Es war Ende Juli 2015, die Sonne schien grell über dem Rio Grande. Bürgermeister Pete Saenz war mit Donald Trump durch seine Stadt gefahren und hatte ihm gesagt, dass weder der Bau einer Mauer an der Grenze noch Änderungen am Freihandelsvertrag Nafta gute Ideen seien. Nach der Fahrt fühlte sich Saenz gut. Für einen Augenblick hatte er, ein Mann mit einem Oberlippenbart, der ihn aussehen lässt wie einen Stummfilm-Star aus den Zwanzigerjahren, das Gefühl, seine Überzeugungsarbeit sei erfolgreich gewesen. Und überhaupt, der Mann mit der sonderlichen Frisur würde schon nicht zum Präsidenten gewählt werden und die Pläne, die er für Saenz’ Stadt hatte, nicht umsetzen können.

Wie man heute weiß, kam es anders. Aus dem Kandidaten Trump wurde der Präsident Trump, der sich von Bürgermeistern nicht sagen lässt, wie er Politik zu machen hat. Vor wenigen Tagen hat er ein Dekret unterschrieben, dass so schnell wie möglich mit den Arbeiten für eine Grenzmauer begonnen werden soll. Und auch den Handelsvertrag Nafta, den die USA mit Mexiko und Kanada geschlossen haben, will er nicht ungeschoren lassen. Zehntausende Mexikaner  sind  am Wochenende  zu Protesten gegen Trump auf die Straße gegangen. „Wir wollen Brücken bauen“, riefen viele der in Weiß gekleideten Menschen. Und Pete Saenz, Bürgermeister der texanischen Grenzstadt Laredo, ist nur die Hoffnung geblieben, dass es nicht so schlimm kommt  wie befürchtet.

Träge fließt der Rio Grande

Laredo am Rio Grande ist eine Stadt mit ungefähr 250.000 Einwohnern, in der zwei der wichtigsten Themen aus Trumps Wahlkampf zusammenfallen: Freihandel und illegale Einwanderung. Aus einem verschlafenen Nest am träge dahinfließenden Fluss ist seit 1994, dem Jahr, in dem der Handelsvertrag in Kraft trat, eine wuselige Großstadt geworden. Durch die Häfen von New York und Los Angeles werden mehr Waren  in die USA eingeführt. Laredo aber hält den Spitzenrang aller Grenzübergänge auf dem US-Festland.

„Laredo ist die Nafta auf Rädern“, sagt Bürgermeister Saenz und wedelt stolz mit einem farbigen Prospekt herum, in dem die wirtschaftlichen Kerndaten seiner Stadt aufgezählt sind. 17.000 Menschen überqueren täglich die vier Brücken über den Rio Grande in Richtung USA, 25.000 Autos und 14.000 schwer beladene Lastwagen. Waren im Wert von mehr als 200 Milliarden US-Dollar werden pro Jahr über die Grenze in die USA und nach Mexiko geschafft.

Laredo boomt, sagen die Leute. Das freut das Verpack-, Umpack- und Speditionsbusiness, an jeder Ecke ist ein Restaurant, die Hotellerie verzeichnet selbst in vergleichsweise verkehrsarmen Monaten noch hohe Auslastungsraten. In Ohio oder Pennsylvania mag das nordamerikanische Freihandelsabkommen Arbeitsplätze vernichtet haben, was Trump immer unterstreicht, wenn er sagt: „Nafta war ein schrecklicher Deal, ein totales Desaster für die USA von Anfang an.“  Dabei hängen nach Angaben von Wirtschaftsexperten, die nicht einmal die dementierfreudige Trump-Regierung dementiert, bis zu sechs Millionen Arbeitsplätze in den USA von Nafta ab. In Laredo ist das Gegenteil geschehen. Von einer Katastrophe, wie sie Trump beschwört, ist nichts zu bemerken.

Bürgermeister Saenz träumt von einer neuen Brücke mit 16 Fahrspuren. Das würde noch mehr Geld in die Stadtkasse bringen. Laredo erhebt Maut für alle Brückenüberquerungen. 60 Millionen US-Dollar kommen im Jahr zusammen. Im März will er ein Outlet-Center am Flussufer eröffnen, das Kunden aus der mexikanischen Großstadt Monterrey nach Laredo locken soll.

Die haben Geld, sagt Saenz’ Sprecherin Blasita Lopez. Geld, das sie künftig in Laredo beim Shopping liegen lassen sollen und nicht mehr in der texanischen Großstadt San Antonio, die bisher das Ziel der mexikanischen Einkaufstouristen ist. Doch sollte Trump Nafta kündigen oder stark verändern, wäre es mit diesem Traum möglicherweise schnell vorbei. „Wir haben keine Ahnung, was Trump wirklich will“, sagt Blasita Lopez. Der Gouverneur des mexikanischen Bundesstaates Nuevo Leon, dessen Hauptstadt Monterrey ist, hat seine Landsleute schon einmal vorsorglich dazu aufgerufen, nicht mehr nach Texas zum Einkaufen zu fahren. Sie sollten ihr Geld in diesen Zeiten lieber in der Heimat ausgeben.

Laredos Bürgermeister Saenz hat jedenfalls große Sorgen. Auf der Rundfahrt durch seine Stadt hat er damals dem Kandidaten Trump gesagt: „Der Fluss verbindet uns, er trennt uns nicht.“ Südlich des Rio Grande liegt Laredos Schwesterstadt Nuevo Laredo, die etwa 600.000 Einwohner hat. Auch dort hat das Abkommen Nafta für Wohlstand gesorgt, der nicht mit dem Wohlstand auf der US-Seite des Flusses vergleichbar ist, aber trotzdem bemerkenswert ist.