Türkei-Reisen: Es gibt ein unkalkulierbares Rest-Risiko

Der Dolmetscher war schuld. Das glauben die Teilnehmer eines Menschenrechtler-Treffens auf der Insel Büyükada im Marmarameer vor Istanbul, seit Anti-Terror-Polizisten sie vor einem Monat festnahmen – unter den Verhafteten auch der Berliner IT-Spezialist Peter Steudtner, der gar nicht wusste, wie ihm geschah, da er nie zuvor mit der Türkei zu tun gehabt hatte. Dem Dolmetscher kam es offenbar seltsam vor, dass sich Türken mit Ausländern trafen und über Sicherheitsmaßnahmen sprachen. Er alarmierte die Polizei.

Der Fall Steudtner gibt Außenminister Sigmar Gabriel recht, der über Reisen in die Türkei vergangene Woche sagte: „Man kann das nicht mit gutem Gewissen machen zurzeit“ – und damit große Aufregung im In- und Ausland hervorrief.

Zwar stellte das Auswärtige Amt klar, dass eine offizielle Reisewarnung wegen der autoritären Politik von Staatschef Recep Tayyip Erdogan nicht geplant sei. Aber Gabriel hat trotzdem eine berechtigte Frage aufgeworfen: Wie gefährlich ist es, derzeit in die Türkei zu fahren?

Das Auswärtige Amt gibt auf seiner Internetseite den Hinweis, dass man sich gut informieren und entsprechend verhalten möge. Es weist  auf die Gefahr hin, dass Privatreisende in der Türkei „ohne Angabe genauer Gründe“ abgewiesen oder festgesetzt werden können. Nach Regierungsangaben sitzen  54 Deutsche in türkischen Gefängnissen, zehn aus politischen Gründen.

Denunzianten überall

Am stärksten gefährdet sind zweifellos Deutsch-Türken. Es häufen sich Fälle, in denen sie nicht in die Türkei einreisen konnten. „Bedroht sind vor allem Leute aus der deutsch-türkischen und deutsch-kurdischen Community, die sich gegen das Erdogan-Regime engagiert oder besonders exponiert haben“, sagt Hans-Georg Fleck, Büroleiter der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Istanbul.

Auch eine spezielle Berufsgruppe ist stark gefährdet: deutsche Journalisten. Neben mehr als 170 türkischen Medienschaffenden sitzen bereits drei ausländische Reporter in türkischen Gefängnissen, darunter mit fadenscheinigen Vorwürfen die deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel und Mesale Tolu.

Für Geschäftsreisende ist das Risiko geringer, doch zeigt die Erfahrung von Büyükada, dass jedes Arbeitstreffen unkalkulierbare Gefahren birgt in einer Gesellschaft, in der das Denunziantentum blüht. „Selbst für jemanden ohne deutsch-türkische oder deutsch-kurdische Wurzeln besteht ein Restrisiko, weil die Justiz willkürlich entscheidet“, sagt Hans-Georg Fleck.

Auch für Touristen? Nach erheblichen Einbußen von rund 25 Prozent seit dem letzten Jahr haben die Last-Minute-Buchungen aus Deutschland zuletzt wieder angezogen. In den All-inclusive-Resorts fühlen sich die Urlauber sicher. „Lieschen Müller aus Gelsenkirchen wird nichts passieren, solange sie im geschützten Raum ihres Resorts bleibt“, sagt Hans-Georg Fleck.

Nun kann man sich fragen, was Leute dazu treibt, in einem Land Ferien zu machen, dessen Präsident mit Nazivorwürfen gegen Deutschland hetzt. Tatsächlich geben in Umfragen regelmäßig bis zu 90 Prozent der Befragten in Deutschland an, dass sie momentan nicht in die Türkei reisen würden. Laut Angaben von Reiseveranstaltern sind es  vor allem Deutsch-Türken, die derzeit Türkei-Reisen buchen, weil sie nie wieder so billig in die „Heimat“ kommen. Der Rückgang der Besucherzahlen im vergangenen Jahr war zudem wesentlich der Terrorfurcht nach zahlreichen schweren Anschlägen geschuldet – die es in diesem Jahr nicht mehr gab.

Das falsche T-Shirt

Erdogan-Anhänger verweisen gern darauf, dass Pauschaltouristen praktisch nie ins Visier der türkischen Behörden geraten. Das trifft zu, doch bleibt auch für sie ein Restrisiko. Nachdem ein mutmaßlicher Putschist vor Gericht ein T-Shirt mit der Aufschrift „Hero“ (Held) trug, gilt das Tragen solcher Hemden als Staatsverbrechen. Mehr als 30 Personen wurden deshalb wegen „Terrorpropaganda“ festgenommen. Neuerdings werden auch Leute verhaftet, die Schals oder Hemden in den kurdischen Nationalfarben rot-gelb-grün tragen. Leider sind das auch die Farben der Rasta-Bewegung aus Jamaika, bei Touristen beliebt. „Wie sollen sie das wissen?“, fragt Hans-Georg Fleck.

Die Gefahr ist unkalkulierbar: Anfang August wurde der deutsche Rucksacktourist Jascha Schewtschenko am Istanbuler Atatürk-Flughafen drei Tage in eine Arrestzelle gesperrt und anschließend abgeschoben. Anlass war offenbar sein Airbnb-Vermieter, dem die Polizei bisher nicht bekannte Vorwürfe macht. Ebenso kafkaesk wirkt der Fall eines christlichen Jerusalem-Pilgers aus Schwerin, der seit fünf Monaten in einem türkischen Gefängnis sitzt, ohne zu wissen, was ihm vorgeworfen wird.

Der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu sagte  auf die Frage, ob man in seinem Land wegen des falschen T-Shirts verhaftet werden könne: „Leider muss ich feststellen, dass ein solches Klima wirklich existiert. Ich sage seit langem, dass es in der Türkei derzeit für niemanden eine Sicherheitsgarantie gibt, weder für Leib und Leben noch fürs Eigentum.“