Die Innenstadt von Amsterdam.
Foto: imago images / Jochen Tack

AmsterdamSeit ich in Amsterdam lebe, muss ich auf einiges verzichten: Brötchen zum Beispiel. Die praktischen kleinen Brotlaibe findet man höchstens in der Aufbackvariante im Supermarkt, die Niederländer essen ihr Brot lieber in Scheiben.

Auch eine schöne Kindheitserinnerung verblasst hier langsam, denn all die klebrig-süßen Lebensmittel, die nach Waldmeister schmecken – Wackelpudding, Ahoi Brause, Maibowle, Berliner Weiße mit Schuss und dieses grüne Wassereis, das es früher im Freibad gab, gibt es hier nicht. Den Verlust einer anderen vermeintlichen Selbstverständlichkeit spüre ich jeden Tag: meine Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft. Hier in Holland bin ich Ausländer.

Als Deutscher fremd und dennoch privilegiert

Das meine ich übrigens nur halb so pathetisch, wie es klingt, denn als Mann mit weißer Hautfarbe genieße ich in Holland weiterhin eine Menge Privilegien, wie zum Beispiel jenes, in der Regel von Holländern erst mal für einen von ihnen gehalten zu werden.

Trotzdem fällt es mir an kleinen Dingen ständig auf, dass ich Ausländer bin: wenn ich zum Beispiel am 3. Oktober etwas lustloser als meine niederländischen Kollegen zur Arbeit gehe, sie sich in der Mittagspause über den Sänger einer peinlichen niederländischen Boyband aus den Neunzigern unterhalten, den ich unmöglich kennen kann, oder ich beim Feierabendbier in einer lauten Bar extrem genau zuhören muss, um dem Gespräch folgen zu können, das alle anderen in ihrer Muttersprache führen.

Bemerkenswert ist aber, dass die niederländische Gesellschaft die Bevölkerung gar nicht in In- und Ausländer aufteilt. Es gibt zwar ein Wort – buitenlander – das dasselbe Konzept beschreibt, in der öffentlichen Debatte wird es aber kaum verwendet. Stattdessen stößt man auf die Begriffe „autochthon“ für eine gedachte einheimische Bevölkerung und „allochton“ für diejenigen, die selbst nicht in den Niederlanden geboren sind oder einen Elternteil haben, auf den das zutrifft.

Kolonialhintergrund bedeutet Nachteile

Den Unterschied zu dem Wortpaar „In- und Ausländer“ merke ich, als ich auf Wohnungssuche bin und mir in einer Gegend der Stadt, die als Problemviertel gilt, eine Wohnung anschaue. Auf dem Bürgersteig stehen zwei Dutzend Wohnungssuchende, ich bin der einzige Weiße. Eine Studentin erzählt mir, dass sie von der Insel Curaçao stammt, die zum niederländischen Königreich gehört. Sie hat also von Geburt an einen niederländischen Pass und ist also nach keiner Definition Ausländerin. Das niederländische Amt für Statistik erfasst sie trotzdem als Allochthone, genaugenommen als „nicht-westliche Allochthone“, quasi eine Randgruppe in der Randgruppe.

Der sehr blonde Makler bietet schließlich mir die Wohnung an, noch bevor die Besichtigung zu Ende ist. Ich bin zwar auf dem Papier der wohl einzige Ausländer unter den Interessenten, aber eben ein „westlicher“ Allochthoner, über die man selten etwas in der Zeitung liest.

Denselben Rassismus gibt es in Deutschland natürlich auch, trotzdem erscheint mir Begriff „Ausländer“ im Vergleich fast fair. Denn Deutscher ist jeder, der einen deutschen Pass hat. Vor allem kann man einen deutschen Pass immerhin innerhalb eines Lebens erwerben, während das Label „allochthon“ noch an meinen Kindern und Enkelkindern kleben würde. Und auch wenn es diese hypothetischen Kinder wohl nicht geben wird, bin ich der festen Überzeugung, dass an ihnen nichts kleben sollte, das nicht nach Waldmeister schmeckt.