Frau Akgün, kann man als politische Gegnerin von Präsident Recep Tayyip Erdogan den Putschversuch in irgendeiner Weise gutheißen?

Nein, auf gar keinen Fall. Als Demokratin finde ich einen Putsch furchtbar. Außerdem ist Gewalt als Mittel der Politik stets abzulehnen.

Wer sind die Putschisten und was hatten sie für Gründe?

Die Geschichte wird einmal die Antwort auf diese Frage geben. Aber so einen dilettantischen Putschversuch habe ich noch nie gesehen. Das hätten ja zehn Leute aus einer kölschen Kneipe heraus besser organisiert.

Was meinen Sie damit?

Da ist doch etwas ziemlich faul. Wie kann man mit jungen Rekruten, die jetzt zu Protokoll geben, sie hätten gar nicht gewusst, in welcher Mission sie unterwegs waren, und zwei Kampfjets einen Putsch anzetteln, den am wenigsten frequentierten Sender wie den staatlichen TRT angeblich besetzen – in der Türkei gibt es 65 Fernsehsender – und eine hübsche junge Dame eine Verlautbarung vorlesen lassen, während der Präsident des Landes, der ja angeblich abgesetzt werden soll, auf anderen Sendern Interviews gibt ? Das ist doch sehr undurchsichtig.

Was wollen Sie damit sagen?

Es gibt viele Stimmen in der Türkei, die sagen, dass der Putsch arrangiert war. Ein Werk des sogenannten „tiefen Staates“, einer Mischung aus Geheimdiensten, Polizei und Militär. Das Ziel sei, Erdogan jetzt als den strahlenden Held zu präsentieren, der die Demokratie gerettet hat. Denn es hatte in letzter Zeit ja zunehmend Kritik an ihm gegeben. Auf 40 Prozent waren die Umfragewerte gefallen. Dazu beigetragen hat auch, dass er offenbar ein gefälschtes Universitätsdiplom vorgelegt hat. Ein universitärer Abschluss aber ist in der Türkei Voraussetzung für den Präsidentschaftsposten. Der Putschversuch gibt jetzt die Gelegenheit, alle Institutionen zu säubern und unliebsame Gegner festzunehmen. Am Samstagmorgen erhielt jeder eine SMS Erdogans an sein Volk. Und flugs wurden 2000 Richter aus ihren Ämtern entlassen.

Wollen Sie sagen, das war alles schon vorbereitet?

Vielleicht ist man ja so schnell in der Türkei.

Wer ist heute der tiefe Staat?

Den tiefen Staat gab es immer in der Türkei. Heute sind es nur andere Akteure, nachdem die alten vor Jahren verurteilt wurden. Die Institution als solche blieb bestehen. Denn ich frage Sie, wer soll da eigentlich noch gegen Erdogan putschen? Das Militär ist doch längst entmachtet. Ich glaube, dass einige Offiziere angehalten wurden zu putschen, um angeblich die kemalistischen Ideale zu retten. Es sind viele Schüler des Militär-Gymnasiums Kuleli als Putschisten festgenommen worden. Ich glaube, sie wurden instrumentalisiert.

Ist das nicht eine der in der Türkei so beliebten Verschwörungstheorien?

Ich sage, es gibt Stimmen, die das sagen. Aber das Ganze ist doch sehr komisch.

Was passiert jetzt?

Alle Oppositionellen werden jetzt den Mund halten, weil sie eine Verfolgung fürchten. Demonstranten müssen befürchten, dass sich ihnen die „Demokratie-Wächter“ in den Weg stellen, jene, die auch Freitagabend von Erdogan auf die Straße geschickt worden sind. Ich rechne mit gewissen Ermächtigungsgesetzen. Vielleicht will Erdogan Istanbul jetzt sogar zur Hauptstadt machen. Schließlich ist das Parlamentsgebäude in Ankara bombardiert worden und zerstört und soll nicht wieder aufgebaut werden. Es soll zum Demokratie-Denkmal erklärt werden. Putsch sei ein Gottesgeschenk, hat Erdogan gesagt. Der Mann sieht sich von Gott eingesetzt, den türkischen Staat in einen islamischen Staat zu verwandeln und die Türkei wieder zur einstigen Macht des Osmanischen Reiches zu führen. Die Religionsbehörde hatte die Moscheen Freitagabend angewiesen, die ganze Nacht über Gebete erklingen zu lassen. Erdogan sitzt jetzt fest im Sattel.

Gibt es etwas, das Ihnen besonders Angst macht?

Ich fürchte, dass alle, die offen gegen Erdogan sind, um ihre Sicherheit fürchten müssen. Wenn der sunnitische Islam immer mehr zur Staatsreligion erklärt wird, könnte es auch Repressionen gegen Aleviten geben. Die türkische Geschichte kennt sehr hässliche Ausfälle gegen diese nicht-sunnitische Gruppe. Außerdem werden sich Frauen, die sich freizügig geben oder Leute, die in der Öffentlichkeit ein Bier trinken, ebenfalls künftig eher verstecken müssen.

Was gilt für Sie persönlich?

Ich fahre erst einmal nicht mehr in die Türkei.