Millionen Tote zurückließ und das Land bis heute in zwei Teile spaltete, kümmerte sich niemand mehr um das Schicksal der Trostfrauen. Und mehr noch: Sie waren zum Schweigen verdammt.

In der traditionellen koreanischen Gesellschaft ist vorehelicher Geschlechtsverkehr tabuisiert, und das gilt bis heute. So war es für Trostfrauen nahezu unmöglich, über das Erlebte zu sprechen. Die, die ihr Schweigen brachen, wurden von der Gesellschaft als „japanische Huren“ beschimpft und ausgegrenzt.

„Ich konnte mich niemanden anvertrauen, außer meiner Mutter“, sagt Kim. Doch auch bei ihr stieß sie auf Unverständnis. „Sie starb deshalb aus Trauer“, sagt Kim. Die Wunden der Vergangenheit wurden nicht einmal in der eigenen Familie akzeptiert. Eine weitere Erniedrigung.

Mittwochsproteste vor der japanischen Botschaft

Erst in den Neunzigerjahren begann sich erster Widerstand gegen geltende Konventionen zu entwickeln. Mit dem Erstarken der Frauenrechtsbewegung in Südkorea brach 1991 die mittlerweile verstorbene Kim Hak Sun als eine der ersten Trostfrauen öffentlich ihr Schweigen. Viele folgten ihr, und das kleine Land begriff, dass es sich einem dunklen Kapitel seiner Geschichte bisher nicht gestellt hatte.

Nur ein Jahr später begannen die Mittwochsproteste vor der japanischen Botschaft, die durchgängig bis zum heutigen Tag stattfinden. So fand auch Kim Bok Dong den Mut, sich als Trostfrau erkennen zu geben. Seit 25 Jahren kämpft sie für ihre letzte Gerechtigkeit. „Die Vergangenheit ist Vergangenheit, jetzt kämpfe ich für die Gegenwart, und ich werde das tun, bis ich sterbe“, sagt sie.

Im vergangenen Jahr schaffte es ein Film-Drama zum Thema trotz anfänglicher Widerstände in die koreanischen Kinos – und eroberte auf Anhieb die Charts. Den Film selbst gab es nur, weil über 70 000 Menschen in Südkorea die Produktionskosten mittels Crowdfunding aufbrachten. Vor Kurzem wurde angekündigt, dem Leid der Trostfrauen ein eigenes Museum in Seoul zu widmen. Und seit Montag fahren Busse durch die Hauptstadt, in denen je eine lebensgroße Trostfrauen-Statue einen Sitzplatz einnimmt. Das Bewusstsein für die eigene Geschichte ist mittlerweile größer als die Schamkultur. Es ist vor allem die jüngere Generation, die sich für das Schicksal der Trostfrauen interessiert.

Seit in Korea die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit läuft, sind Trostfrauen zum Politikum in den seit jeher komplizierten Beziehungen zum japanischen Nachbarn geworden. Nach Kriegsende wurden die meisten Täter nie rechtlich belangt, eine wirkliche Aufarbeitung fand nie statt. In Japan wird in der Debatte daher häufig der Standpunkt vertreten, dass Trostfrauen wie Kim Bok Dong diesen Dienst freiwillig eingegangen wären, was falsch ist und die Opfer verhöhnt. Erst Anfang Juli dieses Jahres tauchte ein 18 Sekunden langer Videomitschnitt von koreanischen Trostfrauen nach ihrer Befreiung aus einem japanischen Zwangsbordell in China auf. Es war das erste Videozeugnis überhaupt.

Viele Trostfrauen – auch Kim Bok Dong – fühlen sich gar betrogen

Vor knapp zwei Jahren wurde unter Japans Premier Shinzo Abe und der damaligen südkoreanischen Präsidenten Park Geun Hye scheinbar ein Durchbruch in den Verhandlungen erzielt. Doch das getroffene Abkommen wird von vielen Koreanern bis heute als unzureichend abgelehnt. Viele Trostfrauen – auch Kim Bok Dong – fühlen sich gar betrogen. „Mit diesem Kompromiss können und wollen wir nicht zufrieden sein“, sagt sie.

Südkoreas neuer Präsident Moon Jae In, der seit Mai die im Zuge eines Korruptionsskandals amtsenthobene Park beerbte, galt lange Zeit als der Mann, der das Thema der Trostfrauen wieder auf die große Agenda setzen würde. Auch Kim Bok Dong setzte große Hoffnungen in ihn. Denn immer wieder betonte er, dass er die im Dezember 2015 getroffene Vereinbarung neu verhandeln würde. Vor allem forderte eine öffentliche Entschuldigung und ein Schuldeingeständnis Japans.

Doch seit seinem Amtsantritt sind Moon wirtschaftliche und innenpolitische Interessen wichtiger. Nach der Aufarbeitung des Korruptionsskandals seiner Vorgänger ist das sich zunehmend verschlechternde Verhältnis zum Nachbarn Nordkorea in den Fokus gerückt.

Knapp 7,5 Millionen Euro zur Unterstützung der verbliebenen Trostfrauen 

Dies führt auch dazu, dass die koreanische Regierung den verstärkten Schulterschluss zum ehemaligen Kolonialherren sucht. Japan fühlt sich daher in der Debatte um die Trostfrauen in einer taktisch komfortablen Position, auch weil die Regierung in Tokio bereits knapp 7,5 Millionen Euro in Fonds zur Unterstützung der verbliebenen Trostfrauen bereitstellte, von denen jede zusätzlich etwa 80.000 Euro Entschädigung erhalten soll. „Wir kämpfen nicht um das Geld“, sagt Kim Bok Dong. „Was ich will, ist eine öffentliche Entschuldigung, und solange es die nicht gibt, demonstriere ich weiter.“

Japan hingegen führt ins Feld, sich bereits mehrfach entschuldigt zu haben, das letzte Mal vor eben zwei Jahren. Das Abkommen von 2015, in dem Abe sein aufrichtiges Bedauern erklärte, sei „endgültig und unwiderruflich“, sagt der japanische Premier. Diese Entschuldigung wird von Kim und vielen Koreanern nicht anerkannt, da eine Verantwortung der damaligen japanischen Regierung unerwähnt bleibt. Zudem wird die Thematik in japanischen Schulbüchern noch immer verzerrt dargestellt. Japan, so vermutet Kim, setzt darauf, dass die letzten Trostfrauen nicht mehr lange leben werden.

Und deshalb wird Kim Bok Dong weiterhin mittwochs vor der japanischen Botschaft zwischen den gelben Spruchbändern sitzen und dafür kämpfen, dass den Sprechchören der Demonstranten ernsthafte Taten folgen. Sie weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. „Ich muss weiterkämpfen“, sagt sie mit bebender Stimme, während sie den rechten Zeigefinger mahnend in die Höhe hebt. „Wenn ich und alle die anderen Opfer tot sind, ohne etwas erreicht zu haben, wird all das egal sein.“