Köln - Hohe Wahlbeteiligung und eine knappe Zustimmung in der Türkei, eher geringe Wahlbeteiligung und ein deutliches Ja in Deutschland: Die Türken hierzulande haben der Verfassungsreform von Präsident Recep Tayyip Erdogan mit 63,1 Prozent zugestimmt - allerdings gaben laut Medienberichten weniger als 46 Prozent ihre Stimme ab. Insgesamt votierten beim Referendum rund 51 Prozent für Erdogans Pläne - bei einer Beteiligung von 85 Prozent.

Warum findet Erdogan mehr Unterstützung bei den türkischen Wählern in Deutschland als in der Türkei?

Viele Türken in der Bundesrepublik informieren sich vor allem über türkische Medien, die mehrheitlich regierungsnah sind. Erdogans islamisch-konservative AKP wird zudem hierzulande von der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) unterstützt, die als gut organisierter Verband gilt. Aber auch die türkische Zuwanderungsgeschichte könnte eine Rolle spielen: Die ersten Gastarbeiter kamen aus zumeist ländlichen und damit eher konservativen Regionen in die Bundesrepublik.

Wann begann die Zuwanderung türkischer Staatsbürger nach Deutschland?

Mit der Unterzeichnung des Abkommens über die Anwerbung türkischer Arbeiter am 30. Oktober 1961 im heutigen Bonner Stadtteil Bad Godesberg. Zwischen 1961 und 1973 bewarben sich 2,7 Millionen Menschen in der Türkei um einen Arbeitsplatz in der Bundesrepublik, doch nur rund 750.000 kamen tatsächlich hierher.

Wie wurden die türkischen Arbeitskräfte damals ausgewählt?

Anfangs von einer Außenstelle, die das deutsche Arbeitsamt eigens in Istanbul eröffnet hatte. Spätestens mit dem verstärkten Nachzug von Familienangehörigen aus der Türkei in den 70er Jahren wurden die türkischen Gastarbeiter schließlich zu Einwanderern.

Wo in Deutschland leben heute die meisten türkischstämmigen Menschen?

Von den knapp drei Millionen Türkischstämmigen lebte zum Jahresende 2015 jeder Dritte in Nordrhein-Westfalen. Viele Menschen aus der Türkei oder mit türkischen Wurzeln zählen die Statistiker zudem in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Berlin.

Waren sämtliche drei Millionen Türkischstämmige bei dem Referendum wahlberechtigt?

Nein, Voraussetzung ist die türkische Staatsbürgerschaft. Gut anderthalb Millionen der hier lebenden Türken sind türkische Staatsbürger, 1,4 Millionen von ihnen sind im stimmfähigen Alter und durften abstimmen. Die türkischen Staatsangehörigen bilden übrigens die größte Gruppe unter den in Deutschland lebenden Ausländern. Mit deutlichem Abstand folgen Polen und Italiener.

Seit wann dürfen sich Türken in Deutschland an Wahlen in ihrer Heimat beteiligen?

Seit der Präsidentschaftswahl im August 2014 können die Türken im Ausland ihre Stimme in Konsulaten abgeben. Zuvor hatten sie nur innerhalb der Grenzen der Türkei abstimmen dürfen.

Wie hoch war die Wahlbeteiligung bei früheren Urnengängen?

Bei der jüngsten Parlamentswahl in der Türkei im November 2015 machten rund 41 Prozent der Türken in Deutschland von ihrem Stimmrecht Gebrauch - damals lag die Wahlbeteiligung also noch unter derjenigen beim Verfassungsreferendum vom Sonntag. Bei der damaligen Parlamentswahl kam die AKP in Deutschland auf 59,7 Prozent der Stimmen, während sie in der Türkei 49,5 Prozent erhielt. (afp)