BerlinDie Wahl in den USA am Dienstag wird von vielen als eine Art Richtungsentscheidung betrachtet, an deren Ausgang sich das weitere Schicksal nicht nur Amerikas, sondern auch der Welt bemisst. Doch wenn man sich die Lage genauer betrachtet und sich bei Beratern des Teams Biden umhört, muss man sagen: Aus deutscher oder europäischer Sicht wird es fast egal sein, wer die Wahl gewinnt, Trump oder Biden. Auch wenn Trump bald der Geschichte angehört, wird vieles aus seiner Außenpolitik fortbestehen.

Trump wird als amerikanische Ausnahmeerscheinung überzeichnet, aggressiv, bösartig, rücksichtslos, der in den vergangenen vier Jahren das moralisch überlegene, freiheitliche, an Kooperation orientierte Land zerstört habe. Das mag gut klingen – aber vieles, was an Amerika dysfunktional ist, gab es schon vor Trump. Er brachte lediglich zusammen, was schon vorher an Amerika abgründig und selbstzerstörerisch war. Er war nicht der erste Präsident, der zusah, wie eine Naturkatastrophe Tausende Menschen das Leben kostete, wie bei der Corona-Pandemie. Man muss nur an Präsident George Bush und die Verwüstung durch den Hurrikan Katrina 2005 denken. Auch andere Präsidenten hatten ein flexibles Verhältnis zur Wahrheit und zum geltenden Recht. Wie sagte Präsident Richard Nixon zum britischen Journalisten David Frost: „Was ein Präsident tut, kann nicht illegal sein.“

Trump war allerdings der Erste, der die Rolle des neuen Amerikas in der Welt offensiv und aggressiv nach außen vertrat: nicht mehr als Weltpolizist, um andere Länder „amerikanischer“ zu machen, sondern es galt nun „America first“. Er machte deutlich, dass die USA kein Interesse an internationaler Kooperation und an der Vertiefung bestehender Bündnisse haben. Er verlegte die Botschaft der USA in Israel nach Jerusalem, er stieg aus dem Atomabkommen mit Iran aus und ließ den Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden per Drohne töten. Erstaunlicherweise war er damit erfolgreich. Israel hat mit mehreren ehemals verfeindeten arabischen Ländern Verträge geschlossen. Trump stieg aus dem Pariser Klimaabkommen aus und aus der WHO. Seine Verachtung gegenüber Institutionen wie der Europäischen Union verbarg er nicht.

Nun gibt es die Hoffnung, dass Biden alles anders macht, dass Nordamerika wieder ein bisschen näher rückt – und die Europäer dadurch auch wieder aufgewertet werden.

Doch auch wenn niemand das offen sagen will, in dem Team, das Bidens Wechsel ins Weiße Haus plant, sieht man wenig Handlungsbedarf. Biden sieht seine Aufgabe angesichts der Pandemie und der Zerrissenheit des Landes vor allem innenpolitisch, man merkte das im Wahlkampf, Außenpolitik spielte kaum eine Rolle.

Aber es gibt auch inhaltliche Überschneidungen. Die Beurteilung der Rolle Amerikas in der Welt, die Gefahreneinschätzung unterscheidet sich zwischen den Lagern nicht so sehr. Trumps aggressive Handelspolitik, die Erhebung von Zöllen oder auch nur das Drohen damit, wird vom Team Biden durchaus als Erfolg gesehen. Wie Trump wird sich auch Biden auf das Verhältnis zu China fokussieren. Wegen seiner ökonomischen und wachsenden politischen Macht kann China den USA gefährlich werden, wie es die Sowjetunion nie werden konnte.

Selbst wenn die USA wieder dem Pariser Klimaabkommen beitreten, wie es Biden angekündigt hat, ist das erst einmal nur ein symbolischer Schritt. Dadurch werden die USA nicht zum obersten Klimaschützer. Das transatlantische Verhältnis wird auch nicht unbedingt einfacher werden. Sicher, Biden ist ein anderer Typ, er wird im Ton kooperativer auftreten, weniger sprunghaft und konfrontativ. Er wird seine Vizepräsidentin Kamala Harris zum Antrittsbesuch nach Berlin schicken.

Doch konkret? Die EU-Außenpolitik ist in den Augen der Amerikaner zu passiv und zu träge, um als relevant wahrgenommen zu werden. Und auch wenn ein Präsident Biden nicht aus der Nato austreten wird, wie das Trump gedroht hat, heißt das nicht, dass sie aus dem Koma, das Präsident Macron diagnostiziert hat, erwacht. Was fehlt, wäre ein gemeinsames Zukunftsprojekt. Was könnte das sein? Der Kampf gegen den Klimawandel? Gegen die Pandemie? Wird ohne China nicht funktionieren. Theoretisch wäre denkbar, dass sich ein demokratischer Präsident gemeinsam mit der EU für eine faire Besteuerung der amerikanischen Tech-Giganten einsetzt. Doch wenn man weiß, dass die größten Spender von Biden im Silicon Valley sitzen, wird auch das unwahrscheinlich.