Boris Johnson.
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LondonDer wissenschaftliche Berater von Boris Johnson, Sir Patrick Vallance, schockierte vor einigen Tagen das Königreich: Die Briten sollten sich möglichst zahlreich mit dem Coronavirus infizieren. So würden sie über die „Herden-Immunität“ resistent werden und die nötige Widerstandskraft für die nächste Welle des Virus entwickeln. Daher gab es in Großbritannien zunächst kein Verbot von Massenveranstaltungen. Restaurants und Theater in London blieben geöffnet, während in anderen europäischen Hauptstädten längst die Lichter ausgegangen waren.

Doch am Sonntag verkündete Gesundheitsminister Matt Hancock über die BBC, dass auch die britische Regierung Notfallgesetze beschließen werde. Wie es Johnsons Art ist, kam die Kehrtwende trotzig und ohne Empathie. Die Regierung hält an ihrem Plan der Segregation für alte Briten fest: Menschen über 70 Jahre sollen für vier Monate in Isolation gesteckt werden. Lebensmittel sollen ihnen mit Uber und Online-Diensten zugestellt werden.

In zwei offenen Briefen hatten 440 britische Wissenschaftler die Idee Johnsons, sein Volk durch Erkrankung zu stählen, als wahnwitzig verworfen und den Premier aufgefordert, praktische Verordnungen wie Versammlungsverbote und Reisebeschränkungen zu erlassen.

Der in Manhattan geborene Johnson hat es sich in seiner Karriere zum Prinzip gemacht, das Gegenteil dessen zu behaupten, was die Mehrheit denkt oder tut. Der an den Eliteschulen Eton und Oxford erzogene Nachfahre des ottomanischen Schriftstellers Ali Kemal Bey hat mit seinen unorthodoxen Ideen vor allem beim Austritt Großbritanniens aus der EU Erfolg gehabt.

Johnson und seine Freunde aus der britischen „Oxbridge“-Elite wollten nach dem Brexit das britische Weltreich in neuer Form beleben. Man werde ohne Brüssel   Handelsverträge abschließen. Man werde von der Globalisierung profitieren wie kein anderes Land. Englisch sei die Weltsprache, die Briten hätten eine erstklassige Armee.

Doch dieses Konzept ist mit der Corona-Pandemie in weite Ferne gerückt. Statt ein neues Empire zu bauen, muss sich der ehrgeizige Premier nun um das gesundheitliche Wohl seiner Landsleute kümmern.

Er tut dies nach dem Vorbild von Churchill, über den er eine Biografie geschrieben hat: Er wies britische Hersteller wie Rolls-Royce nach Kriegsrecht an, ihre Produktion umzustellen. Die Unternehmen müssen nun so schnell wie möglich Beatmungsgeräte für die staatlichen Krankenhäuser herstellen.