DDR 1988 Vereidigung der NVA am Halleschen Hansering.
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In einer Sommerkolumne erwähnte ich meinen 18-monatigen Grundwehrdienst an der Westgrenze. Aus aktuellem Anlass sei nun ergänzt, dass Soldat Mielke am 26. August 1983 in eine andere, 30 Kilometer entfernte Kaserne kommandiert wurde. Im Zimmer des Politoffiziers erwartete mich ein untersetzter Mann, Mitte 40, Halbglatze, Nickelbrille, schwarze Lederjacke: „Ich bin Karl Klein und arbeite für das Ministerium für Staatssicherheit.“ Nein, bitte nicht. Unter uns Grenzern ging das Gerücht, dass auf jeder Stube einer von „der Firma“ sei. Kam die Rede darauf, sahen wir uns betreten an.

Der Mann sagte: „Sie wollen Journalistik studieren.“ Ja. „Gerade in der jungen Intelligenz versucht der Feind Fuß zu fassen.“ Hm. „Könnten Sie sich vorstellen, uns nach der Armeezeit zu unterstützen?“ Erst nach der Armee? Nicht jetzt? Weil, ich konnte mir einiges vorstellen – nur nicht, meine Kameraden zu bespitzeln. Ich war selten so erleichtert und sagte: Meinetwegen. Nach der Armee war ja noch ewig hin. Ich war 20 und wollte studieren.

Acht Monate später, am Tag vor der Entlassung, holte man mich ans Telefon. Ich hatte Karl Klein fast vergessen. So muss die Müllerstochter sich gefühlt haben, als das Rumpelstilzchen ihr Erstgeborenes forderte. In der Woche darauf saß ich, wie bestellt, mit ihm auf einer Bank am Alex. Wir redeten aneinander vorbei. Er fantasierte, wie ich in Leipzig konspirativ „Stimmungsberichte“ liefern würde. Ich zählte auf, was in der DDR falsch lief und warum ich nicht in die Partei wollte. Das war mehr Naivität denn Rebellion. Ich glaubte, die Stasi kenne die Missstände ohnehin und dringe nur nicht durch bis ins Politbüro. Klein war unzufrieden. Laut „Treffbericht“ wurde ich „beauftragt“, mir „eine Haltung“ zu meiner „politischen Perspektive zu erarbeiten“.

Kein Ruhmesblatt - mit einem raffinierteren Anwerber hätte es anders ausgehen können

Für unsere dritte Anbahnungsbegegnung am 28. Mai 1984 wurde mir eine erneut „nichtssagende Haltung“ attestiert. Noch unbefriedigender verlief die „Überprüfung der Einsatzbereitschaft“: Er verlangte von mir, beim FDJ-Pfingsttreffen Menschengruppen zu belauschen und „Provokateure aus Westberlin“ zu entlarven. Ich behauptete, für derlei ungeeignet und am Wochenende anderweitig verpflichtet zu sein. Das war’s. Lange fürchtete ich, er würde es noch einmal versuchen. Dabei war sein „Abschlussbericht“ längst fertig: Ich sei wegen meiner „teils ablehnenden politischen Haltung für eine Zusammenarbeit mit dem MfS nicht geeignet“.

Meine dürre Akte ist ein Persilschein. Sollte ich jemals versucht sein, sie als Ruhmesblatt zu betrachten, muss ich nur daran denken, wie es mit einem raffinierteren Anwerber hätte ausgehen können. Oder wenn sie den Druck erhöht hätten. Ich wollte studieren. Leuten, die sich heute ihrer unerschütterlichen Tugendhaftigkeit – egal, unter welchen Umständen – absolut gewiss sind, kann ich nur gratulieren. Ich halte mich eher für einen Davongekommenen. Sie ließen mich ja sogar trotzdem, ohne Partei und Stasi, warum auch immer, an die Karl-Marx-Universität. Dort erzählte ich die Geschichte im kleinen Kreis und garnierte sie mit dem Satz: „Dann werden sie wohl jemanden anders gefunden haben.“ Und wieder guckten wir uns betreten an. Karl Klein hieß übrigens Hauptmann Kessler. Er stellte eine Rechnung über „Treffkosten“ von drei Mark.