In Kind läuft an einem Loch vorbei, das eine Rakete gerissen haben soll. Das Foto soll in Idlib entstanden sein. 
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Moskau/Idlib/Zagreb Seit der Nacht zum Freitag sollen die Waffen in Region Idlib schweigen. So jedenfalls haben es die Präsidenten Russlands und der Türkei, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan vereinbart.

Es ist nicht die erste Waffenruhe, die geschlossen wurde. Doch die Milizen, die gegen die syrische Regierung kämpfen, dämpfen die Erwartungen: „Die Waffenruhe wird nicht halten“, sagte der Sprecher der islamistischen sogenannten „Syrischen Nationalarmee“, Jussif Hammud laut der Nachrichtenagentur dpa.

Idlib im Nordwesten Syriens ist nach fast neun Jahren Krieg das letzte große Gebiet des Landes, in dem islamistische und ausländische Milizen gegen die Syrische Armee kämpfen. Schon 2019 hatten die syrischen Truppen und ihre Verbündeten mit der Rückeroberung begonnen. Syrien hat Russland zu Hilfe gerufen und wird von iranischen Milizionären unterstützt. Dazu gehört etwa die schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon. Das Problem in Idlib: Die Miliz-Verbände haben sich dort festgesetzt und wollen ihre letzte Bastion halten. Zahlreiche Versuche, die Kämpfer zur Abgabe der Waffen und zum Abzug aus der Stadt zu bewegen, sind gescheitert.

Zwölf Kilometer breiter Sicherheitskorridor

Das Gebiet wird von der militant-islamistischen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) dominiert, einst bekannt als Al-Nusra-Front, die dem Terrornetzwerk Al Kaida angehörte. Sie kämpfen an der Seite der Türkei. Die Türkei selbst hat in der Region Truppen im Einsatz. Die Türkei war vor einigen Monaten ohne UN-Mandat auf syrisches Territorium eingedrungen. Ankara hatte 2018 mit Moskau ein Abkommen geschlossen, um in Idlib eine Deeskalationszone einzurichten, und hatte dort Beobachtungsposten eingerichtet. Eigentlich gilt bereits eine Waffenruhe.

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Dem neuen Abkommen zufolge gilt seit der Nacht zum Freitag nun erneut eine Waffenruhe. Zudem einigten die Türkei und Russland sich am Donnerstagabend auf einen zwölf Kilometer breiten „Sicherheitskorridor“ entlang der strategisch bedeutenden Schnellstraße M4. Sie verbindet die Regierungshochburg an der Mittelmeerküste mit der Region um die nordsyrische Großstadt Aleppo, die ebenfalls von Assad-Anhängern kontrolliert wird. Russen und Türken wollen dort ab 15. März gemeinsam patrouillieren.

Viele Details sind noch unklar, sie sollen in den nächsten Tagen zwischen den Verteidigungsministerien der Türkei und Russlands ausgehandelt werden. Doch ein „Sicherheitskorridor“ entlang der M4 würde das bisherige Gebiet der Milizen in zwei Teile durchschneiden und die Straße für russische Truppen frei machen. Die Milizen müssten dann eigentlich den südlichen Teil ihres bisherigen Gebiets aufgeben. Entlang der Straße liegen wichtige Städte, aus denen die Kämpfer ebenfalls abziehen müssten.

Schutzzonen fehlen in dem türkisch-russischen Abkommen

Erdogan hatte in den vergangenen Tagen gefordert, Assads Regierungstruppen müssten aus den zuletzt zurückeroberten Gebieten abziehen. Auch von einer Schutzzone hatte er gesprochen. Beides fehlt im neuen Abkommen. Auch eine von der türkischen Regierung geforderte Flugverbotszone ist darin nicht vorgesehen. Die Russen haben immer betont: Die territoriale Integrität Syriens wird nicht in Frage gestellt.

