Die Gesichter der Berliner Deutschtürken verfinstern sich bei der Frage, was sie vom Ergebnis des Verfassungsreferendums halten. Acht, neun, zehn Händlerinnen und Händler auf dem Markt am Kreuzberger Maybachufer schütteln den Kopf, sie möchten nicht über das Thema sprechen. Oder nicht mehr? Auch Cafer, der auf dem Markt Saft verkauft, zögert, dann erzählt er doch. Seit 24 Jahren lebt er in Deutschland und hat mit Nein gestimmt. „Ich wollte keinen Diktator“, sagt er, „aber viele Wähler werden glücklich sein. Was Erdogan sagt, ist Gesetz, er regiert jetzt wie ein König.“

Protest? Patriotismus? Wie kommt es, dass die Unterstützung für Erdogan unter Deutschtürken offenbar größer ist als in der Türkei selbst? Die Bundestagskandidatin der Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg, Canan Bayram, glaubt nicht, dass die Befürworter der Verfassungsreform zugleich auch die deutsche Demokratie ablehnen. „Natürlich sollte man meinen, dass Menschen, die hier leben, auch in der Türkei den Rechtsstaat erhalten wollen“, sagte sie der Berliner Zeitung. „Aber für viele war das Hauptargument, dass sie sich um die Stabilität der Türkei sorgen. Und die AKP ist für sie der Garant dafür.“ In der Türkei gebe es eine sehr konkrete Angst vor Terroranschlägen aus den verschiedensten Lagern und vor dem Krieg in den Nachbarländern. Nach ihrer Beobachtung seien viele Türken in Berlin beim Referendum ihren Verwandten in der Türkei gefolgt. Entscheidend für das Zusammenleben in Deutschland sei, dass die innertürkischen Konflikte nicht hier ausgetragen würden.

„Wir müssen uns selbstkritisch hinterfragen“

Vitali Geier sammelt am Rande des türkischen Marktes Unterschriften für eine Initiative zur Kennzeichnung von Lebensmitteln. „Mega-wichtig“ findet er das Thema Präsidialreform auch hierzulande: „Die Türkei wird jetzt vermutlich mehr in die Kritik der Europäischen Union geraten, und dadurch werden noch mehr Spannungen entstehen.“ Ähnliches befürchten auch die Marktbesucher Brigitte und Werner Lafos, die aus Köln zu Besuch sind. „Es hat mich schon geschockt, wie viele Stimmen Erdogan aus Deutschland bekommen hat“, sagt Brigitte Lafos. Ihr Mann erinnert sich an die Wahlveranstaltungen in ihrer Heimatstadt. „Auf der einen Seite hätten die nicht stattfinden dürfen, auf der anderen Seite hat das spätere Verbot Erdogan vermutlich auch genützt“, sagt Werner Lafos.

In einem Gardinengeschäft neben dem Markt schneidet Ayhan Y. Stoffbahnen. Er ist in Kreuzberg geboren und hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Der 42-Jährige hat mit Ja gestimmt und hat auch eine Erklärung für die vielen Ja-Stimmen aus Deutschland: „Wir waren in der Türkei die Deutschtürken und in Deutschland die Kanaken. Aber Erdogan hat von Anfang an gesagt: Ihr gehört zu uns.“ Auch für den integrationspolitischen Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, Burkard Dregger, offenbart das Abstimmungsverhalten der Deutschtürken Schwächen in der deutschen Integrationspolitik. „Erdogan hat es vermocht, vielen Deutschtürken eine Identität zu geben – besser als unser demokratischer Rechtsstaat“, sagte er der Berliner Zeitung. 

„Wir müssen uns selbstkritisch fragen, woran das liegt.“ Aus seiner Sicht, erklärte Dregger, müsse die deutsche Gesellschaft selbstbewusster auftreten. „Wir gehen zu defensiv mit unserer Identität um. Die deutsche Staatsangehörigkeit bedeutet mehr als einen Pass zu haben, der viele Reisemöglichkeiten eröffnet.“ Deutschland sei eine Werte- und Kulturgemeinschaft, und es sei ohne Anstrengungen nicht möglich, zu ihr zu gehören. Dregger erneuerte auch die Kritik an der doppelten Staatsangehörigkeit: „Wir haben am Sonntag gesehen, dass sie eben doch zu Loyalitätskonflikten führen kann.“