Europa ist erneut das Zentrum der Corona-Pandemie: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab vergangenen Monat einen Anstieg der Coronavirus-Fälle um mehr als 50 Prozent bekannt. Die Nachrichtenagentur AP analysiert, dass Europa damit „trotz der ausreichenden Versorgung mit Impfstoffen zum Epizentrum der Pandemie geworden“ sei. Dies ist bemerkenswert, zumal in vielen Ländern der Welt Impfquoten von fünf Prozent oder darunter keine Seltenheit sind. Diese Zahlen alarmieren die WHO, die zuletzt forderte, in Booster-Impfungen in Europa zu stoppen und die Impfstoffe in jene Länder zu schicken, in denen die Quote noch so niedrig ist. Doch daran denkt in der EU aktuell niemand. Denn trotz der verfügbaren Impfstoffe schlägt Corona offenbar in Europa heftiger zu als andernorts. 

In den meisten Ländern der EU haben die Regierungen nun Verschärfungen der Restriktionen für die Bevölkerung bereits eingeleitet oder zumindest angekündigt. Die Erklärungen, warum die Zahlen steigen und wie am besten zu reagieren sei, fallen unterschiedlich aus.

Interessant ist, dass laut einer neuen Harvard-Studie der vor allem in Deutschland vorgetragene Zusammenhang von Impfquote und Neuinfektionen nicht kausal festgestellt werden kann. Die Studie, die im European Journal of Epidemiology erschienen ist, hat 68 Länder und 2947 Bezirke in den USA untersucht. Das Fazit der Autoren: Die Zahl der Corona-Infektionen steige in Ländern mit einer höheren Impfrate auf eine Million Einwohner gerechnet sogar leicht an.

„Es ist wirklich wichtig, dass wir alle geimpft sind“

Fergus Sweeney, der für Klinische Studien und die Taskforce zur Impfstoffherstellung zuständige Beamte der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, sagte vergangene Woche in Brüssel, die EU-Staaten müssten ihre Impfkampagnen vorantreiben, da die Situation ernst sei. Sweeney: „Es ist wirklich wichtig, dass wir alle geimpft sind, denn wir sind nicht alle geschützt, bis alle geschützt sind.“

In den einzelnen Staaten stellt sich die Lage sehr unterschiedlich dar: Am besten scheint Spanien die Situation unter Kontrolle zu haben. Das Land hat eine sehr hohe Impfquote und fährt bei den sogenannten Booster-Impfungen eine fokussierte Strategie: Es soll keine Auffrischungen für alle geben, sondern vorrangig die älteren Menschen insbesondere in Pflegeheimen und Personen mit Vorerkrankungen sollen eine dritte Impfung erhalten.

Die Zeitung El Pais berichtet, dass die Zahlen zwar wegen der niedrigeren Temperaturen wieder leicht ansteigen, dass jedoch Krankenhäuser und Intensivstationen aktuell keine hohe Auslastung mit Covid-Patienten haben. Die Schulen seien ebenfalls kein Treiber der Pandemie: Höhere Infektionszahlen in den Schulen korrelierten eher mit höheren Zahlen in einzelnen Bezirken, so die Zeitung. Laut Reuters liegt die Zahl der positiv Getesteten in Spanien etwa bei sechs Prozent vom Spitzenwert zum Höhepunkt der Pandemie.

Treiber der Pandemie: Versammlungen in geschlossenen Räumen

Ähnlich gut sieht es mit acht Prozent in Portugal aus, wo ebenfalls eine hohe Impfquote erreicht wurde. Allerdings warnt die Gesundheitsministerin Marta Temido vor einem neuerlichen Ansteigen – und will deshalb die Notmaßnahmen weiter aufrechterhalten. Die in Portugal doch wieder deutlich steigenden Zahlen erklärt die Ministerin damit, dass es zwar weniger schwere Verläufe, aber wegen der Öffnung mehr Infektionen gebe. Sie sieht die größten Treiber der Pandemie in Versammlungen in geschlossenen Räumen, weshalb auch Geimpfte aufgefordert seien, in Innenräumen Masken zu tragen.

In Dänemark, wo die Impfquote ebenfalls sehr hoch ist, ist die Lage dagegen wieder sehr angespannt. „Die Krankheit beginnt wieder gravierendere Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem zu haben. Daher erwarte ich auch, dass Maßnahmen nötig sein werden, um die Infektionsketten zu unterbrechen“, schrieb Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Sonntag auf Facebook. Dänemark war eine Zeitlang als europäischer Musterstaat gehandelt worden, weil das Land eine hohe freiwillige Impfquote aufwies.

