Die Autorin Sabine Rennefanz mit ihrem Sohn und ihrer Tochter beim Kindertanz in Berlin.
Foto: Markus Wächter

BerlinDas Mädchen steht im Flur und schaut mich an: „Ich ein Baby“, sagt es. „Du bist kein Baby mehr, du bist fast drei Jahre alt“, sage ich. Ihre Unterlippe zittert. „Ich ein Baby“, wiederholt das Mädchen. Sie möchte ihren Mucki haben, ich habe ihr gesagt, dass nur Babys Nuckel benutzen. Also ist sie ein Baby. Ein Baby, das sprechen kann. „Muuuuuckiiiii“, fleht sie und blinkert mit den Augen. Ich gebe ihr den Nuckel, ausnahmsweise, den sie sonst nur noch zum Schlafen benutzt. Ich will ihre Hose anziehen, sie reißt die Hose aus meiner Hand und dreht sich weg. „Ich alleine, nein, Mama“, sagt sie.

Wir gehen raus, ich muss zur Apotheke, das Mädchen möchte auf den Spielplatz, zur Babyschaukel. Als sie merkt, dass wir in die falsche Richtung gehen, ruft sie: „Bielplatz“ und springt aus dem Buggy. Ich erläutere ihr, dass wir erst in die Apotheke gehen. Wir stehen an der Kreuzung, sie wirft sich flach auf die Straße, direkt auf das Kopfsteinpflaster. Sie legt sich auf die Seite, ihren linken Arm unter den Kopf, um sich abzupolstern. Sie schreit nicht, sie liegt da in stillem Protest. Ich stehe daneben, ich kenne das schon.

Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich gedacht, was sind das nur für Mütter, die ihre Kinder so wenig im Griff haben. Jetzt weiß ich es. Ich bin so eine Mutter. Es regt mich nicht mehr auf, es macht mich nur müde. Ich habe gelesen, dass es für diese Phase einen Namen gibt: Threenager, eine Verbindung aus „three“, englisch für drei, und Teenager. Sie kommt nach den „terrible twos“, der Trotzphase und noch vor der Wackelzahnpubertät. Noch so ein neues Wort.

Ein Kehrauto kommt vorbei, eines dieser kleinen, der Fahrer sieht das auf dem Boden liegende Mädchen und lacht.

Mein Sohn ist in der Wackelzahnpubertät

„Hey, Kleine, steh mal auf“, ruft er aus dem Fenster. Meine Tochter hebt den Kopf, steht auf und klopft sich die Blätter ab. „Guck mal, ein Müllauto“, sagt sie zu mir und stapft zur Apotheke. „Komm, Mama.“ Wie so oft hat mich ein Müllauto aus einem Trotzanfall gerettet. Was würde ich nur machen ohne Müllautos? Am nächsten Morgen ruft mein Sohn aus dem Kinderzimmer: „Mama, ist heute Spielzeugtag?“ Am Freitag dürfen die Kinder ein Spielzeug in die Kita mitbringen und es im Morgenkreis vorstellen.

Der Junge steht vor mir, in den Händen eine Auswahl. „Soll ich das Motorrad mitnehmen? Oder das Rennauto? Oder den Flummi?“ Es klingt nach einer großen Entscheidung, nach einem Rätsel, von dem viel abhängt. „Rennauto“, sage ich. Ohrenbetäubendes Geschrei. Das war die falsche Antwort.

Als er sich beruhigt, packt er das Motorrad ein. Die Kinder ziehen sich an, fast ohne Zwischenfälle. Das Mädchen will Gummistiefel anziehen. Es soll warm werden, sie wird schwitzen. Das Mädchen weint, es ist doch kein Baby mehr. Von mir aus Gummistiefel. Von Schweißfüßen ist noch niemand gestorben.

Vor dem Haus sagt mein Sohn, er will doch kein Spielzeug mitnehmen. Ich lege das Motorrad auf dem Briefkasten ab. Wir fahren mit den Rädern los, plötzlich fragt er: „ Wo ist mein Motorrad? Warum hast du mein Motorrad nicht mitgenommen?“ Geschrei den ganzen Weg. Er bleibt auf der Straße stehen: „Ich fahre keinen Schritt weiter.“ Er blockiert die Straße, die Autos fahren um ihn herum. Sie kennen das schon, Kinder, die die Straße blockieren. Jetzt halt Spielzeugtag-Rebellion. Mein Sohn ist fast fünf. Er hat einen Wackelzahn. Wahrscheinlich hat die Wackelzahnpubertät begonnen.