Inszenierung von Macht: Nach wochenlangem Zögern gibt sich US-Präsident Donald Trump plötzlich als entschlossener Krisenmanager und zieht das Militär zur Hilfe heran. 
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Gibt es eigentlich irgendetwas Gutes, etwas Hoffnungsvolles, das diese Corona-Krise neben all dem Unheil auch noch zu bieten hat? Als Alexander Gauland, der Fraktionschef der AfD, am Mittwoch im Bundestag auf die Rede von Vizekanzler Olaf Scholz antwortete, wurde deutlich, was das sein könnte: Diese Krise entzaubert die Populisten.

Ihnen ist der Stoff abhandengekommen, mit dem sie ihren Aufstieg der letzten Jahre untermauert haben, das Öl, das sie ins Feuer gesellschaftlicher Konflikte gegossen haben. Sie hatten die Verachtung des Staates und der Politiker des „Systems“, wie sie die Demokratie nennen, zu ihrem Programm gemacht, allen voran Angela Merkel, die sie jagen wollten, am liebsten gleich ganz aus dem Amt.

„Systempolitiker“ zeigen, was sie können

Nun aber, in der Krise, wird der Ruf nach diesem Staat übermächtig, und die „Systempolitiker“ zeigen, was sie können. Tag für Tag demonstrieren Vertreter des Staates und der Politik auf allen Ebenen, was die Demokratie zu leisten vermag, von der Bundeskanzlerin bis zum Dorfbürgermeister.

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Und so war in der Rede von Gauland kaum noch eine Spur jener Demagogie zu hören, mit der er und seine Kollegen die Atmosphäre im Bundestag seit der letzten Wahl vergiftet haben. Am Ende stimmte die AfD sogar den meisten Vorschlägen der Bundesregierung zu, wohl wissend, dass sie sich sonst in der öffentlichen Meinung rettungslos isolieren würde. Die Verluste der AfD bei den jüngsten Meinungsumfragen belegen diesen Wandel.

Die Entzauberung der Populisten ist ein weltweites Phänomen. Dort, wo sie in der Opposition sind, wie in Frankreich oder Italien, spielen sie keine Rolle mehr, weil sich in Krisenzeiten immer aller Augen auf die Regierenden richten.

Dort aber, wo sie selbst das Sagen haben, wie Donald Trump in den USA, Boris Johnson in Großbritannien oder Jair Bolsonaro in Brasilien, zeigt sich ihr Versagen in aller Öffentlichkeit. Ihre Geringschätzung wissenschaftlicher Expertise, der Bedeutung öffentlicher Daseinsvorsorge und der Institutionen liberaler Demokratien, ihre grundsätzliche nationalistische Ignoranz ließen sie ebenso uninformiert wie unentschlossen durch die ersten Wochen der Pandemie stolpern, während sich das Virus in ihren Ländern unkontrolliert verbreiten konnte.

Die Pose zählt mehr als das Wohlergehen der Menschen

Es dauerte ewig, bis Trump widerwillig erkannte, dass es sich bei Covid-19 weder um eine Erfindung der Demokraten noch der Chinesen handelt. Nun gibt er mit täglichen Pressekonferenzen den entschlossenen Krisenmanager, eine Rolle, aus der er aber ständig herausfällt. Er bringt die Experten zum kaum verhohlenen Kopfschütteln über sein Gerede und beschimpft Journalisten, die kritisch nachfragen. Am Sonnabend drohte er, Bundesstaaten die Hilfe zu entziehen, deren Gouverneure seine Arbeit nicht genug wertschätzten.

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Die ganze Ignoranz Trumps und seiner Leute zeigte sich am Freitag bei der Unterzeichnung des vom Kongress beschlossenen, gigantischen Hilfsprogramms. Dicht gedrängt stand ein Dutzend seiner Berater hinter dem Präsidenten, der am Schreibtisch im Oval Office mit großer Geste seinen Namen unter das Dokument setzte. Eine Regierung, die die Bevölkerung anweist, Abstand zu halten, und sich selbst so präsentiert, hat nichts verstanden. Sie demonstriert, dass man das alles nicht so ernst nehmen muss. Wichtiger ist die Inszenierung der Macht. Wieder zeigt sich: Die Pose zählt den Populisten mehr als das Wohlergehen der Menschen.

Ähnliches gilt auch für den britischen Premier Boris Johnson, der nur eine andere Form der populistischen Selbstdarstellung als Trump mit seinem imperialen Gehabe wählt. Er pflegt das Image des Rebells gegen die herrschenden Strukturen, denen er selbst entstammt. Mit clowneskem Charme macht er sich lustig über Meinungen und Ratschläge von Experten.

Boris Johnsons unfreiwillige Wandlung

Noch vor drei Wochen prahlte er im Fernsehen, dass er natürlich weiterhin jedem die Hand schüttele und das ganze Gerede von sozialer Isolierung für Unsinn halte. Nun musste er seinen Landsleuten mitteilen, dass er selbst mit dem Coronavirus infiziert ist.

Inzwischen ist die britische Regierung auf den Kurs der meisten europäischen Länder mit scharfen Ausgehsperren und der Stilllegung weiter Bereiche des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens eingeschwenkt, mit einer womöglich verhängnisvollen Verzögerung. Der populistische Macher Boris Johnson aber ist entzaubert.

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Auf dem Weg dahin befindet sich auch der brasilianische Präsident Bolsonaro, einer der letzten Leugner der Gefahren der Pandemie. Er präsentierte sich vergangene Woche noch als der starke Mann im Fernsehen, dem das Virus nichts anhaben könne, und zog demonstrativ die Schutzmaske vom Gesicht. Doch er stößt damit auf immer mehr Widerspruch, nicht nur bei Gerichten und den Gouverneuren vieler Bundesstaaten, sondern auch in der Bevölkerung. Während seiner Fernsehauftritte greifen die Menschen zu Töpfen und Pfannen und protestieren an Fenstern und Balkonen gegen die Sprüche und das Nichtstun ihres Präsidenten.

Sehnsucht nach ernsthaftem, seriösem Umgang

Die Menschen sehnen sich nach einem ernsthaften, seriösen Umgang mit den Herausforderungen. Doch steckt in der globalen Pandemie auch die Gefahr der Sehnsucht nach einer Rückkehr in die vermeintliche Geborgenheit des Nationalen. Das wäre dann neuer Nährboden für die Propagandisten der einfachen Lösungen und der „Wir zuerst“-Haltung. Auch darauf müssen sich die Politiker der Parteien einstellen, die so bald wie möglich zu offenen Grenzen und internationaler, vor allem europäischer Zusammenarbeit zurückkehren wollen.