Für einen tatsächlichen Erfolg der Waffenruhe bestehen große Risiken. So ist kaum vorstellbar, dass sich die dschihadistische HTS-Terrormiliz kampflos zurückzieht. Syrien und Russland wiederum haben immer klar gemacht, dass sie weiter gegen „Terroristen“ kämpfen werden. Der Grund: In anderen Kampfzonen wie Aleppo haben sich die Kämpfer zunächst auf Waffenruhen eingelassen – jedoch nur, um sich andernorts neu zu gruppieren. Diese Taktik wollen die Russen auf jeden Fall durchkreuzen.

Unklar ist, was aus den türkischen Beobachtungsposten wird, die von syrischen Regierungskräften eingeschlossen sind. Hier drohen neue Kämpfe. Dass die Türkei der Lage misstraut, war aus Erdogans Warnung herauszulesen, wonach man sich das Recht vorbehalte, „auf alle möglichen Angriffe des syrischen Regimes mit all seiner Kraft und auf dem gesamten Feld zu antworten“.

Fast eine Million Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei

Die dpa schreibt, dass „die Lage der Flüchtlinge an der syrisch-türkischen Grenze immer prekärer“ werde. Fast eine Million Menschen seien in der Region seit Anfang Dezember vor Luftangriffen, Kämpfen und den heranrückenden Regierungstruppen in Richtung türkische Grenze geflohen. Helfer sind nicht mehr in der Lage, die Notleidenden mit dem Nötigsten zu versorgen - es sind zu viele Vertriebene in kurzer Zeit. Es fehlt an Nahrung, Unterkünften, Heizmaterial und medizinischer Versorgung. Der kalte und nasse Winter verschärft die Lage. Die Gebiete, in die sie fliehen können, werden immer kleiner.

Die EU verlangt nun mit der Waffenruhe dringlich Zugang für Hilfslieferungen für die notleidende Bevölkerung. Die EU-Außenminister forderten die Konfliktparteien am Freitag „nachdrücklich“ auf, „die ungehinderte Bereitstellung humanitärer Hilfe durch die internationale Gemeinschaft zu ermöglichen“. Die EU-Kommission stellt demnach „weitere 60 Millionen Euro“ für die Versorgung der Bevölkerung in Nordwestsyrien zur Verfügung, berichtet die Nachrichtenagentur AFP von dem Syrienkrisentreffen der Außenminister in Zagreb. Die Waffenruhe sei „ein positives Element“, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Es sei notwendig, dass diese jetzt auch umgesetzt werde, um humanitäre Hilfe für die Menschen in Idlib zu ermöglichen.

EU-Außenbeauftragter Borrell: „Geht nicht zur Grenze“

Was die EU allerdings nicht vorhat: Sie will die gegen Syrien seit Jahren verhängten Sanktionen nicht aufheben. Menschenrechtsgruppen und Kirchen ersuchen die EU seit dem Beginn der Sanktionen, diese wieder aufzuheben. Die drastischen Boykott-Maßnahmen haben die syrische Wirtschaft schwer getroffen. Sie treffen, so warnen die Kirchen immer wieder, vor allem die Zivilbevölkerung.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hat Migranten in der Türkei eindringlich davor gewarnt, sich auf den Weg Richtung Europa zu machen. „Geht nicht zur Grenze, die Grenze ist nicht offen“, sagte der Spanier in Zagreb laut dpa. „Wenn wir kritische Situationen vermeiden wollen, müssen die Menschen die Wahrheit wissen.“ Die Nachrichten über angeblich offene EU-Grenzen zu Griechenland, Bulgarien oder Zypern seien falsch. „Lasst uns dieses Spiel beenden.“

Die Türkei hatte am vergangenen Wochenende erklärt, die Grenzen zur EU seien offen. Daraufhin machten sich Tausende Migranten auf den Weg Richtung Europa. Griechenland weist sie mit Härte ab. „Vermeidet eine Situation, in der ihr in Gefahr geraten könntet“, sagte Borrell.