Doch die Opposition kritisiert nun laut der Zeitung Berlingske Tidende, dass die Regierung die Geimpften in einer falschen Sicherheit gewogen habe, als vor einigen Wochen faktisch das ganze Land zum Normalzustand zurückgekehrt sei und alle Maßnahmen abgeschafft wurden. Nun ist auch die Rückkehr zum „Grünen Pass“, dem Impfausweis, wieder eine Option. Am Montagabend gab Frederiksen die Rückkehr zur 3G-Regelung bekannt - eine erste Maßnahme, die das nationale Impfgremium des Landes empfohlen hatte. Nach nur zwei Monaten ist damit vorerst wieder Schluss mit der grenzenlosen Freiheit in dem kleinen skandinavischen Land. In Belgien wurde die Bevölkerung am Montag aufgefordert, ab sofort wieder von zu Hause aus zu arbeiten - auch hier stiegen die Zahlen deutlich. 

70 Prozent der als Corona-Toten geführten Fälle geimpfte Personen

Unsicherheiten über die Wirksamkeit der Impfung zeigen sich auch in Schweden: Die Zeitung Svenska Dagbladet berichtet, dass im September 70 Prozent der als Corona-Tote geführten Fälle geimpfte Personen waren. Die Zeitung zitiert Gesundheitsbeamte, wonach die Todesfälle vor allem auf ein Nachlassen der Wirkung der Impfung bei älteren Personen zurückzuführen sei. Im Sommer, als alle Beschränkungen aufgehoben worden waren, der Schutz für die einzelnen in der vulnerablen Gruppe aber noch besser war, sei die Zahl der Todesfälle drastisch zurückgegangen.

Auch in Finnland und Island steigen die Infektionszahlen deutlich an – eine für Experten überraschende Entwicklung, zumal Finnland einen harten Lockdown hinter sich hat und die Impfquote gut ist. Die Regierung in Reykjavik hat die Bevölkerung bereits aufgefordert, auf Partys und Saufgelage vorsorglich zu verzichten. Dadurch könne laut Iceland Review verhindert werden, dass das Gesundheitssystem wegen Gewaltverbrechen, Alkoholvergiftungen, Freizeitunfällen und Autounfällen überlastet werde.

Wie schwer eine Zuordnung der Infektionen zur Impfquote ist, zeigt der Vergleich zwischen Österreich und der Schweiz. In beiden Ländern ist die Impfquote etwa gleich und liegt ungefähr auf dem deutschen Niveau. Dennoch hat Österreich bereits wieder gleich viele Neuinfektionen wie am Höhepunkt der Pandemie, während die Schweiz laut Reuters-Zahlen nur auf 18 Prozent des Höchstwerts kommt. Österreich hat lange einen harten Lockdown gehabt, die Schweiz ist deutlich weniger restriktiv vorgegangen. Österreich will nun die Maßnahmen verschärfen und hat am Montag die 2G-Regel bundesweit eingeführt.

Türkei hofft auf die Entwicklung eines eigenen Impfstoffs.

Die Schweiz setzt weiter auf Überzeugung und schickt unter anderem Impfbusse durchs Land, in denen sich die Bürger impfen lassen können. In der Schweiz gilt dabei die Subsidiarität: So lehnte die Gemeinde Alpthal im Kanton Schwyz den Besuch des Busses laut der Luzerner Zeitung ab, weil kein Interesse an Impfungen bestehe. Der Ort hat eine der niedrigsten Impfquoten in der ganzen Schweiz.

Auch das Beispiel der Türkei zeigt, dass Impfquote und Infektionsgeschehen nicht unbedingt zusammenhängen müssen: Die Zeitung Hürriyet berichtet, dass die nördliche Provinz Karabük die höchsten Inzidenzwerte aufweise, obwohl die Impfquote dort deutlich über dem Landesschnitt liegt. In der Provinz Sırnak dagegen, wo die Impfquote am niedrigsten sei, liege die Zahl der Neuinfektionen deutlich unter denen in anderen Provinzen.

Der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca schrieb am Sonntag auf Twitter, er könne verstehen, dass die Leute von den ewigen Corona-Meldungen gelangweilt seien. Dennoch empfehle er die Impfung sowie die Einhaltung der allgemeinen Hygienemaßnahmen. Außerdem hofft die Türkei auf die Entwicklung eines eigenen Impfstoffs. Aktuell läuft bereits eine Testphase für das Produkt „Turkovac“ mit Freiwilligen im Land.