Donald Trump (links) und Joe Biden haben sich  ein denkwürdiges Rede-Duell geliefert. 
Foto:  AP Photo/Patrick Semansky)

BerlinZwei alte weiße Männer stehen in einem Fernsehstudio und beschimpfen einander anderthalb Stunden lang pausenlos. Das soll ein Höhepunkt eines Wahlkampfes sein, in dem es um die Zukunft einer der ältesten Demokratien, des wirtschaftlich und militärisch mächtigsten Landes der Welt mit 330 Millionen Bürgerinnen und Bürgern geht? Tatsächlich ist es ein neuer Tiefpunkt dessen, was man einmal politische Kultur genannt hat. Nicht Trump, nicht Biden ist der Verlierer dieses Spektakels. Es sind die Amerikaner.

Es ist aber noch mehr. Es kann einem wirklich angst und bange werden, was aus diesem Land nach der Wahl am 3. November werden wird. Man kann aus dem brachialen Auftreten Donald Trumps nur den Schluss ziehen, dass er die Wahl bereits verloren gegeben hat. Dafür sprechen alle Umfragen. Er hätte die Fernsehdebatte als Chance nutzen können, noch unentschlossene Wähler der Mitte mit Argumenten für sich zu gewinnen. Das wäre nötig gewesen, um die Umfragen zu beeinflussen. Er hat darauf verzichtet und allein seine hundertprozentigen Anhänger bedient.

Wer sich aber auf dieser Bühne vor zig Millionen Amerikanern an keinerlei Regeln von Anstand, Respekt und Würde hält, wie Donald Trump es gezeigt hat, demgegenüber wächst der Zweifel, ob er sich denn überhaupt noch an irgendwelche Regeln halten wird. So, wie er dort aufgetreten ist, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass er eine Wahlniederlage nicht akzeptieren wird.

Er zog die Rechtmäßigkeit der Briefwahl erneut in Zweifel, weil sie genutzt werde, um ihm den Wahlsieg zu stehlen. Er sprach von einem Betrug, wie man ihn noch nie gesehen habe. Deshalb werde der Oberste Gerichtshof die Wahlzettel überprüfen müssen, weshalb man für Monate das Ergebnis nicht kennen werde. Er spielte damit auf die Wahl 2000 an, als es auch Wochen gedauert hat, bis der Supreme Court George W. Bush zum Sieger über Al Gore erklärte, mit einer Stimme Mehrheit und unter durchaus fragwürdigen Umständen. Deshalb will Trump den freien Platz im Gericht unbedingt vor der Wahl mit einer konservativen Kandidatin besetzen. Dass dieses Kalkül gleichzeitig die Integrität der von ihm nominierten Amy Coney Barrett infrage stellt und sie zu einem Instrument seiner Parteipolitik macht, zeigt seine ganze Geringschätzigkeit gegenüber den wichtigsten Institutionen der USA und den Obersten Richtern.

Noch bedrohlicher aber war Trumps Flirt mit der neofaschistischen Miliz „Proud Boys“ (Stolze Jungs) während der Debatte. Er vermied es, sich von der rechtsradikalen Bewegung und ihrem weißen Überlegenheitswahn zu distanzieren, sondern rief ihnen zu: „Stand back and stand by“ – Haltet euch zurück und haltet euch bereit. Wofür aber sollten diese bewaffneten Neonazis sich bereithalten, wenn nicht für die von Trump offenbar für möglich gehaltenen oder sogar erwünschten Kämpfe in den Straßen der amerikanischen Städte nach einem unklaren Wahlergebnis?

Niemand kann davon ausgehen, dass die Demokraten es akzeptieren würden, wenn Trump sich am Wahlabend zum Sieger erklärt, obwohl Millionen Briefwahlstimmen noch nicht ausgezählt sind. Selbst der feine Joe Biden hielt sich in der Debatte angesichts der Aggressionen Trumps nicht mehr zurück, rief ihm zu, er solle einfach mal das Maul halten und nannte ihn einen Clown. Wenn in dieser Situation bewaffnete Milizen der Rechten auf die Straßen ziehen, wird die entsprechend ausgerüstete radikale Linke nicht zu Hause bleiben. Der erste Bürgerkrieg der USA ist 155 Jahre her. Ein zweiter ist nicht mehr ausgeschlossen.