Tschetschenische Rebellen: In der Schusslinie

Istanbul - Der siebte Oktober ist ein sonniger Tag am Bosporus. Es ist Nachmittag, die Zeit nach dem Freitagsgebet. In Zeytinburnu, einem lebhaften Vorort Istanbuls, steht ein junger Mann vor einer Wohnungstür im ersten Stock eines Hochhauses. Er klingelt, ein bärtiger Mann öffnet, es ist Schamsuddin Batukajew, ein tschetschenischer Islamgeistlicher, der mit seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn hier lebt. Es gehe um Tschetschenien, sagt der Besucher, es sei dringend. Imam Schamsuddin Batukajew lädt den Fremden zum Tee ein; er kommt aus der Heimat, er wirkt vertrauenswürdig. Der junge Mann redet auf ihn ein, er solle nach Hause kommen, nach Tschetschenien. "Ich kehre erst zurück, wenn Tschetschenien frei ist", sagt der Imam. Für ihn ist das Gespräch damit beendet. Als der junge Mann bittet, die Toilette benutzen zu dürfen, zeigt ihm Batukajew das Bad und verlässt die Wohnung. Das rettet sein Leben.

"Ist dein Vater weggegangen?"

Die Begegnung in dem Wohnhaus ist das vorerst letzte Glied in einer Kette von Ereignissen, die Istanbul seit Wochen in Atem halten und eher in einen Thriller von John le Carré zu gehören scheinen als in die Wirklichkeit. Russische Auftragsmörder sind in der Stadt, die offenbar systematisch eine Todesliste abarbeiten. Im Visier haben sie Staatsfeinde im Exil: militärische oder zivile Anführer tschetschenischer Rebellen. In dem vierzehnstöckigen Hochhaus in Zeytinburnu und in den benachbarten Wohntürmen sind eine Reihe von Tschetschenen untergekommen, die ihre Heimat wegen des Bürgerkrieges verlassen haben. Im Treppenhaus begegnet man schwarz verhüllten Frauen.

Auch Schamsuddin Batukajew trägt die Tracht der Strenggläubigen, den wuchernden Vollbart und die Häkelmütze. "Die Flüchtlinge sind verwundete Kämpfer und Familien, die vor dem russischen Terror geflohen sind", sagt der 55-Jährige und faltet die Hände über dem Bauch. Er ist ein bedeutender Mann, wichtigster Imam der Exil-Tschetschenen, er war der oberste muslimische Scharia-Richter in seiner Heimat und ein Anführer der islamistischen Separatisten, bevor er nach dem zweiten Tschetschenienkrieg 2000 aus der Hauptstadt Grosny fliehen musste. Es ist nicht einfach, Schamsuddin Batukajew zu treffen. Er werde, so haben es seine Vertrauten gesagt, aus Grosny massiv unter Druck gesetzt. Wenn er mit den Medien rede, könne das seiner Familie schaden, wird ihm ausgerichtet. Er hat sich dann doch zu einem Treffen in seiner Wohnung bereiterklärt, um von den Ereignissen des 7. Oktober zu erzählen.

"Kaum hatte ich die Wohnung verlassen, öffnete der Fremde die Badezimmertür und fragte meinen Sohn, ist dein Vater weggegangen?", sagt Batukajew. Als der Sohn bejahte, habe er die Tür wieder geschlossen, sei nach einer Weile herausgekommen und habe erklärt: "Ich komme in drei Stunden wieder, sag’ das bitte deinem Vater." Da sei man misstrauisch geworden.

Lizenz zum Töten

Die Exiltschetschenen können sich nicht sicher fühlen, auch nicht in Istanbul, ihrem beliebtesten Rückzugsort. Die Türkei nimmt seit Jahren Flüchtlinge aus Tschetschenien auf, gewährt ihnen Gaststatus. Ebenfalls seit Jahren führt der russische Präsident Wladimir Putin Krieg gegen tschetschenische Rebellen, egal wo sie sich aufhalten. Im Februar 2004 gab es ein erstes Attentat im arabischen Scheichtum Katar, es folgten Anschläge in Wien, Aserbaidschan und Dubai, besonders häufig aber in der Türkei, wo allein zwischen September 2008 und Februar 2009 drei Bandenführer auf offener Straße exekutiert wurden. Die russischen Mordkommandos haben die Lizenz zum Töten: Seit 2006 gestattet ein Duma-Gesetz nach amerikanischem Vorbild die Liquidierung von "Terroristen" im Ausland. Gerade hat der englische Daily Telegraph eine russische Geheimdienst-Direktive vom März 2003 publiziert. Daraus geht hervor, dass Agenten mit Spezialauftrag bereits damals die "Eliminierung außerhalb der Russischen Föderation" von "Anführern ungesetzlicher terroristischer Gruppen und Organisationen, extremistischer Formationen und Assoziationen und von Individuen, die Russland illegal verlassen haben und mit föderalem Haftbefehl gesucht werden" erlaubt wurde.

