Seine Eröffnungsrede hielt Vicente Fox frei. Der ehemalige Präsident Mexikos brauchte kein Manuskript, um seine Zuhörer mitzureißen. Fox’ Statement bei der Konferenz Q Berlin im E-Werk, auf der am Freitag und Sonnabend Experten aus aller Welt die Herausforderungen der Globalisierung diskutierten, war ein Plädoyer für Demokratie und internationales Miteinander.

Nach seiner Rede musste Vicente Fox für Selfies posieren. Er ist ein Internetstar: In YouTube-Videos kritisiert er Donald Trump für dessen Politik, insbesondere für die Mauer, die er zwischen den USA und Mexiko bauen will. In einem der bekanntesten Clips sendete Fox Trump eine deutliche Nachricht: „Mexico will not pay for the fucking wall!“ Auch im Interview wiederholt er den Satz gleich noch mal.

Sie gehören zu den schärfsten Kritikern des amerikanischen Präsidenten. Wie lautet Ihr Fazit nach knapp zwei Jahren Trump-Administration?

Ich kann nicht erkennen, dass Trump wirklich etwas erreicht hätte. Er behauptet, für den wirtschaftlichen Aufschwung im Land verantwortlich zu sein. Er behauptet, so viele Jobs geschaffen zu haben, wie niemand vor ihm in der Geschichte der USA. Aber das ist gelogen. Es war schließlich Präsident Obama, der diese Entwicklung angestoßen hat. Trump provoziert nur Chaos. Nicht nur in den USA. Er scheint nicht zu verstehen, wie Wirtschaft und globaler Handel funktionieren. Er hat praktisch jede einzelne Minderheit in den USA beleidigt. Und er beleidigt die Staatschefs anderer Nationen, wie den französischen Präsidenten Emmanuel Macron und auch Angela Merkel. Er hat keinerlei diplomatisches Gespür. Es ist sehr bedauerlich, dass die USA durch Trump so viel Ansehen verlieren.

„Wir brauchen empathische Staatschefs, die die Bedürfnisse der Menschen verstehen“

Überall auf der Welt kommen Populisten an die Macht. Als Beispiele nannten Sie in Ihrer Rede Venezuela und Nicaragua. In Brasilien wurde mit Jair Bolsonaro ein bekennender Rechtsextremer zum Präsidenten gewählt.

Bolsonaro ist noch ein großes Fragezeichen. Ein Grund dafür, dass er gewählt wurde, mag die große wirtschaftliche Krise in Brasilien sein. Möglicherweise bewegt sich Brasilien jetzt so extrem nach rechts, weil die Bevölkerung hofft, dadurch die Ordnung wiederherzustellen. Dieses Pendel, das von links nach rechts ausschlägt, kann funktionieren, um die Unzulänglichkeiten beider Richtungen auszugleichen.

Aber ist jemand, der Minderheiten, Homosexuelle und Frauen hasst, nicht von vorneherein eine Gefahr?

Bolsonaros Führungsstil ist keiner, den ich empfehlen würde. Autoritarismus schadet der Demokratie. Wir brauchen empathische Staatschefs, die die Bedürfnisse der Menschen verstehen, nicht einen autoritären Führer, wie Bolsonaro einer zu sein scheint. Aber ich möchte ihm die Gelegenheit geben, sich zu beweisen, bevor ich ein abschließendes Urteil fälle.

Ein Thema der Konferenz war die Zukunft von Frauen in der globalisierten Welt. Frauen sind heute so gut ausgebildet wie noch nie, schaffen es an die Spitze von Unternehmen und Staaten. Gleichzeitig werden Frauen in vielen Ländern systematisch unterdrückt. In Mexiko fällt die extreme Gewalt gegen Frauen auf. Wie passt das zusammen?

In Mexiko holen Frauen in vielen Bereichen auf; an den Universitäten studieren inzwischen mehr Frauen als Männer. Es gibt also Fortschritt, aber auch noch eine Menge Diskriminierung. Gewalt gegen Frauen ist eine traurige Realität, die wir stoppen müssen. Auch die Armut, die besonders Frauen trifft, lässt sich nur überwinden, wenn wir Frauenrechte stärken. Sehen Sie sich die Migrantenströme an: Unter den Menschen, die vor Armut und Gewalt fliehen, sind sehr viele Frauen. Sie sind es, die riesige Opfer auf sich nehmen, um ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen.

Gegen genau diese Menschen will Trump die USA mit einer Mauer abschotten.

Das Konzept einer Mauer ist in der Geschichte immer wieder gescheitert. Ich weiß nicht, warum Señor Trump, dieser dumme Mensch, darauf besteht, eine zu bauen. Er denkt immer noch, dass Mexiko die Kosten übernimmt. Dabei werden wir niemals, unter keinen Umständen, für diese verfluchte Mauer zahlen! So ein Bau ist mit nichts zu rechtfertigen. Wir sollten Brücken bauen, keine Mauern.

Deutschland war ein geteiltes Land, und gerade hier in Berlin ist die Erinnerung daran, was eine Mauer anrichten kann, sehr lebendig.

Deshalb ist Berlin ja so wunderbar: Hier gibt es die historische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an die Hitler-Diktatur und an die deutsche Teilung. Dazu gehört, dass man hier Teile der Mauer hat stehenlassen: Berlin zeigt die Fehler, die in Deutschland in der Vergangenheit gemacht wurden. Und damit zeigt es auch, dass diese Fehler überwunden wurden. Berlin ist die Stadt, die heute die profunden Werte des Westens – Frieden, Demokratie, Humanismus – verteidigt. Das ist auch der Grund, warum Berlin Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Und das ist der Grund, warum ich persönlich diese Stadt so liebe: Berlin ist zum Inbegriff von Vielfalt und Toleranz geworden. Diese Stadt hat Größe.