Brasilien und die Querdenker: Warum autoritäre Politiker erstarken

Fast die Hälfte der Wähler stimmte für den Rechtsaußen Bolsonaro - aus Protest gegen die Folgen der Globalisierung. Das Vorbild Trump lässt grüßen

Tränen fließen, als die Anhängerin Jair Bolsonaros die Wahlergebnisse erfährt: Der bisherige Präsident kam auf 49,1 Prozent der Stimmen.
Tränen fließen, als die Anhängerin Jair Bolsonaros die Wahlergebnisse erfährt: Der bisherige Präsident kam auf 49,1 Prozent der Stimmen.AFP/Andre Borges

Der illiberale Zeitgeist muss in Brasilien zurückweichen. Jair Bolsonaro kann den Umbau des Landes in eine illiberale Demokratie, in ein autoritär regiertes Land nicht fortsetzen. Vorläufig! Mit 50,9 Prozent errang sein Gegenkandidat Lula da Silva das Mandat für eine Rückkehr ins Präsidentenamt nur äußerst knapp. An dem 77 Jahre alten Mann hängt nun Brasiliens Zukunft.

Die Freude seiner Anhänger mag für den Moment groß sein, aber 49,1 Prozent der Stimmen gingen eben an Bolsonaro – den Mann, dessen Corona-Politik Brasilien 680.000 Tote kostete, der demokratische Institutionen einschließlich der Justiz lächerlich macht, die Militärdiktatur samt Folter verherrlicht, Afrobrasilianer, Indios, Frauen und Homosexuelle beleidigt, Oppositionellen mit „Säuberung“ droht, sich in extremen Nationalismus hineinsteigert, die Amazonas-Abholzung im Rekordtempo vorantrieb, Lügen sowie Verschwörungstheorien in die Welt setzt – und die Brasilianer in seiner Regierungszeit um durchschnittlich zehn Prozent ärmer machte.

Wer rechts wählt, schweigt lieber

Immerhin hatten die Umfragen für die Stichwahl ein knappes Rennen vorausgesagt. Vor der ersten Wahlrunde hatten sie für Lula 15 Prozent Vorsprung prognostiziert, völlig danebengelegen und waren einem bekannten Phänomen aufgesessen: Wer rechts wählen will, gibt das nicht gern zu. Das gilt in auch in Deutschland und vielen anderen Ländern.

Lula-Anhänger jubeln in der Innenstadt von Rio de Janeiro, doch ausgerechnet in Rio erreichte Bolsonaro 56,53 Prozent.
Lula-Anhänger jubeln in der Innenstadt von Rio de Janeiro, doch ausgerechnet in Rio erreichte Bolsonaro 56,53 Prozent.dpa/Fernando Souza

Menschen entscheiden sich für den Politikertyp Bolsonaro – für Trump, Erdogan, Orbán, Putin, Meloni, Kaczynski – und mit ihm für die illiberale Demokratie als Reaktion auf die immer stärker als Bedrohung wahrgenommene Globalisierung. Aus demselben Grund fühlen sich Menschen bei uns, vor allem in Ostdeutschland, zu Pegidisten und zur AfD hingezogen.

Betrachten wir noch einmal Brasilien: Das Land entsprach nie dem Mythos, den eine Stadt wie Rio de Janeiro mit ihrem Karneval und ihren lebenslustigen, offenen, herzlichen Menschen begründet. In den ländlichen Weiten lebt das Konservative, und dessen Anhängerschaft steigt mit der Furcht vor sozialen und kulturellen Veränderungen. Dort lieben sie Bolsonaro, weil er die Rückkehr zu alten, vertrauten Verhältnissen verheißt – den Schutz vor den vermeintlichen Übeln der Welt.

In vier Jahren der Bolsonaro-Regierung näherte sich die Stimmung in Brasilien US-amerikanischen Zuständen: Im Wahlkampf zeigte sich eine extrem polarisierte Gesellschaft. Wild schreiende Radikale, Männer und auffällig viele Frauen, drohten mit Gewalt, sollte ihnen das Ergebnis nicht passen. Zwar hatte Bolsonaro vor der Wahl seinen Anhängern gesagt „Wer mehr Stimmen hat, gewinnt“, aber wird er Fanatiker bremsen, die in Lula den Kommunismus kommen sehen? Er hat das Vorbild Trump.

Siegeszug der Evangelikalen

Brasilien hat sich verändert, seit die Globalisierung das Land zum großagrarischen Massenlieferanten gemacht hat. 70 Millionen Brasilianer, 31 Prozent der Einwohner, suchen mittlerweile Zuflucht bei religiösen Erweckungsbewegungen wie den Evangelikalen Kirchen oder den Pfingstlern. Bis 2030 wird das jahrhundertelang katholische Land wahrscheinlich mehrheitlich evangelikal sein – diese Bewegungen lehnen die Errungenschaften der Aufklärung ab, wünschen Frauen in traditionelle Rollen, verstehen sexuellen Liberalismus als Teufelswerk.

Lula da Silva hat in der Wahlnacht versprochen, die Spaltung des Landes zu mildern. Entgegen seiner eigenen Überzeugung sprach er sich vor der Wahl sogar gegen Abtreibung aus, um die Konservativen zu besänftigen. Womöglich hat ihm das rettende Stimmen gebracht.

Letzte Hoffnung alte Männer

Doch die Zukunft repräsentiert er nicht, man traut ihm die Kraft nicht zu, Abgedriftete von den Vorzügen der Demokratie zu überzeugen. Aber man fand keine überzeugende Alternative mit Siegeschancen. Da geht es dem Mitte-Links-Lager wie den US-Demokraten: Joe Biden feiert in diesem Monat seinen Achtzigsten, bei der nächsten Präsidentschaftswahl wird er 82 Jahre alt sein. Die Welt muss damit rechnen, dass in den USA mit Trump und Konsorten die Restauration der alten, weißen Welt wieder Regierungskurs wird.

Bolsonaro hat verloren, aber das halbe Land wollte ihn. Derweil schlafwandeln tonangebende Elemente westlich-demokratischer Gesellschaften – ständig polarisierend – zwischen identitären Alternativen: seien sie woke, gendersensibel, esoterisch oder völkisch. Solche auf Ideologie und Emotion bauende Kräfte wirken zersetzend. Die Evangelikalen heißen hierzulande zum Beispiel Querdenker und – bei allen Unterschieden – ihr Potenzial ist groß.