Nikosia - Angela Merkel wurde in türkischen Medien schon mit Hakenkreuz und Hitlerbärtchen abgebildet, aber noch nie lief in der weitgehend gleichgeschalteten Presse eine so massive Kampagne gegen sie und ihre Regierung wie dieser Tage: Sie sei ein „Feind der Türkei“, eine „Terrorpatin“. Das regierungsnahe Kampfblatt „Aksam“ beschuldigte Merkel, eine „globale Achse des Bösen“ gegen die Türkei anzuführen.

Nachdem der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seine medialen Kettenhunde von der Leine gelassen hatte, griff er am Freitag vor Parteifreunden an der Ägäis selbst zum Mikrofon und erklärte „seinen“ Landsleuten in Deutschland, wie sie zu wählen hätten – auf keinen Fall CDU, SPD und Grüne, denn die seien „Feinde der Türkei“ – was er am Sonnabend noch einmal wiederholte.

Als Außenminister Sigmar Gabriel sich gegen den „bislang einmaligen Akt des Eingriffs in die Souveränität unseres Landes“ verwahrte, erwiderte Erdogan: „Wer bist du, dass du mit dem Präsidenten der Türkei redest? Wie lange bist du in der Politik? Wie alt bist du?“ Es ist der Jargon des Chefs zum Untergebenen, wie er ihn gegenüber türkischen Politikern pflegt. Es ist aber auch die polarisierende Sprache, in die er verfällt, wenn er im Wahlkampfmodus ist.

Deutschlands Weigerung, Opositionelle auszuliefern reizt Erdogan

Doch es ist kein Wahlkampf in der Türkei. Es muss andere Gründe haben, warum Erdogan und seine islamisch-konservative AKP so gegen alle diplomatischen Gepflogenheiten auftreten. Ein wichtiger Grund ist die angebliche Weigerung Deutschlands, Putschisten und Terrorverdächtige auszuliefern. Unter anderem kritisiert Ankara, dass türkische Offiziere, die am Putschversuch vom Juli 2016 beteiligt gewesen sein sollen, in Deutschland Asyl bekamen.

Da die Bundesrepublik mit mehr als drei Millionen das Land mit den meisten Migranten aus der Türkei weltweit ist, wundert es nicht, dass Oppositionelle sie zum Zentrum ihres Exils erkoren haben – was sie für die türkische Regierung und ihre Medien zur „Terrorzentrale“ macht und die Regierung in Berlin zum „Feind der Türkei“.

Trotzdem irritiert die Schärfe, mit der Erdogan derzeit die Bundesregierung attackiert. „Er sieht hier eine Möglichkeit zur rhetorischen Zuspitzung für das heimische Publikum“, vermutet Hans-Georg Fleck, Büroleiter der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Istanbul. „Vor allem aber geht es um die Zollunion der Türkei mit der EU, deren Erweiterung Merkel kürzlich abgelehnt hat. Das hat Erdogan geärgert, weil die türkische Wirtschaft die Zollunion braucht, auch wenn es ihr angeblich so gut geht.“ Die Wirtschaft ist Erdogans Achillesferse – er wird gewählt, solange er für Stabilität und Aufschwung sorgt. Geht es bergab, hat er Probleme.

Bundeskanzlerin gegen eine Vertiefung der Zollunion

Die Bundeskanzlerin hatte sich am Mittwoch im Interview klar gegen eine Vertiefung der Zollunion ausgesprochen. Auch Beitrittshilfen gebe es nur da, „wo wir genau wissen, wo das Geld ankommt“, sagte sie. Ankara hat aber erhebliches Interesse daran, die seit 1996 mit ihrem wichtigsten Handelspartner EU bestehende Zollunion auszubauen. Vielleicht wollte Merkel mit ihren Worten gar keine Tatsachen schaffen. Doch einmal in der Welt, beweisen die Reaktionen in der Türkei, dass sie einen Nerv traf.

Während der türkische EU-Minister Ömer Celik ihre Äußerungen zunächst nur als „unglücklich“ bezeichnete und erklärte, die EU dürfe sich von Deutschland keine Vorschriften machen lassen, sagte Präsidentensprecher Ibrahim Kalin nun, es sei inakzeptabel, wenn Merkel die Wirtschaft als „Werkzeug für Erpressung in der Politik“ benutze. Die Sorge der Regierung ist mit Händen zu greifen.

Das mögliche Scheitern der erweiterten Zollunion war denn auch das eigentliche Top-Thema dieser Tage. Sie erklärt Erdogans Wut auf die Deutschen. Dass er damit aber bereits eine neue Wahlkampfrunde einleite und Neuwahlen vor dem festgelegten Termin Ende 2019 ansteuere, glaubt der Istanbuler Friedrich-Naumann-Stiftungs-Leiter Fleck nicht. „Er ist gerade dabei, seine Partei neu zu organisieren. Das braucht Zeit.“