Neue Regeln für Twitter.
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BerlinIn der vergangenen Woche gab Twitter bekannt, dass ab sofort neue Regeln gelten. Die erste Neuerung: Accounts von staatsnahen, in der Regel vom Staat finanzierten Medien werden künftig als solche gekennzeichnet und vom Algorithmus mit weniger Reichweite bedacht. Beispiele sind hier die Zeitungen Russia Today und China Daily. Noch spannender ist aber die zweite Veränderung: Wer eine Kurznachricht verbreitet, hat jetzt die Möglichkeit, die Auswahl der Personen, die darauf antworten können, selbst zu bestimmen. Es gibt drei Wahlmöglichkeiten. Erstens: Die gesamte Netzgemeinde darf wie bisher darauf reagieren. Zweitens: Nur die Personen, die einem folgen, haben das Recht, sich zu äußern. Drittens: Nur wer namentlich in der Nachricht erwähnt wurde, erhält die Erlaubnis, einen Kommentar zu verfassen. „Diese Einstellungen sorgen dafür, dass unerwünschte Reaktionen gehaltvolle Unterhaltungen nicht stören“, schrieb Suzanne Xie, Twitters Produktmanagerin in einem Blogpost des Unternehmens.

Aber ist das wirklich so? Zwei Autoren, zwei unterschiedliche Meinungen.

Pro: Warum die Änderungen notwendig sind

Der größte Moment in der Geschichte von Twitter war bisher der 15. Januar 2009: Damals gelang dem Piloten Chesley B. Sullenberger die spektakuläre Landung des Airbus 320 auf dem Hudson River in New York. Twitter war live dabei. Nicht die klassischen Medien berichteten zuerst über die Weltsensation, Augenzeugen nutzten den Kurznachrichtendienst, um die Welt per Internet zu informieren.

Barack Obama entdeckte schon 2011 die Kommunikationsmöglichkeiten von Twitter, an seiner Seite Jack Dorsey, Twitter-Mitbegründer.

Damit war klar: Ein guter Tweet, Gezwitscher auf Deutsch, genügt, um eine Nachricht innerhalb von Sekunden zu verbreiten. Twitter wurde als Nachrichtenmedium entdeckt – und bestand die Prüfung: Die Nachricht, dass da ein Flugzeug auf dem Hudson River schwimmt, war nicht erfunden.

 

Viele Millionen Tweets später geht es bei Twitter nicht mehr nur um die Verbreitung einer Nachricht, sondern vor allem um die Deutungshoheit und das besonders laute Verbreiten seiner Meinung im Netz. Manipulationsversuche kommen hinzu. Inzwischen weiß kein Mensch mehr, was er in den sozialen Medien noch glauben kann. Es ist also nur gut, dass Twitter Ordnung in das Chaos bringen will. Jeder Nutzer kann ab jetzt selbst entscheiden, wer auf seinen Tweet antworten darf. Es ist also technisch möglich, die Übeltäter und Verbreiter von Verschwörungstheorien und Falschnachrichten aus seiner Kommunikationswelt auszuschließen, auch Provokateure und Trolle haben dann keine Chance.

Ruft da jemand Filterblase? Meine Antwort: Meinungsvielfalt ist noch immer möglich. Engagierte Demokraten werden faire Argumentationen und kluge Gegenargumente immer aushalten und tief in ihrem Herzen genießen. Da ist das Netzwerk dann wie eine Kneipe vor Social Distancing: Wenn Freunde bei Wasser, Wein oder Bier schon heftig diskutiert haben und dann eine weitere Person dazukommt. Hält sich diese Person an die Regeln, hört in Ruhe zu oder kann die Diskussion durch eigene Beiträge sogar bereichern, dann nimmt man sie gerne in die Runde auf. Wenn nicht, bleibt der Kreis geschlossen. So wird das auch bei Twitter sein.

Und es kann nur entspannend für das Netzwerk sein, wenn Menschen, die wissentlich Schmähkritik, Hass und falsche Behauptungen verbreiten, in ihren Möglichkeiten eingeschränkt werden. So etwas dürften diese Menschen nicht einmal auf Flugblättern, sogar da gibt es Einschränkungen, die Justiz spricht von Verbreiterhaftung. Wem das trotzdem zu sehr nach Filterblase klingt, der hat weiterhin die Möglichkeit, seine Beiträge von seinen Followern oder der gesamten Netzgemeinde kommentieren zu lassen. Es ist durchaus ehrenwert, sich auf Diskussionen einzulassen und zu versuchen, die Verbreiter von Hetze, Hass und Falschnachrichten umzustimmen. Aber nicht jeder hat die Nerven und die Zeit dazu, sich im Netz gegen Krawallmacher zu behaupten.

Und es gibt noch eine zweite Änderung: Accounts von staatsnahen, staatlich finanzierten Medien sollen künftig gekennzeichnet und mit weniger Reichweite bedacht werden. Auch das ist eine richtige Entscheidung im Sinne der Transparenz im Netz. Denn geschickte Stimmungsmacher und führende Politiker haben früh die Macht und die Möglichkeiten von Twitter entdeckt. In den USA war das lange vor Donald Trump schon Barack Obama. Er lud bereits 2011 zu einer Twitter-Fragestunde ein, an seiner Seite damals Twitter-Mitgründer Jack Dorsey. Heute undenkbar. Und das ist auch gut. Eine Plattform wie Twitter, die Nachrichten verbreitet, sollte unabhängig sein.