Gegen sieben Uhr abends kehrt der Fremde zurück. Als er über den Parkplatz zu dem Haus mit der Aufschrift "Blok 6" gehen will, umringen ihn plötzlich drei kräftige Männer, es kommt zum Handgemenge. "Dabei haben unsere Leute die Pistole entdeckt, die er unter der Jacke trug", berichtet Schamsuddin Batukajew. "Sie haben ihn überwältigt." Und dann? "Sie haben ihn die Nacht über verhört und am Morgen der Polizei übergeben. Er gab zu, dass er mich und meine Familie umbringen sollte, weil ich mich weigerte, nach Tschetschenien zurückzukehren." Bei dem Verhör habe der 26-Jährige kasachischer Herkunft gestanden, dass er geschickt worden war, Batukajew nach Hause zu holen oder ihn zu töten. Im Badezimmer hatte er schon den Schalldämpfer auf seine Waffe geschraubt - um dann festzustellen, dass sein Opfer nicht mehr in der Wohnung war. Wer ihm den Befehl erteilt hatte, sagte der Auftragskiller nicht. Die Exiltschetschenen sind überzeugt, dass er von Präsident Ramsan Kadyrow geschickt wurde, dem Statthalter der Russen in Grosny. "Er sollte vollenden, was am 16. September begonnen worden war", sagt Batukajew.

Plötzlich fallen Schüsse

Rückblende. Auch der 16. September ist ein Freitag mit schönem Wetter in Istanbul. Auf dem zentralen Platz Zeytinburnus, wo es viele Teestuben gibt, Friseure, Geschäfte, toben Kinder auf einem Spielgerüst. Die meisten Erwachsenen hier besuchen das Freitagsgebet - auch der Tschetschenenführer Berg-Hadsch Musajew, Kampfname Emir Kamsat, und seine beiden Leibwächter. Um 14.42 Uhr verlassen die drei Männer die nahe gelegene Moschee. Musajew will etwas aus seinem Auto holen, das nicht weit entfernt steht. Als die Tschetschenen das Fahrzeug erreichen, fährt ein schwarzer Ford Mondeo langsam an ihnen vorbei. Plötzlich fallen Schüsse. Die Männer brechen zusammen. Der Ford stoppt in einer Parkbucht, ein Mann mit Sonnenbrille steigt aus. Er hält eine Waffe mit Schalldämpfer in der Hand, geht ruhig zu den regungslosen Körpern, und schießt jedem der Männer in den Kopf. "Das Ganze hat vielleicht dreißig Sekunden gedauert. Ich habe den Mann zum Auto gehen und einsteigen sehen, dann ist es langsam weggefahren", sagt Bahri Adanur, der 52-jährige Wirt der Teestube, vor deren Fenstern das Verbrechen geschah. Er beschreibt den Täter: "Etwa 50 Jahre alt, von athletischer Figur und sehr hellhäutig. Ganz klar kein Türke." In der Teestube sitzen an diesem Mittag wie stets die Stammgäste und spielen Karten. Die meisten waren hier, als die Schüsse fielen. "Es war eine Hinrichtung am helllichten Tag", sagt einer der Männer.

Überwachungskameras haben die Tat festgehalten. Überhaupt sind die Täter oft gefilmt worden: am Flughafen, als sie 14 Tage zuvor einreisen. In den Hotels, in denen sie absteigen. Bei den Erkundungsfahrten, die sie mit ihren sechs Mietwagen unternehmen. Detailliert spähen sie die Lebensgewohnheiten von Berg-Hadsch Musajew aus. Musajew ist 18 Monate zuvor nach Istanbul gekommen, um eine Kampfwunde behandeln zu lassen. Er ist ein enger Vertrauter des meistgesuchten Mannes in Russland: Doku Umarow, der tschetschenische Rebellenführer, der sich zu den Anschlägen auf die Moskauer Metro im März 2010 und auf den Flughafen der Hauptstadt im Januar 2011 bekannte. Umarow ist als "kaukasischer Bin Laden" bekannt, er führt einen erbitterten Kampf gegen den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, der seinerseits als extrem skrupellos gilt.

"Blutiger russischer Staatsterror"

Ein Tipp führt die Polizei drei Tage nach dem Mord zu einem Hotel in der Altstadt. In den Zimmern der mutmaßlichen Attentäter weist alles auf einen überstürzten Aufbruch hin. Die Ermittler finden Nachtsichtgeräte, einen USB-Stick, einen russischen Pass, eine Pistole, die später als Mordwaffe identifiziert wird. Im Verlauf der nächsten Tage sickert durch, dass die Beamten sieben Männer und eine Frau suchen, offensichtlich russische Geheimdienstmitarbeiter. Sie haben sich in drei Teams aufgeteilt: Eines hat die Wege und Gewohnheiten Musajews ausspioniert, eines alles organisiert, eines war für die Exekution zuständig. Sie sind Anfang September als Touristen in die Türkei eingereist.
Nachdem der Tipp eingegangen ist, postiert die türkische Spezialpolizei Zivilbeamte in der Gegend rund um das kleine Hotel. Einen Tag lang warten sie auf das russische Agenten-Team. Vergeblich, offenbar haben die Acht Verdacht geschöpft. Wenig später stellt sich heraus, dass sie nach der Tat die Türkei unentdeckt wieder verlassen haben.

