Donald Trump mit Premierminister von Indien Narendra Modi.
Foto: AFP/Money Sharma

AhmedabadUS-Präsident Donald Trump hatte angekündigt, er werde bei seinem Auftritt im neuen Cricket-Stadium von Ahmedabad vor dem größten Auditorium sprechen, das Indien jemals gesehen habe. Mit 125.000 Besuchern blieb der Auftritt mit Premierminister Narendra Modi allerdings weit hinter jeder historischen Bestmarke zurück. Im Jahr 1959 hatte es Präsident Dwight D. Eisenhower auf eine Million Zuhörer gebracht.

Trumps erster Staatsbesuch in Indien kommt zu einem Zeitpunkt, da sich die globalen Machtverhältnisse unmerklich, aber doch schnell und tiefgreifend verschieben. Der Bedeutungsverlust, den die Weltmacht USA aktuell erfährt, ist bei Trumps Besuch deutlich zu erkennen.

Zwar ist das Kürzel BRICS für die aufstrebenden „Schwellenländer“ ein wenig aus den Schlagzeilen verschwunden. Das liegt daran, dass Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika nicht in der Lage waren, eine formale Allianz zu schmieden. Allerdings könnte sich genau dieser Umstand als günstig für die fünf aufstrebenden Volkswirtschaften erweisen.

Sie sind „blockfrei“ und können daher auf den Weltmärkten flexibel agieren. Sie vertreten ihre nationalen Interessen, ohne auf Verbündete Rücksicht nehmen zu müssen. Sie machen Geschäfte mit allen anderen – gleichgültig, ob ihre Partner miteinander im Clinch liegen oder nicht.

Lesen Sie auch: Indien - Demokratie in Gefahr

Indien hat sich trotz strenger amerikanischer Sanktionen nicht von Russland abgewandt: Russland bleibt auch in diesem Jahrzehnt der dominante Waffenverkäufer in Indien. Schätzungen zufolge kommen bis zu 62 Prozent des indischen Kriegsgeräts aus Russland. In den ersten neun Monaten des Jahres 2019 gab Indien 14,5 Milliarden US-Dollar für russische Waffen aus.

Trotz ihrer offiziellen strategischen Partnerschaft mit den USA ist die Regierung Modi sogar noch einen Schritt weitergegangen: Die russischen Waffen werden in Euro bezahlt. So kann Indien nicht von den US-Justizbehörden verfolgt werden. Als Nebenaspekt wird mit dieser Methode der US-Dollar als Weltleitwährung ausgehöhlt.

Die USA konnten in den vergangenen Jahren nicht verhindern, dass Russland und Indien enge Bande knüpften. Als Gegenleistung für den Erwerb russischer Kriegsschiffe und anderer Rüstungsgüter werden die Ersatzteile in Indien produziert. Auf diesem Weg kann Indien vermeiden, den Staatshaushalt aus der Balance zu werfen.

Lesen Sie auch: BRICS - Brasilien will Partner von China werden

In den vergangenen drei Jahren ist es Trump bisher nicht gelungen, große Waffen-Deals mit Indien abzuschließen. Bei seinem Besuch sollen nun Geschäfte für Lockheed Martin und Raytheon unterzeichnet oder angebahnt werden.

Das Indien, das Trump besucht, ist in vieler Hinsicht ein gänzlich anderes Land als das Indien, das Barack Obama gesehen hat. Mukesh Ambani, der reichste Mann Asiens und Aufsichtsratsvorsitzender der Reliance Industries (RIL), sagte vor kurzem auf einer Microsoft-Veranstaltung in Mumbai: Was Indien vom Rest der Welt unterscheide, sei, dass jeder Inder das Zeug habe, ein zweiter Bill Gates zu werden.

Das Land bietet mit seiner jungen Bevölkerung ideale Voraussetzungen. Die Kinder, sofern sie der Armut entkommen, strömen in die boomende Software-Branche. Schneller sowie billiger Internet-Zugang ist Standard. Tech-Konzerne aus aller Welt lassen sich von indischen Subunternehmern beliefern. Eine ausgeprägte Start-up-Kultur hat dazu geführt, dass die indischen Unternehmen auf Veränderungen rasch und zielgenau reagieren können.

Trump wird von all dem wenig sehen. Auch von den Slums und dem Elend, das Indien immer noch plagt, wird er nichts sehen. An einer Straße wurde eine Mauer errichtet, um die Sicht aus der Präsidentenlimousine auf die menschenunwürdigen Behausungen zu verdecken.

Lesen Sie auch: Regierung macht Indien zum Hindu-Staat

Trumps größte Enttäuschung dürfte jedoch sein, dass sein Freihandels-Mantra in Indien auf taube Ohren stößt. Schon bald will Indien die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Erde sein.

Trumps Chefunterhändler, Robert Lighthizer, der im Vorfeld des Besuchs einen Freihandels-Deal mit den Indern verhandeln sollte, kehrte unverrichteter Dinge zurück. Was Trump bleibt, sind Proklamationen und Erinnerungsfotos. Willkommen in der multipolaren Welt.