Die erste Wahl in der DDR, bei der alle Bürger wählen konnten, was sie wollten.
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BerlinGerade weil die Angelegenheit so ernst war, wollten wir cool sein. Es war ein ganz besonderer Tag: der 18. März 1990 – jener Sonntag, an dem die wichtigste Wahl in der Geschichte der DDR anstand. Es war die erste Wahl, bei der alle Bürger wählen konnten, was sie wollten. Erstmals seit 1950 traten in dieser Demokratischen Republik nun tatsächlich 24 Parteien oder Wahllisten gegeneinander an, und es musste nicht die von der Staatspartei SED angeführte Einheitsliste der „Nationalen Front“ abgenickt werden.

Früh wählen

Weil wir – zwei 23 Jahre alte Studenten – cool sein wollten, gingen wir erst recht spät zum Wahllokal. Das war durchaus eine Botschaft, denn üblicherweise wurde in der DDR sehr zeitig gewählt, von Staats wegen. Wer zum Beispiel bei der gefälschten Kommunalwahl im Mai 1989 nicht bis zwölf Uhr im Wahllokal erschienen war, bei dem klingelten schon bald Männer in Zivil und forderten mit bestimmtem Ton, nun doch bitte mitzukommen und zu wählen. Oder bei der Volkskammerwahl im Juni 1986. Da ließ bei der Armee unser Kommandeur alle Soldaten zeitiger wecken und auf den sonst heiligen Frühsport verzichten, damit wir schnell zur Wahlurne marschieren konnten. Sein Befehl lautete: Die Wahllokale im Rest der DDR öffnen um sieben Uhr, bis dahin haben wir gewählt und alle Stimmen ausgezählt.

Opposition war nicht vorgesehen

Deshalb gingen wir an jenem denkwürdigen 18. März erst kurz nach dem Mittagessen ganz entspannt wählen. Wir studierten seit Jahren in Berlin und wohnten dort in einem Wohnheim. Doch gewählt wird immer am Hauptwohnsitz, deshalb waren wir zu unseren Eltern nach Sachsen-Anhalt gefahren.

Wahlen in der DDR waren bis zu diesem Tag noch langweiliger als das Fernsehen. Denn in der Glotze gab es ab und an eine winzige Überraschung. Aber bei den Wahlen standen die Ergebnisse immer schon vorher fest. Eine Opposition war nicht vorgesehen.

Die DDR war beileibe keine klassische Ein-Parteien-Diktatur wie die Sowjetunion, denn es gab fünf Parteien. Zwar hatte die SED 1946 in der Sowjetischen Besatzungszone alle Landtagswahlen gewonnen, aber nicht mit der erhofften absoluten Mehrheit. Also ließ sie sich ihre „führende Rolle“ in die Verfassung schreiben und schuf die Einheitsliste der Nationalen Front, mit der SED an der Spitze. Das Parlament hatte 500 Sitze, die SED bekam immer 127. Die anderen gingen an die befreundeten Parteien des Demokratischen Blocks, also an die „Blockflöten-Parteien“ und an die von der SED gesteuerten Massenorganisationen. Die Wähler konnten nur die Liste wählen oder gar nicht.

Demokratisches Fieber

Und die Nationale Front bekam immer – wirklich immer – fast 100 Prozent. Der niedrigste Wert lag 1954 bei 99,46 Prozent, der höchste 1986 bei 99,94 Prozent. Doch bei der Wahl am 18. März 1990 war alles offen.

Gleich nachdem wir unser Wahllokal betreten hatten, traf es uns wie der Schlag: Zwar waren wir ordnungsgemäß in dieser Stadt polizeilich gemeldet, aber wir standen nicht in der Wahlliste. Niemand wusste, was schief gegangen war, aber wählen durften wir nicht. Leichte Panik brach in uns aus. Es könnte auch als mittelschweres demokratisches Fieber bezeichnet werden. Wir wollten wählen und durften nicht – kein guter Start in die Demokratie. Der Wahlleiter nahm die Sache wirklich ernst und telefonierte herum, sagte dann aber nur, er könne nichts machen, wir sollten es in Berlin versuchen.

Datum als willkommenes Symbol

Wir waren verzweifelt. Es waren hochpolitische Zeiten. Seit den Demos des Revolutionsherbstes 1989 und dem Fall der Mauer redeten fast alle nur noch über Politik. Die Wahl war als Finale der friedlichen Revolution gedacht. Die ursprüngliche Idee war sehr symbolisch: Die erste freie Wahl sollte am 6. Mai stattfinden, genau ein Jahr nach der von der SED gefälschten Kommunalwahl. Doch das Machtvakuum war so erdrückend, dass die Wahl vorgezogen wurde. Dass sie dann auf den Tag der Revolution von 1848 fiel, war ein wirklich willkommenes Symbol.

