Wo stehen die USA ein Jahr nach der spektakulären Erstürmung des Kapitols in Washington? Etwa 700 Personen wurden verhaftet. Die US-Regierung schätzt laut einem Bericht der New York Times, dass bis zu 2500 Personen mit einer Anklage rechnen müssen. Etwa 1000 Straftaten werden von den Ermittlern als Gewalttaten eingestuft. Bisher wurde etwa 500 Personen wegen Angriffen auf die Polizei und Störung der demokratischen Prozesse angeklagt. Ein paar Personen wurden wegen Gewalttaten bereits verurteilt, wie etwa Jacob Chansley, der pittoreske „Schamane“ mit den Hörnen und dem Büffelfell. 300 Personen wurden wegen Hausfriedensbruch und kleineren Ordnungswidrigkeiten angeklagt.

Viele seien einfache Leute, so die New York Times – Großmütter, Studenten, Bauarbeiter, Religionsvertreter oder Fernfahrer. Die meisten von ihnen hätten eingeräumt, illegal in das Gebäude eingedrungen zu sein. Einige hätten sogar unter Tränen bereut und bekannt, dass sie vom Wahlverlierer Donald Trump und seinen Hintermännern getäuscht worden seien. Zuerst sei man mit der Behauptung der Wahlfälschung belogen worden, danach hätten sich Trump und seine Helfer aus dem Staub gemacht.

Ein Richter bestätigte diese Einschätzung und sagte zu einem der Delinquenten, die wirklichen Drahtzieher des Aufstands seien noch nicht ansatzweise zur Verantwortung worden: „Sie sind ein Bauernopfer“, so der Richter Mehta zu dem Angeklagten John Lolos. Ob die Drahtzieher wirklich jemals verurteilt werden, steht in den Sternen. Justizminister Merrick B. Garland wird am Mittwoch zum Gedenktag eine Rede halten, dürfte sich dem Vernehmen nach jedoch bedeckt halten. Donald Trump wiederum hat eine geplante Pressekonferenz zum Jahrestag abgesagt. Der Nachweis der Anstiftung zur Revolution durch Trump persönlich dürfte schwer zu erbringen sein. Möglicherweise wird es einige Verfahren gegen enge Mitarbeiter von Trump geben. Besonders gefährdet sind Trumps ehemaliger Stabschef Mark Meadows und sein kurzzeitiger Strategieberater Steve Bannon.

Doch die juristische Aufarbeitung ist ohnehin nur eine Facette der Ereignisse. Die politische Bedeutung der Ereignisse kann nicht außerhalb mit der disruptiven Wirkungsgeschichte von Donald Trump gesehen werden. Auch wenn Trump nicht persönlich den Befehl zur Erstürmung gegeben oder die Leute zur Gewalt ermuntert haben sollte: Trumps Präsidentschaft war von Anfang an auf Gewalt angelegt. Er verwendete wie kein Präsident vor ihm eine aggressive Sprache, gegen Minderheiten, Frauen, Muslime. Er nutze die sich abzeichnende Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft und trieb sie auf die Spitze: Am Ende hieß es nicht mehr, „jeder gegen jeden“, sondern, „wir gegen die da oben“.

Dieses Leitmotiv hatte sich durch jeden einzelnen Auftritt Trumps gezogen – auch wenn es noch so absurd war. Weder seine Anhänger noch seine Todfeinde erkannten die diabolische Dialektik. Der US-Präsident ist der mächtigste Mann der Welt. Er kann per definitionem nicht der Anwalt der kleinen Leute sein. Allein der Wahlkampf zwischen Trump und Joe Biden hat nach Schätzungen des Center for Responsive Politics etwa sieben Milliarden Dollar gekostet. So viel Geld bekommt kein Underdog, und wer so viel Geld auftreiben kann, ist kein Mann des Volkes. Niemand wird US-Präsident, den die entscheidende Gruppe des von Trump scheinbar so leidenschaftlich bekämpften „Establishments“ ablehnt oder fürchtet.

Trumps Behauptung vom Wahlbetrug war der finale „Stinkefinger“, den Trump seinen Fans zeigte. Trump legte nie Beweise vor. Er präsentierte eine Gurkentruppe um Rudy Giuliani, dem Schweiß von der Stirn troff, als seine Zeugen. Die gelangweilte Abmoderation des eigenen Auftritts passte zur Präsidentschaft Trumps: Großen Sprüchen wie „lock her up“ gegen Hillary Clinton folgten keinerlei Verfahren – obwohl Trumps Behörden alle Waffen in der Hand gehabt hätten. Auch hier war die dialektische Botschaft: Selbst wenn wir im Scheinwerferlicht sagen, dass wir korrupte Verbrecher sind – uns kann keiner etwas.

So bleiben die düpierten und aufgehetzten Chaoten, die ihren Dienst als „Komparsen“ bei der Erstürmung des Kapitols gespielt haben, ahnungslos über Strippenzieher und ihre wahre Rolle wie Truman Burbank aus dem Film „Die Truman Show“. Allerdings wird sich das Rechtssystem ändern: Der Staatsstreich gehört seit Trump zum politischen Repertoire der US-Politik.

Eine Umfrage der Washington Post hat ergeben, dass 40 Prozent der Republikaner Gewalt gegen die Regierung heute für legitim halten. Es ist unausweichlich, dass die Bürgerrechte vor diesem Hintergrund weiter eingeschränkt werden, die Abschottung der Politik zunehmen wird, Denunziation, Hass und Misstrauen den Diskurs aushöhlen werden. Trump war der Flammenwerfer gegen die politische Kultur, wie wir sie kannten. Künftig reicht ein Streichholz für einen Flächenbrand.