Berlin/Istanbul - Bundesaußenminister Gabriel hat sich persönlich in den Fall des am Samstag in Spanien festgenommenen deutschen Schriftstellers Dogan Akhanli eingeschaltet. Er telefonierte noch am Samstagabend mit seinem spanischen Kollegen Alfonso Dastis, wie das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte. Als erstes hatte das ZDF-„heute-journal“ darüber berichtet. Dabei habe Gabriel den Wunsch geäußert, dass Akhanli nicht an die Türkei ausgeliefert und Deutschland in das Auslieferungsverfahren einbezogen werde.

Außerdem habe er um schnellstmögliche konsularische Betreuung des Schriftstellers gebeten. Zuvor hatte das Auswärtige Amt bereits mitgeteilt, dass sich die deutsche Botschaft in Madrid mit entsprechenden Wünschen an die spanische Regierung gewandt habe. Die Bitten seien auf eine verständnisvolle Reaktion gestoßen, berichtete das ZDF. Zudem solle Deutschland direkt in den Prüfprozess des türkischen Haftbefehls gegen Akhanli eingebunden werden. 

Angriffe von Erdogan

Zuvor hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) in einer scharfen persönlichen Attacke vor weiterer Kritik an der Türkei gewarnt. Erdogan reagierte offenbar darauf, dass sich Gabriel – wie andere deutsche Politiker auch – jede Einmischung des türkischen Präsidenten in den deutschen Wahlkampf verbeten hatte. Erdogan hatte türkischstämmige Wähler in Deutschland am Freitag aufgefordert, bei der Bundestagswahl im September nicht CDU, SPD oder Grüne zu wählen.

„Er kennt keine Grenzen“, kritisierte Erdogan am Samstag in einer im Fernsehen übertragenen Rede Gabriel. An die Adresse des deutschen Ministers fügte Erdogan hinzu: „Wer sind Sie, dass Sie mit dem Präsidenten der Türkei reden? Beachten Sie Ihre Grenzen!“

Des Weiteren kritisierte der türkische Präsident, dass Gabriel versuche, „uns eine Lektion zu erteilen“. Wiederum an den Bundesaußenminister gerichtet fügte Erdogan hinzu: „Wie lange sind Sie eigentlich in der Politik? Wie alt sind Sie?“

Auch in Deutschland kann sich bald niemand mehr sicher sein

Über die Verhaftung Akhanlis zeigte sich derweil auch die türkischstämmige Menschenrechtsaktivistin Lale Akgün entsetzt. „Dogan Akhanli ist ausschließlich deutscher Staatsbürger. Wenn der Arm von Erdogans Schergen jetzt schon bis in die EU reicht, kann sich auch in Deutschland bald niemand mehr sicher sein, der sich kritisch über die Zustände in der Türkei äußert“, sagte sie dieser Zeitung.

„Der eigentliche Skandal an der Verhaftung von Dogan Akhanli ist, dass Interpol scheinbar ungeprüft Menschen verhaften lässt, die die Türkei international zur Fahndung ausgibt“, sagte der Kölner Publizist Günter Wallraff: „So wird einer internationale Polizeibehörde zum langen Arm Erdogans."

„Wie weit wollen wir Erdogan noch kommen lassen“

Es sei schon ein Skandal, wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Türkei unschuldige Menschenrechtsaktivisten und Journalisten verhaften lasse, sagte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. „Wenn er dies nun auch außerhalb des Territoriums der Türkei versucht, müssen wir uns als Europäer dem entschlossen entgegenstellen und sagen: So nicht!“

Grünen-Chef Cem Özdemir forderte, die polizeiliche Zusammenarbeit der EU mit der Türkei neu zu bewerten. „Gegner des türkischen Regimes dürfen in Europa künftig nicht ungeprüft als Kriminelle verhaftet werden“, sagte er dem „Tagesspiegel“. „Wie weit wollen wir Erdogan in Europa noch kommen lassen?“, fragte Linke-Chefin Katja Kipping.

In einer Pressemitteilung vom Samstag fordert zudem der deutsche Schriftstellerverband PEN (Poets, Essayists, Novelists) die sofortige Freilassung von Akhanli: „Wir protestieren gegen die Verhaftung unseres Mitglieds Dogan Akhanli auf Betreiben der Türkei und appellieren an die spanischen Behörden, sich nicht zum Handlanger Erdogans zu machen. Unser Kollege darf keinesfalls an die Türkei ausgeliefert werden, sondern muss umgehend freigelassen werden.“ (dpa, afp, red)