Davor tobte sieben Wochen lang der allererste Wahlkampf in der DDR, mit Plakaten und Reden auf Marktplätzen. Die Parteien hatten mit klarer Mehrheit beschlossen, dass es eine reine DDR-Wahl sein sollte und dass sie auf „Gastredner“ aus dem Westen verzichten. Doch es kam anders, ganz anders.

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Jede Stimme zählte

Es gab drei große inhaltliche Blöcke. Einerseits war da die PDS um Gregor Gysi mit ihrer finanziellen und organisatorischen Überlegenheit. Die vormalige SED wollte eine eigenständige DDR und einen demokratischen Sozialismus. Auf der anderen Seite trat massiv die Westprominenz auf. Bundeskanzler Helmut Kohl gab seine Ablehnung gegen die „Blockflötenpartei“ CDU schnell auf und machte Wahlkampf für die konservative Allianz für Deutschland. Die strebte unter der Losung „Nie wieder Sozialismus“ die schnelle Einheit an.

Die Sozialdemokraten waren einheitsskeptisch, und die Bürgerbewegung plädierte für einen Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Es war spannend wie nie, und jede Stimme zählte. Doch wir konnten unsere Stimmen nicht abgeben: Wir waren 260 Fahrkilometer von Berlin entfernt. Der 12.25-Uhr-Zug nach Berlin war gerade weg – das hatten wir also von unserer Coolness.

„Zettel falten“

Doch mein älterer Bruder war an jenem Tag ebenfalls bei den Eltern. Er war im großen Fluchtsommer 1989 über die Prager Botschaft in den Westen gegangen. Er musste nun zwar wieder ganz schnell in den Westen, um seinen neuen Job nicht zu verlieren, aber er hatte eine Idee. Also stiegen wir in seinen roten Golf GTI und rasten dem Mittagszug nach Berlin hinterher. Bis 13.13 Uhr sollten wir ihn in Bernburg eingeholt haben.

Wir wollten unsere erste echte Wahl nicht verpassen. Endlich nicht mehr „Zettel falten“. So nannten die meisten Leute das Wählen in der DDR, das durchaus etwas Entwürdigendes hatte, denn es gab zwar eine Wahlkabine, aber die war praktisch tabu. Wer da hineinging, wollte die Einheitsliste durchstreichen, und das trauten sich lange Zeit nur echte Oppositionelle. Die Masse der DDR-Bürger faltete brav vor aller Augen den Wahlzettel und ließ ihn in die Urne gleiten.
Der rote Golf raste dem Zug hinterher, doch um 13.13 Uhr verpassten wir ihn auch in Bernburg. Aber 13.31 Uhr in Dessau sollte klappen. Wir lagen wirklich gut in der Zeit.

Wandel der Losung

Der Wahlausgang galt als völlig offen. KIar war nur, dass sich die Stimmung im Land innerhalb kurzer Zeit total gewandelt hatte. Das zeigten die Hauptlosungen auf den Demonstrationen: Im Mai 1989 gingen die ersten auf die Straße. Es waren mutige Oppositionelle und viele Ausreisewillige, die nicht mehr viel zu verlieren hatten. Sie forderten: „Wir wollen raus.“ Im Sommer folgte dann die riesige Ausreisewelle über die offene Grenze in Ungarn. Und 6000 DDR-Bürger warteten in der Prager Botschaft der Bundesrepublik auf ihre Ausreise.

Ab September lautete die Hauptlosung „Wir bleiben hier“. Es war eine Warnung an die SED. Ab Anfang Oktober entwickelten sich die anfangs kleinen Demos zu einer Massenbewegung. Mit der Losung „Wir sind das Volk!“ forderte die Mehrheit nun selbstbewusst große Reformen in der DDR ein. Doch schon Ende Oktober hieß es: „Die Mauer muss weg!“ Als die dann tatsächlich völlig überraschend fiel, schallte es auf den Demos fast nur noch „Deutschland einig Vaterland“ und „Wir sind ein Volk“.

