Viele Italiener musizieren von ihren Fenstern aus gegen den Quarantäne-Koller an.
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RomEs ist eine sehr erfinderische und irgendwie auch sehr italienische Art, mit der Corona-Ausgangssperre umzugehen: Seit Tagen verabredet man sich südlich der Alpen zwischen Como und Catanzaro an Fenstern und auf Balkonen, um gemeinsam zu musizieren, zu singen und zu tanzen. Manche spielen Harfe, andere schmettern Opernarien. Weniger musikalisch Begabte schlagen einfach Topfdeckel gegeneinander oder beschallen ihre Nachbarschaft über Lautsprecher mit Ohrwürmern wie Adriano Celentanos „Azzuro“, mit „Volare“ oder der Nationalhymne „Brüder Italiens“.

Unzählige Videos solcher Initiativen kursieren auf Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp, immer neue Online-Verabredungen werden getroffen. Die Italiener bleiben dabei ungewohnt brav und diszipliniert in der eigenen Wohnung, die Straßen sind menschenleer.

Seit fünf Tagen befinden sich die 60 Millionen Italiener in der Quarantäne und das wohl noch bis mindestens Anfang April. Das Haus verlassen dürfen sie nur mit einem „Autocertificazione“ genannten Formular, in dem sie versichern, entweder zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen zu gehen.

Gesungene Solidarität

Die Musik ist da ein Mittel, um sich in der erzwungenen Isolation die Zeit zu vertreiben, um Angst, Einsamkeit und Langeweile zu lindern, Gemeinschaftsgefühl und Solidarität zu schaffen. Vor allem ist sie ein Zeichen der Lebensfreude, eines „Trotz allem“.

In Italiens Hauptstadt schallt besonders häufig „Grazie Roma“ durch Straßen und Häuserblocks, eine höchst emotionale Hymne an die Ewige Stadt von Antonelli Venditti aus den 90er-Jahren. Im Text heißt es: „Sag mir, was es ist, das uns das Gefühl gibt, zusammen zu sein, auch wenn wir getrennt sind.“ Die Neapolitaner singen gern „Abbracciame“ – Umarme mich – des heimischen Musikers Andrea Sannino. Der veröffentlichte am Freitag auf Instagram die Videos mit dem Kommentar: „Das ist ein Tag, von dem ich noch meinen Kindern und Enkelkindern erzählen werde. Danke, dass ihr mich zum Weinen gebracht habt!“

Eine junge Mailänderin beklatscht Fenstermusiker.
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Internet als Gegenmittel Nummer eins

Auf die Idee zu den als „Flashmob sonoro“ (Klang-Flashmob) angekündigten Online-Verabredungen war die 18-köpfige römische Straßenband und Blechblas-Truppe Fanfaroma gekommen. Gleich ihrem allerersten Facebook-Aufruf, ganz Italien für ein paar Minuten in ein gigantisches, kostenloses Konzert zu verwandeln, waren 23.000 Nutzer gefolgt. Seitdem hat sich die Sache verselbstständigt.

Das Internet ist überhaupt das Gegenmittel Nummer eins, um einem Quarantäne-Koller vorzubeugen. Statt sich wie früher in der Trattoria zu treffen, verabreden sich die Italiener jetzt zur „cena digitale“, zum gemeinsamen Abendessen vor dem Computerbildschirm. Viele entdecken ihre kreative Ader und verbreiten lustige, selbstironische Filmchen und Collagen zu den Folgen der langen Zwangs-Bewegungspause.

Da ist dann zu sehen, wie aus einem muskulösen jungen Mann mit Waschbrettbauch ein schwabbeliger Fettkloß wird. Auf Instagram heißt es: „Tagebuch aus der Quarantäne: 5. Tag. In einer Packung sind genau 432 Spaghetti.“ Ein Foto zeigt einen Mann, der Betonmischer, Betonsäcke und Kelle auf den Wohnzimmertisch gepackt hat: „Wenn sie dir sagen: Nimm deine Arbeit mit nach Hause“, heißt es lakonisch dazu.

Diese Römerin musiziert mit Topfdeckeln auf ihrem Balkon.
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Applaus für Ärzte und Pfleger

Doch nicht nur Blödsinn macht die Runde. Am Sonnabend verabredete sich mittags die ganze Nation zu einem millionenfachen Applaus, um den Ärzten und Pflegern zu danken, die in den völlig überlasteten Krankenhäusern an der Corona-Front im Einsatz sind. Wenige Stunden später taten das auch die Spanier, die jetzt ebenfalls zu Hause bleiben müssen.

Italien wachse gerade einmal wieder über sich selbst hinaus, finden die Italiener. Wie so oft schon zeige sich, dass das Land, das sonst so zerstritten und chaotisch ist und wo so vieles nicht funktioniert, in Krisenzeiten zusammensteht. Nicht nur italienische Flaggen werden demonstrativ vor die Fenster gehängt. „Andrá tutto bene“ – es wird alles gut gehen – schreiben die Leute auf Bettlaken und bemalen sie als Transparente mit bunten Regenbogen. Es ist angesichts der bedrohlichen Lage im nach China am schwersten von der Pandemie getroffenen Italien zugleich Ermutigung und Beschwörungsformel.

Keine Klagen

Klagen über den totalen „Shutdown“, den Regierungschef Giuseppe Conte am Mittwochabend verhängt hatte, sind so gut wie keine zu vernehmen. Einer Umfrage der Zeitung Corriere della Sera zufolge halten 62 Prozent der Italiener die Maßnahmen für richtig. Und 25 Prozent sind sogar der Ansicht, man müsse noch viel drastischer gegen das bedrohliche Virus vorgehen.