Um es deutlich zu sagen: Es wäre ein lohnendes Ziel, wenn Twitter es schaffen würde, eine weltweite Plattform für aufrichtige Demokraten zu werden. Deshalb sind die Maßnahmen richtig, aber noch nicht ausreichend. Das liegt auch an den Algorithmen, die noch eine Menge lernen müssen, um Beiträge qualifiziert einschätzen zu können. Noch geht es in den Programmen darum, Einträge zu finden und zu unterstützen, die für Reichweite und Aufmerksamkeit sorgen, dabei sind Intelligenz und Klugheit nicht wichtig. So heißt es jedenfalls, denn die Algorithmen werden von dem Unternehmen nicht offengelegt. Es gibt noch eine Menge zu tun. Jörg Hunke

Contra: Immer stärker nur noch Echokammer

Twitter war als Marktplatz gedacht, auf dem sich jeder rumtreiben, äußern, andere Meinungen supporten kann. Als Austauschort für schnelle, verkürzte Informationen und Meinungen. Eine basisdemokratische Diskurs-Plattform – die das Potenzial hat, im Netz Akteure zu Themen zusammenzubringen, die im realen Leben nie zusammenfinden, nie Argumente tauschen würden. Gerade wegen dieser schnellen Vernetzung, dem unmittelbaren Austausch, ist Twitter nach wie vor die Plattform Nummer eins für Journalisten und Politiker – und hat so erheblichen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs.

Doch Twitter verabschiedet sich – wie viele Social-Media-Plattformen – zunehmend von dem Grundgedanken, „Diskurs für alle“ zu ermöglichen. Jüngstes, bei weitem nicht einziges Beispiel ist die Funktion, die es Nutzern erlaubt, ihre Meinung für alle anderen Twitternutzer lesbar zu posten – aber nur jenen zu erlauben, sie zu kommentieren, die ohnehin Fans von ihnen sind oder die sie selbst als Kommentatoren vorschlagen. Auf dem Marktplatz kann man jetzt also Menschen Vorträge halten – und ihnen zugleich den Mund verbieten. Rede ohne Gegenrede. Wie bequem.

Vielleicht verständlich bei eher privaten Nachrichten, wie sie die Autorin Margarethe Stokowski teilt: „Heute leider wieder keine Kolumne weil krank.“ Kaum nachzuvollziehen bei strittigen Meinungen wie die der Nutzerin Raketenrauschen: „Ich möchte die Polizei übrigens unter Generalverdacht stellen“, schreibt sie, in Bezug auf die Diskussion um Rassismus unter Polizeibeamten. „Eine Institution, die auf Korpsgeist aufbaut und die Machtverhältnisse des Staates durch Gewalt erhält, muss grundsätzlich hinterfragt werden.“

Eine legitime, diskussionswürdige Meinung – wie aber soll sie diskutiert werden, wenn nur jene antworten dürfen, die Raketenrauschen ohnehin folgen, ihrer Meinung also tendenziell zustimmen? Den vorläufigen, selbstironischen Höhepunkt der Antwort-Verweigerer lieferte Jan Böhmermann mit dem Exklusions-Tweet: „Wer cool ist, kann hier einen Reply drunter setzen.“ Filterbubble heißt das Problem, das die sozialen Medien mit den neuen Einstellungen weiter verstärken. Es ist nicht neu, die Blase entsteht, gerade in den sozialen Netzwerken, automatisch: Die Algorithmen der Plattformen orientieren sich stark daran, welche Inhalte der Nutzer in der Vergangenheit geliked und geteilt hat, welchen anderen Nutzern er folgt. Automatisch bieten sie ihm Meinungen an, die seinem Standpunkt, seiner Sicht auf die Welt eher entsprechen, statt ihn mit konträren Inhalten zu konfrontieren.

In den vergangenen Jahren hat Twitter zahlreiche andere Funktionen eingeführt, die diesen Effekt verstärken: Nutzer können andere, ihnen unliebsame Nutzer blockieren – die können dann Tweets dieser Person weder sehen noch ihr folgen oder Kontakt zu ihr aufnehmen. Eine Funktion, die auch Pressestellen von Polizeibehörden auf Twitter verwendeten, um kritische Bürgerstimmen auszuschalten. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages rügte 2018: Das darf nicht sein, die Möglichkeit zur Information werde so beschnitten. Die vermeintlich kleinen, zum Schutz des Einzelnen eingeführten Funktionen haben oft große gesellschaftliche Nebenwirkungen.

Der Antrieb der sozialen Netzwerke ist primär der Kampf gegen psychische Gewalt, Hass, Hetze und Fake News auf ihren Plattformen. Diese Probleme sind real, sie sind groß und zwingend ernst zu nehmen. Doch die Einschränkungen, die die Maßnahmen der sozialen Medien für die Meinungsfreiheit bedeuten – sie werden jetzt kaum noch diskutiert. Gegen das staatlich verordnete Netzwerk-Durchsetzungsgesetz (Netz-DG) hat ein Teil der Twitter-Gemeinde 2018/2019 noch lautstark protestiert. Die freiwillige langsame Veränderung der sozialen Netzwerke hin zu sozialen Seifenblasenmaschinen hingegen verläuft jetzt recht geräuschlos. Das muss sich ändern, Reflexion und Protest müssen wieder einsetzen. Oder zumindest sollte endlich konsequent das Eingeständnis getroffen werden: Twitter ist kein Marktplatz mehr, sondern immer öfter nur noch Echokammer. Annika Leister