Stärke der Bürgerbewegungen unklar

Trotzdem lagen die Einheitsbefürworter von der konservativen Allianz nicht etwa klar vorn in den Umfragen. Bestenfalls war von einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Sozialdemokraten die Rede. Andere sahen die ganz klar vorn. Später hieß es, SDP-Chef Ibrahim Böhme habe schon vor Schließung der Wahllokale mit ersten potenziellen Ministern über die Regierung verhandelt. Völlig unklar war, wie stark die ehemalige SED werden würde und die Bürgerbewegungen.

Das Ortsschild von Dessau erreichten wir rechtzeitig. Doch dann stoppten uns viel zu viele rote Ampeln. Wieder war der Zug weg. Also wollten wir trampen, und mein Bruder brachte uns zur Autobahn. Dann verschwand der rote Golf Richtung Westen, und wir hielten den Daumen in den Wind. Uns blieben nur noch vier Stunden bis zur Schließung der Wahllokale. Und kein Auto hielt.

Ausgelassene Stimmung

Irgendwann hatten wir doch noch Glück: Ein Lada hielt. Drinnen saß ein 30-jähriger Mann aus Thüringen. Er erzählte, dass er auf einem aussichtsreichen Listenplatz der Sozialdemokraten stand und zur Wahlparty seiner Partei nach Berlin fahre. Wir gratulierten ihm schon mal zum Einzug ins Parlament.

Er brachte uns zum Wahllokal in der Großen Hamburger Straße in Mitte. Uns blieben nur noch 20 Minuten. Wieder mussten wir lange diskutieren. Wieder telefonierte der Leiter des Wahllokals lange. Schließlich durften wir doch noch wählen. Kurz vor 18 Uhr traten wir stolz in die Wahlkabinen.

Danach fuhren wir zu unserem Studentenclub in Biesdorf. Dort lief eine große Wahlparty. Die Stimmung war ausgelassen. Hier tranken die meisten auf den Sieg aller möglicher Kräfte links der CDU. Es dauerte ewig, bis die erste Hochrechnung erstellt war. Um 19.53 Uhr meldeten die Nachrichtenagenturen „DDR-Bürger wollen konservative Parteien – Klarer Sieg für die Allianz“.

Tiefes Unverständnis für das Volk

Das Ergebnis war eindeutig: Die SDP war deklassiert, denn die konservative Allianz bekam mit 48 Prozent mehr als doppelt so viele Stimmen. Die PDS landete auf Platz drei. Für die Bürgerbewegungen, die die Wahl mit ihrer langen Oppositionsarbeit erst möglich gemacht hatten, war das Ergebnis ein Schock: Sie hatten sich zum Bündnis 90 zusammengeschlossen, um so möglichst viele Stimmen zu bekommen, schafften aber nur 2,9 Prozent. Das Bündnis zog nur deshalb ins Parlament, weil es keine Fünf-Prozent-Hürde gab. Bürgerrechtler Jens Reiche sagte später: „Das waren in die DDR exportierte Westwahlen. Das Bonner Nilpferd ist in einer Massivität gekommen, dass man einfach hilflos war.“

Die ausgelassene Stimmung im Studentenclub war schlagartig dahin. Die Diskussionen waren nun geprägt von tiefem Unverständnis für das Volk. Das Volk hatte alle, die von einem Dritten Weg träumten, völlig überrumpelt. Das Volk wollte die schnelle Einheit, wollte Westgeld, Wohlstand und eine eingespielte Demokratie. Keine Experimente eben. Als der SPD-Bundestagsabgeordnete Otto Schily nach den Gründen für den Wahlausgang gefragt wurde, holte er eine Banane hervor und hielt sie in die Kamera. Ein Wohlstandsbürger machte sich lustig über Leute, die nun auch auf Wohlstand hofften. Es war eine Art von Arroganz, die die Sicht vieler im Westen auf den Osten bis heute prägt.

Höchste Wahlbeteiligung

Der 18. März 1990 war ein besonderer Tag. Der erste Wahltag in der DDR-Geschichte, an dem alle hätten zu Hause bleiben können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Doch genau das Gegenteil geschah. Es wurde der demokratischste Tag weit über die DDR hinaus. Denn nicht nur wir beide waren ganz heiß darauf zu wählen, auch 93 Prozent aller Bürger. Das ist bis heute der höchste Wert, der in Deutschland je bei demokratischen Parlamentswahlen erreicht wurde.

Ich gehe noch immer zu jeder Wahl, obwohl es heute deutlich schwerer fällt, zu entscheiden, welche Partei für die richtige Wahl in Frage kommt. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie hat damit zu tun, was nach jenem historischen 18. März passierte.