Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. 
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BerlinDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan muss derzeit an mehreren Fronten kämpfen: Im Streit über die Erdgas-Förderung im Mittelmeer hat die EU den Ton verschärft und Ankara zur Mäßigung aufgerufen. Erdogan reagierte prompt, aber nicht so, wie man das in Brüssel gerne sehen würde: Die Türkei hat im Gasstreit mit Griechenland ihre Präsenz im östlichen Mittelmeer verstärkt. Die türkische Fregatte „Kemal Reis“ habe gemeinsame Übungen mit der Küstenwache der – nur von Ankara anerkannten – Republik Nordzypern durchgeführt, teilte das türkische Verteidigungsministerium am Sonntag auf Twitter mit. Die Fregatte begleite zudem das Forschungsschiff „Barbaros Hayrettin Pasa“, das südöstlich der Republik Zypern nach Erdgas sucht.

Erst am Sonnabend hatte sich der türkische Präsident im Gasstreit unnachgiebig gezeigt und betont, dass sein Land auch durch Sanktionsdrohungen nicht klein beigeben werde. Man werde sich „Banditentum auf unserem Festlandsockel“ nicht beugen, sagte er.

Der Nato-Partner Türkei streitet mit Griechenland sowie mit der Republik Zypern seit langem um Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer. Die Situation hatte sich vergangene Woche zugespitzt, als Ankara das Forschungsschiff „Oruc Reis“ begleitet von der Marine zu Erkundungen südlich der griechischen Inseln Rhodos und Kastelorizo losschickte. Der Einsatz soll noch bis 23. August andauern.

Erdogan hatte am Donnerstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Gasstreit telefoniert und Gesprächen zwischen den Konfliktparteien nach Abschluss der türkischen Erkundungen zugestimmt. Der Außenbeauftragte der Europäischen Union, Josep Borrell, hatte Ankara am Freitag nach einem EU-Außenministertreffen zur Deeskalation aufgerufen.

Die Türkei weist die Vorwürfe illegaler Bohrungen zurück. Sie vertritt den Standpunkt, dass die Gewässer, in denen sie nach Erdgas bohrt, zu ihrem Festlandsockel gehören.

Auch mit den USA gibt es Spannungen. So kritisierte Erdogan die jüngsten Friedenspläne von US-Präsident Donald Trump. Die Türkei will ihre diplomatischen Beziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten nach deren Annäherung mit Israel ruhen lassen. „Ich habe meinen Außenminister beauftragt und gesagt, dass wir besonders die diplomatischen Beziehungen mit der Führung in Abu Dhabi einfrieren oder auch den Botschafter abziehen könnten“, sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Freitag in Istanbul. „Denn wir stehen an der Seite des palästinensischen Volkes.“ Zuvor hatte das Außenministerium die Annäherung bereits als „Verrat“ an den Palästinensern kritisiert.

Erdogan hatte mit Trump eigentlich eine Art „modus vivendi“ gefunden. Der türkische Präsident hatte die US-Geheimdienste nach dem gescheiterten Putsch verdächtigt, hinter dem Staatsstreich zu stehen. Er warf dem in Pennsylvania lebenden Prediger Fetullah Gülen vor, eine Marionette der CIA zu sein und forderte lange dessen Auslieferung. Trump zeigt nach seinem Wahlsieg Verständnis für Erdogan, und das Thema verschwand still und leise von der geopolitischen Agenda. Doch nun fürchtet Erdogan offenbar, dass die Demokraten in Washington wieder ans Ruder kommen könnten.

Daher sorgt aktuell ein altes Interview des designierten US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden für Aufregung, in dem er zur Unterstützung der türkischen Opposition aufruft. Bidens Analyse des Landes basiere auf „purer Ignoranz, Arroganz und Scheinheiligkeit“, schrieb der Sprecher des türkischen Präsidenten, Ibrahim Kalin, am Sonntag auf Twitter. Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun kritisierte, die Äußerungen Bidens spiegelten eine „interventionistische Haltung“ wider.

Biden hatte im Dezember 2019 in einem Interview der New Work Times laut Transkript gesagt, dass man im Bezug auf Erdogan, den er einen Autokraten nennt, einen „ganz anderen Ansatz“ verfolgen müsse. Man müsse „klarmachen, dass wir die Oppositionsführung unterstützen“. Die USA sollten diese fördern, damit sie in der Lage sei, „zu übernehmen und Erdogan zu besiegen. Nicht durch einen Putsch, aber durch einen Wahlprozess“, sagte Biden demnach. Er zeigte sich zudem besorgt über die Kurdenpolitik der Türkei und die Annäherung des Nato-Landes an Russland.

Das Video, das Biden in der Serie The Weekly im Gespräch mit Journalisten der New York Times zeigt, wurde in der Türkei seit Samstag vielfach in den sozialen Medien geteilt und kommentiert.

Die Demokraten wollen Biden bei ihrem am Montag beginnenden Nominierungsparteitag offiziell zum Herausforderer von US-Präsident Donald Trump bei der Präsidentenwahl am 3. November küren. Der Republikaner und der türkische Präsident Erdogan verstehen sich persönlich zwar gut, die USA und die Türkei liegen aber bei zahlreichen Themen über Kreuz. Für Unmut in Washington sorgt etwa, dass die Türkei im Sommer vergangenen Jahres das Raketenabwehrsystem S-400 von Russland erworben hatte.

Auch auf der wirtschaftlichen Seite ist die Lage der Türkei angespannt. Die türkische Lira befindet sich auf einem steten Sinkflug. Auch wenn die Währung in den vergangenen Tagen etwas an Stabilität gewinnen konnte, macht sich im Land die Sorge breit, es könne zu einer Inflation kommen. Reuters berichtet, dass viele Türken ihre Bargeld- und Dollar-Bestände in Gold umtauschen. Von einem flächendeckenden „Bank-Run“ könne aber noch nicht die Rede sein, analysiert die Nachrichtenagentur.

Eine gewisse Erleichterung keimt indes im Tourismus-Sektor: Die Bundesregierung hat kürzlich die Reisewarnung für die wichtigsten Urlaubsgebiete in der Türkei aufgehoben - und zwar für die Provinzen Aydin, Izmir, Muğla und Antalya. Für den Rest des Landes gilt die Reisewarnung des AA voraussichtlich weiter bis zum 31. August. Alle, die aus der Türkei nach Deutschland zurückreisen, müssen bei der Ausreise einen negativen Corona-Testnachweis vorlegen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes.