Istanbul - Die Kommunalwahlen in der Türkei mit ihren wie Triumphzüge zelebrierten Auftritten des Ministerpräsidenten haben eines gezeigt: Recep Tayyip Erdoğan ist längst mehr als ein charismatischer Politiker oder ein politischer Popstar. Seine Anhänger reagieren auf ihn, als wäre er ein religiöser Führer, bei dem Kritik an seiner Sprache und seinem Tun wie Blasphemie wirken. Es ist keine Ausnahme, wenn eine Studentin in der zentralanatolischen Stadt Kayseri sagt: „Für mich hat Erdoğan immer Recht.“ Der Abgeordnete Fevai Arslan der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP verstieg sich sogar zu der Aussage: „Der Ministerpräsident ist wie ein zweiter Prophet.“

Der türkische Regierungschef hat große Verdienste. Er hat vielen unterprivilegierten Menschen Arbeit, neue Wohnungen, Bildung für die Kinder, eine funktionierende Krankenversorgung gebracht. Diese Leistungen rechtfertigen es, dass die Menschen ihn bewundern. Doch selbst in Anbetracht der Emotionalität vieler Türken wirkt die quasireligiöse Verehrung eines politischen Führers maßlos überzogen. Da sie sich zudem in Stereotypen und Verschwörungstheorien äußert, die immer gleich und wie auswendig gelernt vorgetragen werden, erscheint sie fast wie die Folge einer Gehirnwäsche. Fragt man Anhänger Erdogans nach den Korruptionsvorwürfen gegen den Premier, so erwidern sie häufig: „Das sind Fälschungen. Falls sie doch wahr sind, hat er das Geld nur genommen, um es den Armen zu geben.“ Oder, zweite Version: „Alle Politiker stehlen. Erdogan tut wenigstens etwas für uns.“

Dieses irrationale Verhalten erinnert an die Mitglieder religiöser Sekten. Wie sie reagieren Erdogans Bewunderer auf jede auch nur leichte Form kognitiver Dissonanz (etwa: „Stehlen ist kriminell – der Ministerpräsident stiehlt möglicherweise – aber er ist mir heilig“) mit psychologischen Abschottungsmechanismen: Sie drehen sich bei kritischen Nachfragen einfach weg, sprechen plötzlich von etwas völlig anderem oder werden sogar aggressiv. Offenbar gelingt es dem Meister-Manipulator Erdoğan mit seiner überwältigenden Rhetorik, seinen Bewunderern die Fähigkeit zur Kritik zu nehmen. Während des Wahlkampfes war es unmöglich, dem Erdogan-Sound zu entgehen, der aus den Radios und Fernsehern mit den immer gleichen Botschaften dröhnte. Der begnadete Redner trug sie vor, wie es Prediger tun: in rhythmisierten Wiederholungen mit hypnotischem Effekt. Da wunderte es nicht mehr, dass junge Männer sich bei seinen Auftritten weiße Leichentücher überzogen und wie die Wahnsinnigen brüllten: „Tayyip, wir sterben für dich!“

Anhänger nennen ihn Weltführer

Tatsächlich nennen ihn seine Anhänger bereits „dünya lideri“ (Weltführer) – gemeint ist: der islamischen Umma. Und ER, der sich wie andere Führer gleichsetzt mit der geführten Masse, auch der Nation, sagte bei seiner Balkonrede nach der gewonnen Wahl: „Diese Nation ist die Hoffnung der Umma, die Hoffnung der Welt.” In den Köpfen und Herzen seiner Anhänger geschieht dabei mehr als die schlichte Übertragung eines Größenwahns. Es ist echter Glaube im Spiel, wenn der AKP-Abgeordnete aus Bursa, Hüseyin Şahin, erklärt: „Alleine den Ministerpräsidenten zu berühren, ist ein Gottesdienst.” Oder wenn der ehemalige Europaminister Egemen Bağış äußert: „Der Geburtsort des Ministerpräsidenten ist heilig.” Diese Vergöttlichung muss jeden unabhängigen Beobachter beunruhigen. Sie ist ebenso besorgniserregend wie Erdoğans erstaunliche Fähigkeit, die Bevölkerung so zu manipulieren, dass sie eine simple Kommunalwahl als landesweites Referendum über seine Verstrickung in die Korruptionsaffäre akzeptiert. Sein Trick war die Erklärung, die Türkei sei bedroht durch äußere und innere Feinde, nun müssten sich alle um ihn scharen – ein Kniff, wie ihn nicht nur Sektengurus anwenden.

Den hysterischen Kurs der gesellschaftlichen Polarisierung hat der Premier nach der Wahl beibehalten. Auch den Moment des Triumphes nutzte er nicht dazu, versöhnend auf die geschlagenen Gegner aus der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen zuzugehen. Nein, er erklärte in seiner Balkonrede wie ein alttestamentarischer Rachegott, sie „bis in ihre Höhlen verfolgen“ zu wollen. Diese Rhetorik hat Folgen. Schon am Wahlabend belagerte ein tausendköpfiger Mob das Redaktionshaus der Gülen-Zeitung Zaman in Istanbul und rief: „Wir kommen rein und treiben euch raus!“

Demokratie als Herrschaft über die anderen

Dämonisierung und Schwarzweißmalerei sind gefährlich, weil sie die Menschen nicht mehr aufgrund der Realität entscheiden lassen, sondern danach, wen sie unterstützen. Erdogan fördert diese Haltung noch, indem er Demokratie als Herrschaft der einen über die anderen interpretiert. „Er glaubt wie der ägyptische Muslimbruder-Präsident Mursi, dass ein Sieg bei Wahlen ihm das Recht gibt, zu tun und zu lassen, was immer er will“, sagt der britische Türkei-Kenner Gareth Jenkins. Ähnlich wie einige Sektenführer scheint der türkische Premier dabei den Kontakt mit der Realität zu verlieren. In seiner Balkonrede dankte er zunächst nicht seinen Wählern für ihre Unterstützung, sondern den Palästinensern, den Mazedoniern und den Muslimbrüdern in Ägypten, als wäre die Türkei noch immer ein Hoffnungsträger für die Muslime im Nahen Osten – und seine Anhänger jubelten.

Niemals seit Atatürk hatte ein türkischer Regierungschef mehr Macht über die Türken als Erdoğan. Es sieht nicht so aus, als wolle er sie dazu einsetzen, das innerlich gespaltene Land zu versöhnen. Als sich eine neue Möglichkeit dazu ergab mit der Entscheidung des Verfassungsgerichtes, das gesperrte Internetmedium Twitter wieder zuzulassen, erklärte der Premier, er müsse sich zwar an die Entscheidung halten: „Aber ich respektiere sie nicht.“ So sprechen Anführer, die glauben, sie stünden über dem Gesetz.