Berlin - Es sollte der erste Höhepunkt im Wettkampf ums Kanzleramt werden, vor allem Herausforderer Martin Schulz hatte sogar auf einen Wendepunkt gehofft. Doch obwohl der SPD-Chef im ersten und einzigen direkten TV-Duell mit Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) souverän und kompetent auftritt – die Kanzlerin kann oft genug kontern. Doch vor allem: inhaltliche Akzente bleiben aus. Unentschiedene Wähler dürfte keiner der beiden Kandidaten damit überzeugt haben.

Blitzumfragen sehen Merkel vorne

Tatsächlich sieht in den Blitzumfragen nach dem Fernsehduell, das von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 übertragen wurde, die Mehrheit der Befragten keinen klaren Sieger – viele fanden auch Merkel überzeugender. Allerdings hat Schulz demnach doch die zuvor eher geringen Erwartungen an ihn deutlich übertroffen – und es mit einem engagierten Auftritt womöglich geschafft, drei Wochen vor der Wahl noch einmal in die Offensive zu kommen.

Allerdings kreist das Gespräch, das von gleich vier Moderatoren geführt wurde, fast ausschließlich um die bekannte Programmatik der beiden Parteien zu den ohnehin meistdiskutierten Themen.

"Alle roten Linien überschritten"

Schulz versucht immerhin erfolgreich, die Kanzlerin in ihrem ureigenen Thema in die Zwinge zu nehmen: der Außenpolitik. Wenn er Bundeskanzler sei, dann wolle er dafür eintreten, dass die Europäische Union die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sofort abbricht, prescht er vor. „Hier sind alle roten Linien überschritten“, sagt der SPD-Kanzlerkandidat.

Merkel reagiert später ebenso strikt und spricht von „klarer Kante“ gegen Präsident Erdogan – bleibt aber differenzierter: Die Frage der Beitrittsverhandlungen müsse ohnehin gemeinsam mit den anderen in der EU entschieden werden. Es gehe jetzt darum, Druck auf  Erdogan aufzubauen, aber gleichzeitig im Gespräch zu bleiben. Auch zum Wohl der deutschen Bürger, die gerade in der Türkei inhaftiert sind. Es könne jetzt nicht darum gehen, sich vor der Wahl einen Wettkampf zu liefern, wer die härtere Linie vertrete. Doch Martin Schulz insistiert: „Die Sprache, die Herr Erdogan versteht, ist die, die ich vorschlage.“

War soziale Gerechtigkeit das falsche Thema?

Der Schlagabtausch zieht sich, es geht hin und her. Und, siehe da, die Bundeskanzlerin sagt schließlich, sie könne ja doch noch mal mit den Kolleginnen und Kollegen in der EU darüber reden, ob man sich auf einen Abbruch der Verhandlungen verständigen könne.

Ob er mit sozialer Gerechtigkeit nicht auf das falsche Thema gesetzt habe, wird Schulz  gefragt. Es gehe dem Land doch ziemlich gut. Schulz bringt hier alle Punkte unter, die für ihn wichtig sind für die Wählermobilisierung – vom Versprechen sicherer Renten bis hin zu dem, er werde Frauen ein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit verschaffen. Merkel hingegen verzettelt sich dann doch in einer Debatte über die Rente mit 70, die einige in ihrer Partei fordern. Sie stellt klar, sie will das nicht. „Toll“, befindet Schulz. Und erinnert daran, sie habe im letzten TV-Duell auch gesagt, die Pkw-Maut komme nicht.

Kandidat lächelt, Kanzlerin müde

Die Körpersprache in diesem Duell spricht in vielen Minuten für sich. Der Kanzlerkandidat lächelt viel, die Bundeskanzlerin blickt häufig mit verhärmten Mundwinkeln drein, als sei sie gerade Zeugin von etwas, was ihr nicht so recht gefalle. Und wo sie lieber nicht dabei wäre. Es ist hoch erstaunlich, dass es so läuft. Denn die Ausgangssituation für Schulz vor dem Duell war ja  geradezu jämmerlich.

In der Kandidatenfrage liegt er vor dem Duell scheinbar uneinholbar weit hinten. Und auch der Abstand zwischen Union und SPD ist in den Wochen vor dem Duell wie zementiert. 15 Prozent und mehr liegen die Sozialdemokraten bei der Sonntagsfrage zurück.

Die starren Regeln des TV-Duells

Und auch aus anderen Gründen schien die Sache wenig aussichtsreich. So hat Merkel nicht nur erfolgreich darauf beharrt, dass es nur ein Duell geben soll. Ihre Vertreter haben in den Verhandlungen über die Regeln des Events vorher auch ein eher starres Format durchgedrückt. SPD-Fraktionschef Oppermann spottet gar, Merkel und ihrem Sprecher Steffen Seibert wäre es am liebsten gewesen, „wenn das Duell die Form des wöchentlichen Video-Podcasts von Angela Merkel annehmen würde“. Das ist ihr wahrlich nicht gelungen.

Mit seinem Auftreten konnte Schulz vielleicht  die Scharte auswetzen, dass die SPD dagegen den Sieger gern schon vorher festgelegt hätte. „TV-Duell: Merkel verliert klar gegen Martin Schulz – spd.de“ war in einer Google-Anzeige zu lesen, die in der Nacht zum Sonntag bis etwa sieben Uhr morgens freigeschaltet war.

Satzgirlanden im Schlusswort

Eine Panne des Dienstleisters, wie die SPD erklärte. „Fake PR“, wie der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) auf Twitter spottete.

Beim Schlusswort an diesem Sonntag allerdings kommt Schulz nicht ganz so gut zurecht. Ihm fehlt hier die Kürze, die Prägnanz  „Sie kennen mich“, das war vor vier Jahren Merkels entscheidender Satz, mit dem sie das Vertrauen der Wähler gewann.

Und diesmal? „Sie kennen mich immer noch“, kann Merkel ja schlecht sagen. So verliert auch sie sich in zu langen Satzgirlanden.

Ein weiteres Duell wird es nicht geben – obwohl Peter Kloeppel aus dem Moderatorenteam zum Schluss einwirft, man habe selbstverständlich auch nächsten Sonntag Zeit.