"Wir sind davon überzeugt, dass der russische Geheimdienst FSB diese Attentate in Auftrag gibt", sagt Imam Schamsuddin Batukajew bei dem Treffen in seiner Wohnung. Diesen Vorwurf haben Sprecher der russischen Regierung mehrfach entschieden zurückgewiesen. Auch die türkische Regierung vermeidet - wohl aus außenpolitischen Erwägungen - eindeutige Schuldzuweisungen an die Adresse Moskaus. Bisher war das leicht, denn stets haben die Killer professionell und sauber gearbeitet. Diesmal aber, nach dem Dreifachmord im September, entkommen sie nur um Haaresbreite und hinterlassen Spuren, die eindeutige Schlüsse zulassen.

Eine Woche nach dem Attentat, am 24. September, demonstrieren Hunderte Menschen vor dem russischen Generalkonsulat in Istanbuls Fußgängerzone. Vertreter islamistischer Organisationen klagen den "blutigen russischen Staatsterror" an und fordern von der türkischen Regierung besseren Schutz für die rund 2000 tschetschenischen Flüchtlinge im Land.

Drei Tage später trifft auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul jener junge Mann ein, der später an Schamsuddin Batukajews Haustür klingeln wird. In dem Verhör nach seiner Gefangennahme gesteht er, dass der Imam nicht sein einziges Opfer sein sollte. Auch den Bruder von Doku Umarow, des Drahtziehers der Anschläge in Moskau, sollte er töten.

Dieser Bruder, Waha Umarow, ist auch zu dem Treffen in der spartanisch eingerichteten Wohnung des Imam gekommen. Eine kleine Sensation, denn Waha Umarow hat bis dahin noch nie ein Interview gegeben. Er ist ein kompakt gebauter kleiner Mann mit kantigem Schädel, blauen Augen und einer erstaunlich hellen Stimme. "Irgend jemand muss sich um die Frauen und Kinder unserer Familie kümmern", sagt er. "Deshalb bin ich hier. Ich bin nicht aktiv. Aber sie wollen mich trotzdem umbringen, wie jeden, der gegen Russland ist."

Ganz oben auf der Todesliste

Waha Umarow hat am Morgen des 8. Oktober die Polizei angerufen, um ihr den jungen Mann zu übergeben, den sie am Abend zuvor überwältigt hatten. Als die Beamten dessen Hotelzimmer in Zeytinburnu durchsuchen, finden sie detaillierte Pläne von den Wohnungen der beiden Tschetschenen-Führer. Bei der Festnahme wird auch eine Schallschutzautomatik sichergestellt, wie sie russische Spezialkommandos verwenden. Der verhinderte Attentäter gesteht zuerst umfänglich, relativiert später aber seine Aussagen; er sitzt in Untersuchungshaft. Aus Russland meldet sich unterdessen der Kreml-nahe Kaukasus-Analyst Maxim Schewtschenko und sagt der Moskauer Zeitung Iswestija, er glaube, dass es beim Anschlag auf den Imam schlicht um Rache gehe - denn Batukajew habe als Scharia-Richter in Grosny einst "sehr harte Entscheidungen" fällen müssen. Vielleicht habe sich ein Mann, der als Junge seinen Vater verlor, rächen wollen.

"Es ging nicht um Rache, es ging um einen Auftragsmord", sagt dazu Schamsuddin Batukajew. Die Frage, ob er als Richter jemals jemanden zum Tode verurteilt habe, beantwortet er nicht. Er und Waha Umarow sagen, sie befürchteten, dass die nächsten Auftragsmörder bereits nach Istanbul unterwegs seien. Spätestens seit dem 7. Oktober wissen sie, dass sie ganz oben auf der Todesliste stehen. Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie Todfeinde Russlands sind. "Wenn du Angst vor Wölfen hast, geh nicht in den Wald", zitiert Waha Umarow ein russisches Sprichwort. Aber sie fordern die Türkei auf, nicht hinzunehmen, dass russische Auftragsmörder sie in Istanbul kalt liquidieren. "Wir sind hierhergekommen, um zu überleben", sagt Schamsuddin Batukajew. Das habe er vor Kurzem auch den hiesigen Polizisten gesagt. Deren Antwort: "Passen Sie doch einfach besser auf sich auf."