Als Kandidat war er unberechenbar, als designierter Präsident ist er es auch: Donald Trump hat jetzt völlig überraschend Zweifel an der Rechtmäßigkeit der US-Wahl angekündigt. Der Immobilienmilliardär behauptet, dass Millionen von Menschen illegal Stimmen für seine unterlegene Konkurrentin Hillary Clinton abgegeben haben. Beweise für seine These legt Trump jedoch nicht vor. Mysteriös sind auch seine Motive. Wahlforscher sind fassungslos. „Noch nie hat ein Gewinner der Wahl die Legitimität des Verfahrens angezweifelt, das ihn ins Weiße Haus bringt“, so Professor Timothy Naftali von der Universität New York.

Ein Grund für Trumps Verärgerung dürften die Bemühungen sein, die Stimmen in drei Bundesstaaten noch einmal auszählen zu lassen, in denen der Populist knapp gewonnen hat. Es handelt sich dabei um Wisconsin, Pennsylvania und Michigan. In Wisconsin sollen Wahlautomaten eingesetzt worden sein, die für Angriffe von Hackern anfällig sind.

Clinton-Lager unterstützt Neuauszählung

Das Clinton-Lager erklärte, es unterstütze die Neuauszählung. In den drei Bundesstaaten hat Trump insgesamt 107 000 Stimmen mehr als Clinton erhalten. Nur, wenn diese Stimmen nach einer Neuauszählung der Ex-Außenministerium zugesprochen würden, könnte Trump seine Mehrheit im Wahlmännergremium verlieren. Diese Gruppe aus Vertretern der einzelnen Bundesstaaten bestimmt am 19. Dezember den Nachfolger von Präsident Barack Obama offiziell. In den USA ist der Wahlausgang in den Bundesstaaten wichtiger als die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen. Nicht entscheidend ist, dass Hillary Clinton landesweit gesehen fast 2,5 Millionen Stimmen mehr als Trump erhalten hat.

Weder das Clinton-Lager selbst, noch Wahlforscher rechnen mit grundlegenden Veränderungen des Wahlergebnisses. Der Stimmenabstand, der Trump und Clinton trenne, sei deutlich höher als der größte Abstand, „der jemals durch eine Neuauszählung eingeholt wurde“, so ein Clinton-Anwalt. Diese Auffassung teilen Wahlexperten in den USA. Die Geschichte belege, dass flächendeckender Missbrauch nicht stattfinde, sagte David Becker, Chef eines Wahlforschungszentrums. Dieser Fall sei so unwahrscheinlich wie die Aussicht, „von einem Hai gefressen zu werden, der dabei gleichzeitig von einem Blitz getroffen wird“. 

„Ernsthafter Wahlbetrug“

Gleichwohl behauptete Trump in einer Twitter-Tirade, dass Millionen von Menschen illegal ihre Stimme abgegeben haben. Wenn das nicht geschehen wäre, so der Milliardär, dann hätte er auch die sogenannte Popular Vote gewonnen, also die Mehrheit der Stimmen auf das ganze Land bezogen. Vor allem in den Staaten Virginia, New Hampshire und Kalifornien, die Clinton für sich entschied, habe es „ernsthaften Wahlbetrug“ gegeben, twitterte Trump. Wie schon im Wahlkampf deutete er damit wieder an, dass Menschen, die sich illegal in den USA aufhalten, für die Konkurrentin von den Demokraten gestimmt hätten. Vom ultrarechten Spektrum wird seit Wochen im Internet verbreitet, dass es um bis zu drei Millionen Stimmen gehe. Forscher wie Rick Hansen nennen das eine Verschwörungstheorie und sagen, allenfalls ein paar Dutzend Nicht-Staatsbürger schafften es, ihre Stimme abzugeben.

Warum Trump als Wahlsieger nun plötzlich Wahlbetrug wittert, ist bislang völlig unklar geblieben. Möglicherweise empfindet es der Milliardär als Vertrauensbruch, dass Clinton, die noch in der Wahlnacht am Telefon ihre Niederlage eingestanden hat, nun die Neuauszählung unterstützt. Vielleicht ist die Twitter-Tirade auch nur der Versuch, von der chaotischen Regierungsbildung im Trump-Lager abzulenken.