Prinsengracht in Amsterdam: Der niederländische Bildungsbürger konsumiert seine seichte amerikanische Romcom ausschließlich „OmU“, also im Original mit Untertiteln.
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BerlinDie Niederländer sind ein stolzes Volk. Besonders stolz sind sie auf drei Dinge: Sie haben 2001 als erstes Land weltweit die Homo-Ehe eingeführt, was seitdem immer wieder als Totschlagargument dafür herhalten muss, dass die Niederländer auch in allen anderen Belangen Toleranzweltmeister sind.

Kurioserweise höre ich auch ständig von Holländern, wie stolz sie auf die Qualität ihrer Wege sind. Es erscheint mir zwar etwas absurd, dass sich durch schlaglochfreie Straßen solch ein gesamtgesellschaftliches Behagen erzeugen lässt, aber ich fahre auch kein Auto, also was weiß ich schon?

Niederländer sind stolz auf ihr Englisch - das Beste unter allen Nicht-Muttersprachlern

Richtig stolz sind Niederländer aber vor allem auf ihre Englischkenntnisse. Unter allen Nicht-Muttersprachlern sprechen sie es weltweit am Besten, das hat wohl eine Studie ergeben. Ich hätte die Studie, um ehrlich zu sein, nicht gebraucht, denn bei jeder erdenklichen Gelegenheit schmieren mir meine niederländischen Freunde auf’s Brot, wie grottenschlecht das Englisch meiner Landsleute ist.

Dass in Deutschland englische Filme und Serien fast immer synchronisiert werden, empfinden sie als ein Kapitalverbrechen an der Kunst. Der Bildungsbürger aus dem Amsterdamer Grachtengürtel konsumiert seine seichte amerikanische Romcom nämlich ausschließlich „OmU“, also im Original mit Untertiteln, abgeschmeckt mit einer ordentlichen Prise Selbstherrlichkeit. Dass ich Synchronsprecher irgendwie auch für Künstler halte und ein bisschen in die deutsche Synchronstimme von Kate Winslet verliebt bin, lasse ich dann meistens unerwähnt.

Eigene Sprache wird abgelegt wie ein kratziger Pullover

Für übersetzte Bücher gilt übrigens dasselbe: ein wahrer Kosmopolit liest englische Romane nach hiesiger Auffassung im Original. (Und japanische, arabische, französische oder russische Bücher dann halt wohl gar nicht.) Ich lese, höre und spreche gern Niederländisch, ich habe die Sprache und Literatur an der Universität studiert. Aber manchmal bekomme ich fast den Eindruck, die Niederländer selbst hassen ihre Sprache regelrecht, so bereitwillig, wie sie sie bei jeder Gelegenheit, die sich Ihnen bietet, ablegen wie einen kratzigen Pullover.

Kürzlich hatte ich beruflich mit einem jungen Mann zu tun – nennen wir ihn hier mal Joost – der erst tagelang nicht bemerkt hat, dass ich Ausländer bin, während wir auf Niederländisch mailten und telefonierten. Seitdem ich meine Herkunft aber mal beiläufig während eines Gesprächs erwähnt habe, beginnt er jedes Telefonat mit „Hey, this is Joost. Everything goes well?“ Ja, Joost, super geht’s, danke der Nachfrage. Aber hör doch bitte auf, meine Niederländischkenntnisse mit deinem mittelmäßigen Polder-Englisch zu beleidigen.

Marrokanischstämmigen Jugendlichen wird sauberstes Niederländisch abverlangt

Die Niederländer hassen ihre Sprache natürlich nicht. Das merkt man immer dann am deutlichsten, wenn andere genau so achtlos mit ihr umgehen, wie sie selbst. Ständig regen sich Amsterdamer darüber auf, dass sie nicht mal mehr ihren Kaffee in einem Café in ihrer Muttersprache bestellen können, weil kaum ein Kellner in der Hauptstadt sie beherrscht.

Und wehe, türkisch- oder marrokanischstämmige Jugendliche sprechen nicht sauberstes Oranje-Nassau-Niederländisch oder Flüchtlinge haben nach drei Jahren im Königreich noch nicht das umfangreiche Werk Willem Frederik Hermans gelesen. Denn so sehr sie hier ihre Untertitel auch lieben – den Nicht-Muttersprachlern im Land gestehen die sonst so toleranten Niederländer sie nicht zu.